Industrie 4.0 Warum manchen Robotern Arbeitslosigkeit droht

Industrie 4.0 ist mehr als ein Cebit-Schlagwort, die Digitalisierung verändert Fabriken: Chips in Bauteilen, Virtual-Reality-Brillen und flexible Fertigung werden zur Norm. Mit überraschenden Auswirkungen.

Lernfähiger Roboter Baxter
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Lernfähiger Roboter Baxter

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Die Roboter verlieren ihre Jobs in den Fabriken. Sie werden ersetzt durch Arbeitskräfte, die viel flexibler und anpassungsfähiger sind: Menschen. Das zumindest ist eine Vision, die die Worte von Mercedes-Produktionschef Markus Schäfer nahelegen könnten.

In einem Interview mit "Bloomberg" sagte Schäfer Ende Februar: "Roboter kommen mit dem Grad an Individualisierung und den vielen Produktvarianten, die wir heutzutage haben, nicht klar." Daher würde Mercedes mehr Menschen einstellen. "Wir sparen Geld und sichern unsere Zukunft, in dem wir mehr Menschen beschäftigen", so Schäfer.

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"Das ist einer der Punkte, wie das Schlagwort Industrie 4.0 falsch verstanden wird", sagt Marius Schmeding. "Es wird nie passieren, dass Fabriken irgendwann autonom arbeiten", sagt der Mitgründer des Software-Start-ups Cybus. Es gehe vielmehr darum, die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine effizienter zu machen und die Sicherheit zu erhöhen.

Cybus entwickelt Schnittstellen, um die Kommunikation zwischen Maschinen und Software zu erleichtern. Dadurch sollen die Menschen besser in den Produktionsprozess eingebunden werden. Beispielsweise indem eine Maschine aktuelle Informationen an ein Handy oder eine Smartwatch sendet.

Schwierigkeiten mit der Individualisierung

Der Begriff Industrie 4.0 bezeichnet eine durch das Internet getriebene vierte industrielle Revolution, die Entwicklung der intelligenten Fabrik. Maschinen und Produkte sind untereinander vernetzt. Statt einer Serienfertigung von Produkten will man zu einem kontinuierlichen Fluss kommen, bei dem sich jedes Produkt unterscheiden kann, sagt Schmeding.

Die großen Industrieroboter können bestimmte Aufgaben zuverlässig und in einem schnellen Rhythmus durchführen. Bei häufig wechselnden Anforderungen gibt es allerdings Schwierigkeiten. Das wird zum Problem. Es sei beispielsweise extrem selten, dass in einem Werk zwei komplett identische S-Klasse-Modelle vom Band laufen, so Schmeding.

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Roboter neu zu programmieren und die Montage anzupassen, könne Wochen dauern, sagte Mercedes-Produktchef Schäfer "Bloomberg". In dieser Zeit stünde die komplette Produktion still. Mit geschulten Arbeitern könne eine Produktionslinie dagegen an einem Wochenende umgebaut werden.

Mercedes nutzt auch Augmented-Reality-Anwendungen für Tests mit virtuellen Komponenten. Mitarbeiter trainieren zudem neue Einbauweisen von Komponenten zunächst am Computer. All das soll Mensch-Roboter-Kooperationen fördern. Es gehe nicht darum, den Roboter durch den Menschen zu ersetzen oder umgekehrt, so ein Sprecher.

Roboter werden kleiner und flexibler

Ganz so düster sieht die Zukunft für Roboter also nicht aus. Aber ein Trend zeichnet sich ab: Roboter werden immer kleiner und flexibler, um neuen Anforderungen zu entsprechen. Sie würden verstärkt mit menschlichen Arbeitskräften zusammenarbeiten statt hinter Sicherheitsabsperrungen alleine vor sich hin zu werken, heißt es bei Mercedes. Der Autohersteller nennt die Ausstattung der Arbeiter mit mehreren kleinen Maschinen "Robot farming".

Das könnte so aussehen wie bei VW in Wolfsburg. Dort setzt VW ebenfalls auf kleine Helfer, um die Mitarbeiter zu unterstützen. In der Produktionslogistik wird auch eine 3D-Datenbrille genutzt. Der Träger erhält in seinem Sichtfeld Informationen zu Komponenten, etwa die Teilenummer. Die Kamera der Brille dient als Barcode-Scanner. Hat der Mitarbeiter das falsche Teil entnommen, leuchtet es rot. Mit der Datenbrille habe der Mitarbeiter beide Hände frei und könne durch die Kamera visuell unterstützt werden, heißt es bei VW.

"Mit der Datenbrille heben wir die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Systemen auf ein neues Niveau", sagte der Leiter Werkslogistik, Reinhard de Vries, bei der Einführung im November. Die Nutzung erfolge auf freiwilliger Basis. Wegen der positiven Erfahrungen will VW die Brille in weiteren Werken einsetzen. Zudem testet der Konzern in Produktion und Logistik den Einsatz von Smartwatches und Funkchip-Armbändern.

Kräftiger Umsatzschub erwartet

Im Homburger Werk des Autozulieferers Rexroth läuft seit September 2014 eine Pilotmontagelinie für die halbautomatische Produktion von Scheibenventilen für Traktoren. Für die flexible Herstellung individualisierter Produkte nutzt die Anlage RFID-Technik und Bluetooth. Mit RFID-Scannern ausgestattete Arbeitsstationen erkennen automatisch jede Produktvariante und passen dementsprechend die benötigten Materialien und Abläufe an.

