Von Richard Meusers
Emi versucht so, erneut ein Bein ins digitale Geschäft mit Liveaufnahmen zu bekommen. Einst ging nichts ohne die großen Labels, sie konnten den Musikern die Vertragsbedingungen nach Belieben diktieren. Im Zeitalter der diversifizierten Marketing- und Absatzwege ist diese einträgliche Monokultur an ihr Ende gekommen. Beispiel Madonna : Die singende Geldfabrik, die live mehr umsetzt als mit ihrem CD-Verkauf, hat sich im Oktober 2007 von ihrer Plattenfima Warner Music getrennt und stattdessen bei Live Nations angeheuert - einem Konzert- und Eventveranstalter.
Warum auch nicht, denn der klassische Abverkauf im Laden funktioniert schon lange nicht mehr wie ehedem. Wieso ein ganzes Album kaufen, wenn nur ein oder zwei Titel wirklich interessieren? Und warum überhaupt noch einen Musikladen aufsuchen? Kurz, die Großen haben den virtuellen Vertriebsweg im Internet lange Zeit verschlafen. Die Versuche, im Onlinegeschäft mitzutun, waren bislang von einer gewissen Halbherzigkeit geprägt.
Unumkehrbarer Bedeutungsverlust
Und der Bedeutungsverlust dürfte nicht mehr wettzumachen zu sein. Natürlich markiert Abbey Road Live den Versuch, sich wieder eine zentrale Vermarktungsposition im Musikbusiness zurückzuerobern. Das ändert aber nichts daran, dass Labels heute nur noch ein Baustein unter vielen in einer modular aufgebauten Branche sind. Sie fungieren bestenfalls noch als Marketing-Maschine.
Bemerkt werden sie in der Öffentlichkeit vor allem durch jährliche Hiobsbotschaften über sinkende Umsätze und Prozesswellen wegen Piraterie gegen die eigene potentielle Kundschaft. Das Image ist ziemlich ramponiert.
Zumindest Raubkopien sind ein Problemfeld, das den Onlinevertrieb von Liveauftritten fast nicht betrifft. Das von der Musikindustrie beständig beklagte Piratenunwesen spielt für Music Networx keine spürbar negative Rolle, so Networx-Chef Schumann. Das hat seinen einfachen Grund darin, dass für eine Vielzahl von Konzerten und deren Aufnahmen jeweils nur ein überschaubarer Interessentenkreis vorhanden ist. Es sind eben vor allem die Konzertbesucher selbst, die am entsprechenden Material interessiert sind. Wer einen Live-Mitschnitt von Gruppe XYZ kauft, will vorzugsweise das Konzert mit nach Hause nehmen, dass er selbst erlebt hat - lieber Rüsselsheim als Rio de Janeiro. Diese Art des Graswurzelvertriebs ist gegen die massive Verbreitung illegalen Materials relativ immun.
Dabei ist der Spaß noch nicht einmal billig. 20 bis 25 Euro verlangen die Networx-Leute für einen Musik-Stick an ihren Ständen. Das ist mehr, als Kunden normalerweise für eine CD bezahlen würden. Im Biotop des Livekonzerts, für das man heute gern auch schon einmal dreistellige Eurosummen Eintritt bezahlt (oder zahlen muss), wo das Bier doppelt so teuer ist wie im In-Club und ein T-Shirt dreimal so viel kostet wie bei Ebay aber sind es letztlich Peanuts. Immerhin nimmt man mit dem Instant Recording ein konserviertes eigenes Erlebnis mit nach Haus.
Piratenresistenter Graswurzelvertrieb
Das Konzept scheint jedenfalls aufzugehen. So gelang den Kölnern ausgerechnet in Zeiten der Finanzkrise ein erfolgreicher Börsengang, außerdem tummeln sie sich inzwischen auch auf dem britischen und amerikanischen Markt. In beiden Ländern sind sie mit ihrer Musikplattform Concert Online dabei. Der digitale Bereich wird weiter ausgebaut, ab dem Frühjahr 2010 soll der Musikvertrieb auch übers Handy angeboten werden.
Die Frage, ob nicht auch Konzerte mit klassischer Musik breiter zu vermarkten wären als bislang, wurde schon erwogen. Zwar funktioniert dieser Bereich, von den Künstlern bis zum Publikum, nach anderen Regeln, aber das Interesse ist vorhanden. Derzeit scheitern hier die Aktivitäten aber noch am hohen Kostenaufwand, der sich angesichts der durchschnittlichen Besucherzahl eines Klassikkonzertes nicht rechnet. Die Kölner arbeiten jedoch schon einer schlanken Version der Aufzeichnungstechnik. Das sei deshalb interessant, weil dann auch kleine, aber feine Klubkonzerte professionell digitalisiert werden könnten.
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