Fake News und ihre Folgen Ein Gerücht, 23 Tote

Der Westen diskutiert, wie Fake News Wahlen beeinflussen. In Indien führen Falschinformationen aus dem Netz regelmäßig zu Gewalt und Toten. Das hat mit einer eigentlich positiven Entwicklung zu tun.

Protest gegen einen Lynchmob in Ahmedabad
AFP

Protest gegen einen Lynchmob in Ahmedabad

Von , Bangalore


In einem Dorf dreihundert Kilometer vom indischen Mumbai entfernt bittet ein Mann ein Mädchen um Wasser. Er ist ein Nomade und fremd im Ort, bei ihm sind vier weitere Männer. In Windeseile formt sich ein wütender Mob; Hunderte aufgebrachte Menschen gehen auf die Fremden los. Die Nomaden flüchten in einen Raum. Aber die Menge setzt ihnen nach: Sie schlagen und würgen sie und lassen erst von ihnen ab, als die Männer tot sind.

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagmorgen, aber er ist nicht der einzige seiner Art: Im Mai starb eine 55-jährige Frau in Südindien, nachdem sie Süßigkeiten an Kinder verteilt hatte. Im Juni wurden zwei Männer im Nordosten des Landes getötet. Sie waren auf der Durchreise und wollten nach dem Weg fragen. Da ging ein Mob auf sie los.

Mindestens 23 Menschen starben im vergangenen halben Jahr auf ähnliche Art und Weise. Und auch wenn die Tatorte viele hundert Kilometer voneinander entfernt liegen, so verbindet sie doch eins: All diese Menschen sind wahrscheinlich wegen ein und desselben Gerüchts gestorben, das sich vor allem per WhatsApp verbreitet.

Die Nachricht ist in verschiedenen Varianten in den sozialen Medien im Umlauf, in ganz Indien: Eine Bande von Kindesentführern ziehe durchs Land. Sie komme auch bald in deine Stadt, sei wachsam.

200 Millionen WhatsApp-Nutzer in Indien

In Gruppen mit teils vielen Dutzend Mitgliedern wird dazu ein Video als angeblicher Beweis geteilt. Es zeigt Kinder beim Cricketspielen. Ein Motorrad nähert sich, es wendet, einer der Männer greift einen der Jungen und schleppt ihn fort.

Tatsächlich stammt das Video aus Pakistan und nicht aus Indien. Es zeigt auch keine Entführung, sondern einen Ausschnitt aus der Kampagne einer Hilfsorganisation, die Eltern davor warnen soll, ihre Kinder unbeaufsichtigt zu lassen.

Fake News sind zu einem globalen Problem geworden. Aber während sich der Westen vor allem sorgt, ob und wie sie Wahlen beeinflussen, führen Falschinformationen in Indien regelmäßig zu Gewalt und Toten.

Dass die Onlinegerüchte zu Gewaltausschreitungen führen, hat viel mit einer eigentlich guten Nachricht zu tun: Dank günstiger Smartphones und billiger Datentarife entdecken Millionen Inder zum ersten Mal das Internet. Allein WhatsApp hat in Indien 200 Millionen Nutzer, für die Firma ist das Land der weltweit größte Markt. Und für viele Nutzer ist die App ihre Hauptquelle für Unterhaltung, Kommunikation und Information.

Nicht nur ein indisches Problem

Aber vielen Menschen, gerade im ländlichen Indien, fällt es schwer, in dieser neuen Internetwelt, die sich ihnen erst kürzlich öffnete, die Lüge von der Wahrheit trennen. Und gerade gelangweilte junge Männer scheinen nur allzu bereit, im Schutz des Mobs auf Fremde loszugehen.

Das Problem ist auch nicht auf Indien beschränkt. Regierungen in ganz Südasien sehen sich mit dem Onlinehass und seinen Offlinefolgen konfrontiert:

  • In Sri Lanka kam es im März zu blutigen Ausschreitungen zwischen Buddhisten und Muslimen. Auslöser waren auch hier unter anderem Falschmeldungen, die sich rasant im Land verbreiteten. Die Regierung blockierte daraufhin zeitweise Facebook und WhatsApp. Ein Minister sagte später: "Innerhalb weniger Stunden hätte das ganze Land in Flammen aufgehen können."
  • In den Tagen vor den Ausschreitungen gegen die Rohingya in Myanmar teilten Facebook-Nutzer tausendfach eine Nachricht, wonach sich die Muslime im Land angeblich auf einen Dschihad vorbereiten würden. Ein Uno-Untersuchungsbericht befand später, dass Facebook "eine entscheidende Rolle" beim Ausbruch der Gewalt gespielt hat, wegen der Hunderttausende Rohingya nach Bangladesch flohen. Auch Facebook-Chef Mark Zuckerberg räumte das später ein.