Jede Station zeigt dem Mitarbeiter die relevanten Informationen auf einem Bildschirm an. Das ermögliche eine effiziente Produktion auch in geringen Stückzahlen, sagt Werkleiter Frank Hess. Auch die Einarbeitungszeit der Mitarbeiter habe sich verringert. "Bei Tausenden Teilen summieren sich selbst wenige Sekunden schnell zu beachtlichen Zeiten und Centbeträge zu hunderttausend Euro", sagt Hess.

"Ziel der Maschinenbauer ist die Losgröße 1", sagt Cybus-Mitgründer Schmeding. Das bedeutet, dass Maschinen verschiedene Teile produzieren können, ohne die Produktlinie zu ändern. Bei Rexroth sei die Produktion in der neuen Montagelinie bis zu zehn Prozent gestiegen.

Laut einer Umfrage für den Digitalverband Bitkom im November unter 400 Unternehmen, die derartige Anwendungen nutzen oder ihren Einsatz planen, erwarten 51 Prozent eine Steigerung des Erlöses. Jedes elfte Unternehmen rechnet demnach damit, dass der Umsatz um mehr als zehn Prozent wachsen wird.

Dem Bitkom zufolge nutzen bereits 62 Prozent der Unternehmen in den industriellen Kernbranchen Industrie-4.0-Anwendungen oder planen dies. Eine Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO im Auftrag des Bitkom erwartet bis 2025 in sechs volkswirtschaftlich wichtigen Branchen Produktivitätssteigerungen in Höhe von rund 78 Milliarden Euro durch Industrie 4.0.

Und was haben die Arbeiter davon? Zumindest dürften ihre Arbeitsplätze angenehmer werden. Bei Rexroth beispielsweise passen sich die Beleuchtung der Station, Schriftgröße und Sprache auf dem Monitor und die Informationstiefe der Anwendungen automatisch an. Das funktioniert über den Bluetooth-Tag, den jeder Mitarbeiter bei sich trägt.

So geht die Individualisierung über das Produkt hinaus. Wie sich das Auto an den jeweiligen Fahrer anpasst, stellt sich der Arbeitsplatz auf den Mitarbeiter ein.

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Emmi 15.03.2016
1. Muss ja nicht so bleiben...
Das muss ja nicht so bleiben. Wenn Roboter menschenähnlicher werden, können sie immer mehr Aufgaben übernehmen, die man heute noch nur Menschen zutraut. Und zum anderen sind Kleinserien wie die Herstellung von S-Klassen sicher nicht der Maßstab der *industriellen* Produktion, die Milliarden von Menschen versorgen muss (z. B. mit Milliarden von identischen Smartphones), sondern eher eine Nische (Manufaktur)...
Freddy2009 15.03.2016
2. Jetzt mal ehrlich
Ich bin in der Automobilindustrie beschäftigt.Roboter sind zu 98% nicht wegzudenken. Es ist wäre möglich vereinzelt Roboter gegen handgeführte Arbeitstationen auszutauschen.Dies betrifft aber nur die Endmontagetätigkeiten. In einem Rohbau wäre dies nicht denkbar.Und in einem Rohbau ist nun mal der Riesenanteil an Industrierobotern.Diese Arbeit will keiner machen. Aus Taktzeitgründen geht so etwas auch nicht. Beispiel: alle 46 Sekunden wird bei uns eine neue Bodengruppe hergestellt. Dies ist manuell einfach nicht machbar.
kettensprenger 15.03.2016
3. Massenproduktion gehört Robotern
Mercedes kann man nicht ernst nehmen. Von der S-Klasse werden in Deutschland jährlich irrelevante rd. 800 Stück verkauft. Solche Mini-Nischen sind für den Arbeitsmarkt bedeutungslos. Die Zukunft gehört den Robotern bei mittleren bis großen Mengen, und wie das Beispiel Rexroth zeigt, ist Losgröße 1 auch bei Robotern ein realistisches Fernziel. Diese Entwicklung wird viele Arbeitsplätze wegrationalisieren. Vor allem aber bedeutet die Konkurrenz durch Automation Druck auf die Löhne. Und das reicht schon für eine verheerende Zukunft.
dliblegeips 15.03.2016
4.
Zitat von EmmiDas muss ja nicht so bleiben. Wenn Roboter menschenähnlicher werden, können sie immer mehr Aufgaben übernehmen, die man heute noch nur Menschen zutraut. Und zum anderen sind Kleinserien wie die Herstellung von S-Klassen sicher nicht der Maßstab der *industriellen* Produktion, die Milliarden von Menschen versorgen muss (z. B. mit Milliarden von identischen Smartphones), sondern eher eine Nische (Manufaktur)...
Viele Produkte sind so leistungsfähig das eine Steigerung nicht mehr viel bringt. Die Fahrleistungen einen Autos sind so gut das Fortschritte im normalen Strassenverkehr nicht mehr spürbar sind. Smartphone und Computer werden auch nicht mehr so schnell überholt wie auch schon. Der neue Luxus wird deshalb ein individuelles Produkt sein. Das Gehäuse des Smartphone kann man dann individuell wählen oder die Inneneinrichtung des Autos. Auch Massanzüge und Schuhe werden erschwinglicher werden.Die Massenprodukte wird natürlich es weiterhin geben.
0815jrb 15.03.2016
5. Wunschdenken
Angenommen alle Roboter würden durch Menschen ersetzt. Es müssten 3 Mal so viele Arbeiter eingestellt werden. 3 fache Fertigungsdauer, wenn alle Arbeiter einen wirklich fairen Lohn beziehen würden, würde jedes Auto min. das 3-fach kosten, wer würde das bezahlen wollen oder können? Dass ist die Realität und nicht irgendwelche Hirngespinste eines überbezahlten Managers der das Rad neu erfinden will!
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