Instagram-Model Mit Social Media gegen Social Media

Eine für sexy Fotos berühmte Instagram-Nutzerin möchte sich aus den sozialen Medien zurückziehen. Sie seien eine traurige Scheinwelt, erklärt Essena O'Neill. Wie sie ihre Botschaft verbreitet? Natürlich über soziale Medien.

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Bekenntnisvideo von Essena O'Neill: "Soziale Medien, nicht das echte Leben"

Bekenntnisvideo von Essena O'Neill: "Soziale Medien, nicht das echte Leben"


Viele Menschen haben Essena O'Neill schon einmal gesehen: am Strand, im Pool, im kurzen Kleid oder im Bikini. Eine halbe Million Nutzer folgen der 19-jährigen Australierin auf Instagram, sie haben auf Tausenden Fotos ihre Figur bestaunt oder ihr Outfit gelobt. Viel erfahren haben sie trotzdem nicht über sie.

Das soll sich jetzt ändern. Eigenen Angaben zufolge hat O'Neill genug davon, nur gesehen, aber nicht gehört zu werden. Sie startete eine Kampagne gegen die angebliche Scheinwelt der sozialen Medien - und zwar über, genau: die sozialen Medien.

Sie hat ihr Instagram-Profil umbenannt in "Social Media Not Real Life", übersetzt also "Soziale Medien, nicht das echte Leben". 2000 Fotos hat sie zunächst gelöscht, "die keinen anderen Zweck hatten als Selbstdarstellung", schreibt sie. Sie habe sich über Likes und Follower definiert, damit solle jetzt Schluss sein. Die Bilder von ihr, die geblieben sind, hat sie neu betextet: diesmal angeblich mit der wahren Geschichte, wie das jeweilige Bild entstanden ist. Und plötzlich ist O'Neill weltberühmt, nicht nur bei Instagram-Nutzern.

Oft sorgsam komponierte Werke statt Schnappschüsse

Neben einem Bild von ihr im Bikini am Strand steht jetzt, dass es mehr als 100 Versuche gebraucht hat, bis das Foto so aussah. Neben einem Foto von ihr im Kleid steht, dass sie 400 Dollar bekommen habe, um ein Foto von sich in diesem Kleid zu veröffentlichen. Und neben einem Foto in Jogging-Kluft steht, dass sie an dem besagten Abend in Wahrheit gar nicht joggen war, weil es angefangen hatte, zu regnen.

Der Schock über diese Geständnisse dürfte sich bei den meisten Social-Media-Nutzern in Grenzen halten. Dass Instagram-Fotos oft gar keine Schnappschüsse sind, sondern sorgsam komponierte Werke, ist den meisten wohl bekannt. Erst kürzlich hat die Fotografin Chompoo Baritone in einer Fotoserie die gestellte Instagram-Welt zum Thema gemacht und damit einen Nerv getroffen: Viele wissen ganz genau, dass die Bilder der sogenannten Instagram-Stars nur kleine Ausschnitte zeigen und dass hinter den vermeintlich schnell geknipsten Handybildern oft harte Arbeit steckt. Und, das wird oft vergessen: Einige verdienen damit durchaus auch Geld. Auch O'Neill.

Auf genau diese Arbeit hat die Australierin Essena O'Neill offenbar keine Lust mehr. Viele professionelle Models sind es gewöhnt, Hunderte Male für ein Foto zu posieren oder Sportkleidung zu tragen, obwohl sie gerade gar keinen Sport machen. Nur sind die Instagram-Sternchen eben oft keine Models, sondern kreieren die Kunstwelt sogar - anders als O'Neill - unbezahlt oder kaum bezahlt, als Hobby.

Den eigenen Körper als Objekt vermarktet

Vielleicht weiß auch tatsächlich nicht jeder Follower, dass hinter den Bildern mehr Fleiß steckt als Zufall und natürliche Schönheit. Vielleicht, weil die Vorstellung zu schön ist, dass manche Menschen ein augenscheinlich perfektes Lebens führen, an dem man sich orientieren kann. Übrigens ist das natürlich kein neues Phänomen, alle Celebrity-Magazine dieser Welt leben davon. Doch viele Fans solcher Profile sind eben auch einfach noch sehr jung - wie O'Neill selbst.

