Internationale Newsseiten BBC macht Werbung

Als erster öffentlich-rechtlicher Sender in Europa hat die BBC grünes Licht erhalten, ihre internationalen Web-Angebote über Werbung zu refinanzieren. Damit konkurriert ein gebührenfinanzierter Sender erstmals direkt mit Medienhäusern aus der Privatwirtschaft.


Am Donnerstagnachmittag hat der BBC Trust, das Aufsichtsgremium der British Broadcasting Corporation, die Genehmigung erteilt, die Web-Aktivitäten von BBC Worldwide künftig über Werbung zu refinanzieren. BBC Worldwide ist eine Ausgründung der BBC, die vor allem Nachrichten anbietet. Neben der Lizenz zum Werben haben BBC Worldwide und BBC Global News das Recht erwirkt, Angebote der BBC international zu vermarkten. Laut eines Berichts des "Guardian" soll die Genehmigung an die Auflage gekoppelt sein, Teile des Werbeertrages an die BBC zurückzuüberweisen.

BBC-Chef Mark Thompson: Angetreten, die "alte Tante" BBC ins nächste Jahrtausend zu führen - verschlankt und rationalisiert, aber auch aggressiver und kommerzieller
AP

BBC-Chef Mark Thompson: Angetreten, die "alte Tante" BBC ins nächste Jahrtausend zu führen - verschlankt und rationalisiert, aber auch aggressiver und kommerzieller

Die BBC selbst äußert sich über die genaue Höhe dieses Rückflusses nicht. Der "Guardian" geht jedoch davon aus, dass es um 20 Prozent des so erwirtschafteten Werbeumsatzes geht. Kritik, so zum Profiteur von Werbeaktivitäten zu werden, umgeht die BBC mit einem kunstvollen Konstrukt: Für sie ist der Rückfluss die Zahlung für redaktionelle Dienstleistungen und so analog zur Vermarktung von BBC-TV-Inhalten im Ausland zu sehen.

Der Vorgang ist bisher einmalig. Wie in Deutschland ARD und ZDF, steht in Großbritannien die BBC seit Jahren in der Kritik, Medienfirmen aus der Privatwirtschaft gebührenfinanziert Konkurrenz zu machen. Die BBC hat das immer verneint, da sie zwar um die Aufmerksamkeit von Mediennutzern konkurriere, nicht aber um Anteile des Werbemarktes, der Haupteinnahmequelle kommerzieller Web-Unternehmungen.

Dabei wird es in Großbritannien auch bleiben: Werbung wird bei BBC.com nur für Netznutzer zu sehen sein, die sich außerhalb von Großbritannien befinden. Der Plan, BBC.com als teils werbefinanziertes Angebot auszubauen, wurde verhandelt, seit BBC-Chef Mark Thompson 2004 mit dem Auftrag angetreten war, die BBC zu reformieren.

BBC Worldwide wurde bereits 1995 als rein kommerzielles Spin-off ausgegründet, um BBC-TV-Inhalte international zu vermarkten. BBC Global News gehört zum ebenfalls seit längerem kommerziell operierenden Auslandsfernsehen des Senders. Die Verantwortung für die Kommerzialisierung eines Teils der BBC-Webseiten, die seit März 2006 auch die Aufgaben von zehn damals eingestellten Auslandssendernetzen mit übernehmen, wurde damit zwei kommerziellen Töchtern übertragen. "Für Nutzer innerhalb Großbritanniens", teilt die BBC dazu mit, verändere sich also nichts.

Die BBC selbst pflegt ihre werbefreie Weste

Wohl aber für die Betreiber internationaler Newsseiten englischer Sprache: Mit ihnen konkurriert nun ein Dickschiff, das schon jetzt "40 Millionen Besucher im Monat" anziehe, um den Werbekuchen. Die redaktionelle Befütterung wie Verantwortung obliegt dabei weiterhin der BBC selbst. BBC.com wird so zu einem reinen Vertriebs- und Vermarktungsnetz ausgebaut, die BBC spricht von einem "joint venture", als ginge es um irgendwelche, dem Stammhaus völlig fern stehende Firmen. BBC Worldwide respektive BBC.com werden als Dienstleister gesehen, die von BBC World mit Inhalten befüttert werden - im Austausch dafür fließen Werbegelder in das gebührenfinanzierte Netz zurück.

Während der kommerzialisierte, englischsprachige Teil des Angebotes mittelfristig auf eigenen Füßen wird stehen müssen, fließen BBC Worldwide für die 32 fremdsprachigen Angebote weiter Gelder zu, die vom Foreign and Commonwealth Office kommen. Die Leitung des Senders kann in diesem Konstrukt kein Problem entdecken: Es folgt dem Modell der Ausgründung internationaler TV-Sender Anfang der Neunziger.

Die Nachricht ist ein wenig Zuckerbrot für die Leitung des gebeutelten Senders, der am gleichen Tag die Streichung von 2500 Stellen verkünden musste. Das Gebührenaufkommen sinkt, entsprechend steigt der Stellenwert alternativer Umsatzquellen. Mit den Onlineaktivitäten, erklärte John Smith, Chef von BBC Worldwide, sollen mittelfristig zehn Prozent aller Umsätze der BBC erwirtschaftet werden. Das wäre kein Pappenstiel: der BBC stehen zurzeit jährlich mehr als vier Milliarden Pfund zur Verfügung.

Über Kontakte zur Werbewirtschaft verfügt BBC Worldwide bereits. Die via Breitband-Internet vertriebenen On-demand-TV-Kanäle der Firma konnten Werbekunden wie British Airways, Citibank, Delta Airways, Emirates und Nokia gewinnen. Kritik an den Kommerzplänen erwartet auch die BBC, die in gewohnt seriöser Weise auch selbst über diesen Aspekt berichtet. In einer ersten Meldung zum Thema auf BBC Online verweist sie auf die British Internet Publishers Alliance BIPA als möglichen Kritiker des Schritts. Die BIPA ist da weniger schnell: ihr aktuellstes öffentliches Presse-Statement datiert vom 31. Mai 2005.

pat

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