Initiative "Lincos" Digitale Schiffscontainer für Entwicklungsländer

Im vergangenen Jahr hatte Uno-Generalsekretär Kofi Annan zur Überwindung der "digitalen Kluft" zwischen Industrie- und Entwicklungsländern aufgerufen. Eine private Initiative will das nun wenigstens punktuell versuchen.


München - Das Rezept dafür ist denkbar einfach: Ausrangierte Schiffscontainer, überspannt mit einem wetterfesten Baldachin aus Segeltuch und mit High-Tech-Geräten, Satellitenschüsseln und Solarzellen ausgestattet, werden von der Initiative "Little Intelligent Communities" (Lincos) in armen, unterentwickelten Gemeinden aufgestellt. Federführend bei Lincos sind das Massachusetts Media Lab (MIT), die Costa Rica Stiftung für nachhaltige Entwicklung und das Technologie-Institut in Costa Rica.

Ein wetterfestes Dach schützt den Container
Lincos

Ein wetterfestes Dach schützt den Container

Bisher stehen in Costa Rica zwei und in der Dominikanischen Republik fünf Container. In den nächsten vier Jahren sind 15 weitere geplant, zunächst einmal Guatemala und Honduras. Zur Diskussion stehen auch Hunderte von Info-Containern in Afrika. Wann, mit wem und wie das neue Projekt realisiert werden soll, ist allerdings noch unklar.

Mit rund 120.000 US-Dollar ist der Aufwand per Container nicht gerade billig. Im Innern der blechernen Infobox verbergen sich Faxgeräte, Telefone, Videorekorder, Internetzugang und sogar Telemedizin und ein Minilabor für Boden- und Luftproben. "Menschen, die vielleicht noch nie in ihrem Leben ein Telefon oder einen Computer gesehen haben, erhalten plötzlich Zugang zu den jüngsten Segnungen des Informationszeitalters", erklärte der Planungsleiter bei Lincos, Franklin Hernández-Castro.

In San Marcos de Tarrazú in Costa Rica, wo man vor gut anderthalb Jahren den ersten Lincos-Prototyp installierte, zeigen sich verblüffende Erfolge: Dank der neuen Perspektiven durch die Technologie konnte die dort ungewöhnlich hohe Selbstmordrate bei Jugendlichen drastisch reduziert werden, berichtete Hernández-Castro.

Bisher beteiligen sich Unternehmen wie Microsoft, Hewlett-Packard, Intel, Agilent Technologies oder Motorola an der Aktion. Schließlich sind die Entwicklungsländer auf lange Sicht ein nicht zu unterschätzender Absatzmarkt. So steuern sie nicht nur Know-how und Technologien bei, sondern übernehmen zum Teil auch die Kosten.

Los Santos in Costa Rica: Kinder im Lincos-Container
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Los Santos in Costa Rica: Kinder im Lincos-Container

"Wir sind in diesem Stadium des Projektes auf jede Unterstützung angewiesen", erklärt Hernández-Castro. In Deutschland machte er sich erst vor kurzem auf die Suche nach Sponsoren. "Natürlich machen die Firmen das nicht aus reiner Nächstenliebe. Ich weiß aber auch, dass es das Projekt ohne die Hilfe der Unternehmen nicht geben würde."

Das Projekt aus Costa Rica ist auf dem besten Wege, sich zu einem groß angelegten internationalen Forschungsprojekt zu entwickeln. Insgesamt 90 Studenten von mehr als zehn Universitäten kamen in den letzten zwölf Monaten dazu, darunter auch die amerikanische Eliteuniversität Harvard, und mit der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd erstmals auch eine deutsche.

Hillary Clinton und Al Gore als Schirmherren

Michael Götte, Dozent und Lincos-Ansprechpartner in Schwäbisch Gmünd, berichtete von einem unerwartet großen Interesse der Studenten. Mittlerweile sei bereits die zweite deutsche Studentengruppe in Costa Rica. Nach sechs Monaten Praxissemester vor Ort kommen sie wieder, dann werden im Oktober die nächsten aufbrechen. Eine ihrer Aufgaben besteht darin, einfache Klassifikationssysteme zu entwickeln. "Im Grunde geht es um das Vermitteln und Präsentieren von Information", erklärt Götte. Die Informationen würden für Laien übersetzt, die möglicherweise noch nie mit Technologien in Berührung gekommen sind.

Die Kosten müssen die Studenten bisher noch selbst übernehmen. Sowohl die New Yorker Senatorin Hillary Clinton als auch der frühere amerikanische Vizepräsident Al Gore erklärten sich zur Schirmherrschaft bereit. Außerdem können sich die Initiatoren auf Uno-Generalsekretär Kofi Annan berufen. Dieser hatte im vergangenen Jahr die internationalen Elektronik-Konzerne zu mehr Engagement bei der Überwindung der "digitalen Kluft" aufgerufen.

Andrea Bistrich, AP



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