Beamte in Indien Überwachung gegen Faulheit

Sie kommen spät, gehen früh und tun möglichst wenig: Indiens Beamte sind berüchtigt für ihre laxe Arbeitsmoral. Die Regierung will das ändern und lässt jetzt 50.000 Regierungsangestellte virtuell überwachen - von Bürgern.

Indischer Beamter an seinem Computer (Symbolbild): Viele Angestellte drücken sich angeblich vor der Arbeit
DPA

Indischer Beamter an seinem Computer (Symbolbild): Viele Angestellte drücken sich angeblich vor der Arbeit

Von , Neu-Delhi


Die Frau hat gerade an ihrem Schreibtisch des indischen Agrarministeriums Platz genommen, da klingelt auch schon das Telefon: Wieso sie erst um 10.51 Uhr zur Arbeit erschienen sei, will der Anrufer wissen. Arbeitsbeginn für Beamte im indischen Staatsdienst sei doch um 9.30 Uhr - wie es komme, dass sie 81 Minuten Verspätung habe? "Ich nehme öffentliche Verkehrsmittel zur Arbeit, da dauert es eben manchmal länger", giftet die Frau und knallt den Hörer aufs Telefon.

Geht es nach der im Mai gewählten indischen Regierung Narendra Modis, werden sich solche Szenen künftig häufig in Indiens Amtsstuben abspielen: Die für ihren Schlendrian berüchtigten indischen Beamten sollen sich ab sofort vor einem strengen Richter rechtfertigen müssen - dem Bürger. Der hat seit Anfang Oktober nämlich dank moderner Technik Einblick in das Kommen und Gehen von 51.142 Angestellten im öffentlichen Dienst. Mithilfe eines Fingerabdrucklesers wird seit dem 1. Oktober erfasst, wer wann zur Arbeit erscheint. Die Ergebnisse werden auf einer Website öffentlich einsehbar ins Netz gestellt.

Dort lässt sich nicht nur namentlich nachvollziehen, wer sich wann ins Zeug legt, die Daten werden auch zu Statistiken aufbereitet. Per Tortendiagramm und Kurvengrafiken können geneigte Bürger dort nachvollziehen, dass sich im Schnitt etwas mehr als die Hälfte der Beamten zwischen 9 und 10 Uhr morgens - also halbwegs pünktlich - an ihrem Arbeitsplatz einfindet. Am Mittwoch kamen jedoch 7,1 Prozent erst zwischen 10 und 11 Uhr, 5,1 Prozent schafften es gar, sich erst nach 11 Uhr blicken zu lassen. Die per Statistik ermittelten schwarzen Schafe sollen in den kommenden Monaten abgemahnt werden - öffentlich bloßgestellt sind sie ja schon.

Die Überwachung als Zumutung

Die Zuspätkommer, die mit SPIEGEL ONLINE sprachen, reagierten alle pampig: Die Überwachung sei eine Zumutung, grollte einer. Die meisten Inder sehen das anders. Auf sozialen Medien weiden sich viele Nutzer am Unbehagen der Babus genannten und als faul verschrienen Beamten. "Fantastisch!", freute sich etwa Me Debi Senapati. "Das sind die kleinen Schritte, die wir brauchen, um Indien zu verändern."

Die ersten zwei Wochen der Datenerhebung haben viele der Vorurteile, die Inder gegenüber den Babus hegen, bestätigt. In den ersten Tagen waren zu keinem Zeitpunkt mehr als 50 Prozent der Erfassten im Büro. Inzwischen hat sich das etwas gebessert: Am Mittwoch etwa ließen sich 30.198 von über 50.000 Staatsdienern zu irgendeinem Zeitpunkt am Arbeitsplatz blicken.

Gutes Gehalt, wenig Arbeit, eine Dienstwohnung in bester Lage und mit etwas Glück ein Dienstwagen: Regierungsjobs sind in Indien heiß begehrt. Die Aufnahmetests für den öffentlichen Dienst sind schwer, selbst die besten Schulabgänger büffeln monatelang, um sie zu bestehen. Doch wer einmal einen Posten ergattert hat, kann sich zurücklehnen: Beamte sind so gut wie unkündbar.

Anwesenheitslisten werden gefälscht

Indische Bürger sind Kummer gewohnt und nehmen es stoisch hin, wenn sich ganze Abteilungen für längliche Geburtstagsfeiern eines Kollegen zurückziehen, obwohl das Wartezimmer voll ist. Unter Beamten galt es bis jetzt als Freundschaftsdienst, nicht zur Arbeit erscheinende Kollegen in die bislang per Hand geführten Anwesenheitslisten als anwesend einzutragen.

Wer wegen allzu viel Faulheit dann doch mal vom Dienst freigestellt wird, kann sich fast freuen: Denn während der meist Jahre dauernden und oft ins Leere laufenden Ermittlungen gegen ihn darf er nicht nur Dienstwohnung und -auto behalten, sondern bekommt auch einen Gutteil seines Gehalts weiterbezahlt.

Dass die Maßnahme die Handschrift des als überaus fleißig und pünktlich geltenden neuen Ministerpräsidenten Modi trägt, haben indische Zeitungen lange analysiert. Modi scheint auch in den eigenen Reihen Disziplin einführen zu wollen. Laut der "Times of India" hat der Chef der Bharatiya Janata Partei (BJP) Dienstwagen seiner Parteifürsten mit GPS-Geräten ausstatten lassen, um zu überwachen, ob diese tatsächlich beim Wähler sind oder es sich im Hotel gut gehen lassen.

Nur ein einsamer Analyst wagte sich in den vergangenen Tagen aus der Deckung, um zu beklagen, dass Indien nicht zum Überwachungsstaat werden dürfe. Disziplin sei gut, aber sie dürfe den Menschen nicht versklaven, schrieb Pratap Bhanu Metha im "Indian Express". Seine Leser reagierten mit Hohn. "Sir, sind Sie jemals in einer Amtsstube gewesen?", fragte einer.

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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