Netzwelt-Ticker Indien rüstet zum Cyberwar

Die indische Regierung verschärft ihre Wehrfähigkeit im Internet, die US Navy wird ihre Drohnenflotte auf Linux umstellen, Microsoft muss Penis-Blamage erdulden, und Anonymous Austria veröffentlicht drei Gigabyte Scientology-E-Mails. Das und mehr im täglichen Netzwelt-Überblick.

Cyberkrieger: Indien rüstet auf
Corbis

Cyberkrieger: Indien rüstet auf


Indiens Regierung verschärft die Gangart beim Umgang mit echten und angeblichen Internet-Bedrohungen. Zum einen sollen neue Regierungsprogramme den Schutz der nationalen kritischen Infrastrukturen verbessern, zum anderen sollen gleich zwei Behörden Cyber-Schläge gegen andere Staaten ausführen dürfen.

Wie die "Times of India" von anonymen Quellen erfahren hat, wird der indische Sicherheitsrat demnächst der Defence Intelligence Agency (DIA) und der National Technical Research Organization (NTRO) den Einsatz von Hackangriffen erlauben, und allen anderen Geheimdiensten die Spionage im Internet.

Die digitale Aufrüstung in Indien hat einen ernsthaften Hintergrund - und wird populistisch legitimiert. Zum einen sei Neu-Delhi immer wieder Opfer von Cyber-Angriffen - also vor allem Überlastungsangriffen und Spionageversuchen, kriminellen, polit-aktivistischen und vermutlich staatlichen Ursprungs. Zum anderen werden sogar zufällige Stuxnet-Infektionen in Indien von einem (von der "Times of India" nicht näher identifizierten) Regierungsbeamten als potentieller Angriff auf die indische Infrastruktur umgedeutet.

Ganz handzahm erscheinen dabei die Bemühungen zum Schutz der kritischen Infrastrukturen. Indiens digitale Feuerwehren, die Computer Emergency Response Teams (CERTs), sollen ausgebaut und mit neuen Befugnissen ausgestattet werden. Neue Teams sollen einzelne Bereiche der kritischen Infrastrukturen beaufsichtigen und schützen.

Linux statt Windows: US-Marine stellt um

Die US Navy wird ihre Drohnenflotte auf Linux umstellen. Die private Militärfirma Raytheon wurde mit der Umrüstung der Bodenstationen für knapp 28 Millionen Dollar beauftragt. Zwar ist kein offizieller Grund für den Umstieg bekannt, doch dürften die Erfahrungen des US-Militärs mit Windows-Malware zumindest einen wichtigen Beitrag zur Entscheidung geleistet haben. Im letzten Jahr infizierte ein Virus die Drohnen-Cockpits - laut Militärs nur eine Störung, kein Angriff. Als Entwickler dürfte sich die Firma Raytheon durch die langjährigen Erfahrungen sowohl mit Drohnen als auch mit deren Steuerung durch Linux-Computer empfohlen haben.

Aber wie sieht das eigentlich mit den Software-Lizenzen aus, müsste das US-Militär nicht den Quellcode offenlegen? Nicht, heißt es in einem Militärhandbuch, solange die Militär-Software in der Hand der Regierung bleibt.

Penis-Blamage für Microsoft

"Unangemessene, verletzende Elemente und vulgäre Sprache": Software-Hersteller Microsoft hat sich für einen Bühnenauftritt auf der norwegischen Entwicklerkonferenz NDC entschuldigt. Man werde sich der Sache "aktiv" annehmen und entschuldige sich bei Partnern und Kunden.

Ein ganz schön rauer Ton, angesichts des Schadens, den das Video nicht bei "Partnern und Kunden", sondern bei Microsoft selbst anrichten dürfte. Denn auch wenn der Developersong offenbar lustig gemeint ist - "Program People; Coding is our Drug" - so ist er doch vor allen Dingen unerträglich peinlich. "I got the skillz 2 impress / I'm a computer genious / The words "Micro" and "Soft" / Don't apply to my penis (or vagina)," lautet die umstrittene Textzeile, von einer Scooter-Stimme gestammelt, von Hotpants betanzt.