Völlig zu Recht kritisiert die Australierin in den neuen Bildunterschriften, wie bei Instagram sexualisiert wird und sich gerade Jugendliche selbst sexualisieren: Dass sie selbst mit Hashtags wie #Thighgaps - gemeint ist ein sichtbarer Abstand zwischen nackten, meist extrem schlanken Oberschenkeln - ihren eigenen Körper als Objekt vermarktet hat, sieht sie jetzt mit anderen Augen.

Mittlerweile alle Bilder bei Instagram gelöscht

O'Neill möchte sich nun nach eigenen Angaben von den sozialen Medien abwenden. Das tut sie aber nicht einfach still und heimlich, sondern sie erklärt sich erst einmal ausführlich. Und zwar ausgerechnet über soziale Medien: per Video und über Instagram. Und unter Tränen erklärt sie im Video auf ihrer neuen Kampagnenseite, wie sehr sie sich freut, dass ihre neue Botschaft so viele erreicht. Denn sie möchte mit ihrer Aktion andere Menschen ihrer Generation davon überzeugen, aus dem Teufelskreis der Social-Media-Scheinwelt auszubrechen.

Vielleicht ist es zu diesem Zweck dann doch ganz schön für sie, dass es solche Plattformen gibt, über die man auch ohne Sender oder Verlag schnell viele Menschen erreicht.

Tatsächlich hat Essena O'Neill durch ihre demonstrative Abkehr von ihrer eigenen Social-Media-Scheinexistenz vermutlich vor allem eins erreicht: noch weit größere globale Berühmtheit. Auf der neu aufgesetzten Kampagnenseite, mit der sie eigenem Bekunden zufolge auch andere junge Social-Media-Nutzer auf den rechten Weg führen will, schreibt sie selbst, vermeintlich überrascht: "Es ist irre, wie viele Medien hierüber jetzt berichten wollen." Wir werden in den kommenden Monaten im Auge behalten, wie sie mit ihrer neuen, selbstgesetzten Mission vorankommt.

Update (Mittwoch, 4.11.2015, 10:49 Uhr): Mittlerweile hat O'Neill ernst gemacht mit ihrem Instagram-Account: Am Mittwoch ist das Profil nicht mehr abrufbar, es erscheint eine Fehlermeldung.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
P-Centurion 03.11.2015
1. Muss man das verstehen?
Die Autorin hat wohl ein sehr komisches Verständnis von Doppelmoral. Schonmal vom Ausdruck "jemanden mit den eigenen Waffen schlagen" gehört?
carlmørck 03.11.2015
2. Ich verstehe es nicht
Ich bin 18 Jahre alt, und besitze weder Instagram Facebook und Twitter. Trotzdem lebe ich sehr glücklich, habe einen großen Freundeskreis, was soll das Geheule? Alle die sagen man kann nicht ohne lügt.
batmanmk 03.11.2015
3. Zielgruppe Doof
Ok, dann hat sie das 100. Foto genommen, weil es 0,1% besser ausgesehen hat als das erste. Das Kleid für 400 $ - Geschenk, hier kommt es doch nicht auf das Kleid an, sonst könnte man es einfach auf nen Tisch legen und fotografieren. Das Mädel sieht blendend aus und tut was dafür. Es wird sich keiner weniger schämen, wenn man den Leuten auch noch unter die Nase reibt welchen Grad der Perfektion man erreicht hat.
g.s.hess 03.11.2015
4.
Ich habe einen Instagram Account. Wenn jemand meine Fotos gefallen freue ich mich aber ich mache ein Foto 1 mal und nicht hundert mal bis es perfekt für andere ist.
Nicht ausspionierbar 03.11.2015
5.
Like .. wer nur auf den Artikel geklickt hat, weil er dachte Sie wäre nackt :D
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