Schwer zu stoppen

Aber während sich auf Facebook selbst noch vergleichsweise leicht verfolgen lässt, wie sich Falschmeldungen und Gerüchte verbreiten, ist das bei WhatsApp fast unmöglich, weil hier Menschen fast ausschließlich privat miteinander kommunizieren. Zudem sind die Nachrichten in der Regel verschlüsselt. Das ist schön für die Privatsphäre, es bedeutet aber auch, dass sich ein Gerücht, wenn es einmal im Umlauf ist, kaum stoppen lässt - auch nicht von WhatsApp und seiner Mutterfirma Facebook.

Die indische Regierung hat WhatsApp trotzdem aufgefordert, "der Bedrohung umgehend Einhalt zu gebieten". In einer Stellungnahme antwortete die Firma am Mittwoch, man habe bereits die Gruppeneinstellungen so verändert, dass Administratoren mehr Kontrolle darüber erlangen, wer Nachrichten teilen darf. In der indischen Version der App sollen zudem weitergeleitete Nachrichten künftig als solche gekennzeichnet werden. Außerdem werde man eine Kampagne zur Medienkompetenz starten und mit Faktenprüfern wie der Website "Boom Live" zusammenarbeiten.

Die indischen Behörden versuchen derweil, den digitalen Lügen auf analoge Art beizukommen: Mancherorts fuhren Autos durch die Straßen, durch die Lautsprecher schallte es: Traut keinen Gerüchten.

Auch im Fall der toten Nomaden hatte die Polizei Tage zuvor Fernsehsender und Zeitungen gebeten, die Sache richtigzustellen. Genützt hat es offenbar nichts.

Video: Wer steckt hinter Fake News?

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insgesamt 21 Beiträge
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Kiesch 04.07.2018
1. Anlass und nicht Ursache
Ich verstehe nicht ganz warum auf Whatsapp etc. rumgehackt und diese als Ursache des Problems verteufelt werden. Sie sind maximal der Anlass. Die eigentliche Ursache liegt offenbar in einer Kultur der Selbstjustiz. Da ist der Staat gefordert dem Einhalt zu gebieten indem Selbstjustiz sanktioniert und zugleich der Rechtsstaat vertrauen in seine Handlungsfähigkeit und Gerechtigkeit genießt. Denn egal was das Gerücht sagt - deswegen einen Menschen zu erschlagen deutet nicht gerade auf einen Funktionierenden Rechtsfindungsweg hin.
Newspeak 04.07.2018
2. ...
Ein Lynchmob ist in keinem Land der Welt legal, egal auf welchem Geruecht er fusst. Indien hat kein Problem mit Fake News, sondern mit Gewalt an sich.
quark2@mailinator.com 04.07.2018
3.
Hintergrund ist natürlich der Mangel an verfügbarer Staatsmacht. Das der Staat das Gewaltmonopol hat funktioniert nur, solange die Bürger wissen, daß der Staat auch verfügbar ist, das also tatsächlich Polizei und Justiz wirkungsvoll und berechenbar da sind, um Verbrechen zu verhindern bzw. zumindest zu bestrafen. Wenn das wegfällt, nehmen die Leute das selbst in die Hand und leider ist "der Mob" nahezu immer fahrlässig in der Aufklärung und brutal in der Bestrafung. Insofern ist verfügbare Staatsgewalt ein Zivilisationsmerkmal und angesichts des Rückbaus von Polizei und Ordnungsamt in DE (nach 18:00h ist oft keiner zuständig) ... Schlimm solche Aktionen, aber ich sehe sie nicht auf Indien begrenzt.
Frida_Gold 04.07.2018
4.
Jetzt sollen die Medien daran schuld sein, dass Menschen ihre Aggressionen an Fremden auslassen? Sind sie auch an den mörderischen Gruppenvergewaltigungen in Indien schuld, die immer wieder durch die Medien gehen? Indien hat gewaltige Probleme. Fake News bringen diese vielleicht zu Tage, verursachen sie aber nicht.
Atheist_Crusader 04.07.2018
5.
Selbstjustiz grassiert dort wo entweder die staatliche Justiz schwach, korrupt oder sonstwie unzuverlässig ist. Hatten wir hier in Deutschland ja auch schon, mit den paar Spinnern die vor ein paar Jahren dazu aufgerufen hatten eine Polizeistation zu stürmen um einen mutmaßlichen Kinderschänder zu lynchen. Ist zum Glück eher die Ausnahme als die Regel, aber das zugrundeliegende Problem ist das gleiche. Dagegen hilft nur Selbstjustiz hart zu bestrafen und gleichzeitig das Vertrauen in die Justiz zu stärken. Im Falle Indiens kommt noch dazu, dass sich viele Bürger gar nicht wirklich von Delhi vertreten sehen, und sich eher ihren Lokal- und Regionalregierungen zugehörig fühlen, entsprechend stellen sie auch mal örtliche Traditionen und religiöse Regeln über staatliche Gesetze. Dem muss man ebenfalls entgegenwirken, aber das fällt unter "nation building" und ist ein langer Prozess.
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