Einem Publikum, das von einem schlechten Penis-Witz nicht gerührt ist, dürfte aber vor allem ein Moment trauriger Erleuchtung zur Textzeile "I'm developing for the rest of my life" und der Applaus vom Band, zu dem das peinlich berührte Entwickler-Publikum sich steif wundert, aufgefallen sein. Aber schauen Sie selbst...

Was am Montag sonst in der Netzwelt wichtig war

  • Noch immer droht 350.000 Surfern das plötzliche Internet-Aus, wenn am 9. Juli die Infrastruktur der DNS-Changer-Malware abgeschaltet wird. Jetzt wird auch Facebook in der wohl größten Aufklärungskampagne des Internets mitmischen und DNS-Changer-Opfer über die Infektion und mögliche Gegenmaßnahmen aufklären.
  • Dem Blog des AK Vorratsdatenspeicherung ist das Wortprotokoll der nicht-öffentlichen Anhörung des Innenausschusses des Bundestags zur Vorratsdatenspeicherung zugespielt worden. Inhalt: die Frage, wie schlimm EU und Bundesregierung in der Frage der Telko-Überwachung kollidieren.
  • Die österreichische Aktivistengruppe Anonymous Austria hat knapp drei Gigabyte interne E-Mails der Scientology-Bewegung veröffentlicht. Das große Rennen um die enthüllendsten E-Mails ist eröffnet. - und dürfte wahrscheinlich an der Banalität des Materials scheitern. Bisheriges Highlight: eine angebliche Grußbotschaft eines österreichischen Bau-Großunternehmers.
  • Der Angriff der Zombie-Armee ist eine Sache. Aber wie geht man mit einer Horde belebter Skelette um? Brian Noggle hat sich zu dieser drängenden Frage ein paar Gedanken (zu viel) gemacht.
  • Die Grafik-Engines von Computerspielen ziehen in die Filmindustrie ein - zur sogenannten Prävisualsierung von 3D-Szenen, aber auch als schnelle und leicht zu handhabende Grafik-Maschinerie.
  • Japan ist das Land der Hochtechnologie - und des Faxes. Die "Washington Post" ergründet, warum sich im Gegensatz zum Rest der Welt gerade in Japan die alte Faxmaschine als enorm langlebig erweist.
  • Microsoft hat eine neue, erheblich erweiterte Version des - für manche Menschen - sehr praktischen Process Explorers veröffentlicht, einem Programm, mit dem man Windows über die Schultern schauen kann. Neu dabei: Zum Beispiel eine Ansicht, seit wann und wie lange ein Prozess aktiv ist.
  • Meebo verschwindet (fast) vollständig: Nachdem Google den Messenger- und Profildienst gekauft hat, wird Meebo offenbar ausgeschlachtet. Der Messaging-Dienst und diverse andere Meebo-Angebote werden in wenigen Tagen dichtgemacht.
  • Pirate Bay für Briten unerreichbar: "The Register" vermeldet, dass jetzt auch der britische Internetprovider TalkTalk den Zugang zur BitTorrent-Plattform The Pirate Bay blockiert hat. Damit ist er der fünfte und letzte Anbieter, der die Anordnung des High Court vom April umsetzt.



insgesamt 2 Beiträge
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papene 11.06.2012
1. Process Explorer
Wenn ich gelegentlich mit diesem (regelmäßig besser werdenden) Tool einen tiefen Blick unter die Haube meiner Mühlen werfe, weiß ich wieder, warum ich mit den vakuum-versiegelten Zeitgeist-Playtoys aus Obstkorb nix mehr zu tun haben will ...
Arckenheidt 12.06.2012
2. Process-explorer für Unices:
Konsole öffnen -> "ps" eingeben (mit "man ps" die Dokumentation der Zusatzparameter anzeigen lassen). Funktioniert unter allen Unices; auch OSX!
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