Internet-Beichtstuhl Masturbation und andere Sünden

Bei "MySecret", dem neuen virtuellen Beichtstuhl der US-LifeChurch, kann jeder seine Seelenqualen loswerden: anonym und öffentlich. Ergebnis: Ein beklemmender Querschnitt durch Amerikas schlechtes Gewissen - ein Sündenporno.

Von , New York


Der eine quält sich mit Schuldgefühlen, weil er "Sex vor der Ehe hatte". Ein anderer, weil er generell "nach Frauen lüstet". Da ist das Mädchen, das sich "gerne zukifft", die Frau, die "frisst, um sich zu betäuben", der Mann, der seine Ersparnisse verzockt, und der, der seine Kinder verprügelt. Ganz zu schweigen von der Sekretärin, die dem verhassten Boss das Schlimmste wünscht.

Sie schütten ihre Seele aus, namenlos, in Stakkatosätzen oder elaborierten Aufsätzen, verzweifelten Großbuchstaben oder geradezu lyrischer Leidenspoesie. MySecret.tv heißt die neue Website, auf der sie sich offenbaren, bekennen, outen. "Beichte deine Geheimnisse", verführt die Startseite. "Mache reinen Tisch."

Dramatisierung gehört zum Geschäft: Schon die Titelgrafik des LifeChurch-Beichtstuhls spricht voyeuristische Motive an

Dramatisierung gehört zum Geschäft: Schon die Titelgrafik des LifeChurch-Beichtstuhls spricht voyeuristische Motive an

Eingerichtet wurde MySecret von einem Prediger im US-Bundesstaat Oklahoma, der seinen Gemeindemitgliedern einen "anonymen Beichtstuhl" bieten wollte. Doch mit bisher mehr als 1500 Geständnissen - und täglich vielen neuen - ist das Online-Sündenregister längst zu einem soziokulturellen Phänomen geworden: Ein ebenso verzerrter wie faszinierender Einblick in die Tiefen des amerikanischen Sündenbabels.

Sinneslust und Essstörungen

"Schon als Kinder lernen wir, Geheimnisse zu haben", sagt Craig Groeschel, 38, der Initiator des virtuellen Beichtstuhls und Gründer der LifeChurch, einer evangelischen Kirche mit Sitz bei Oklahoma City, die 18.000 Mitglieder hat, "Lügen ist eine Sünde." Dann zitiert der fesche Gottesmann, der gerne im knappen Polohemd predigt, aus der Bibel: "Wer seine Sünde leugnet, dem wird's nicht gelingen; wer sie aber bekennt und lässt, der wird Barmherzigkeit erlangen." (Sprüche 28,13.)

Erlösung durchs Beichten - ein altes Konzept. Doch was früher mal ein intimes, diskretes Vier-Augen-Gespräch war, hinter Gittern im schattigen Holzkabuff, wird nun vor aller Welt enthüllt. Das ist Bekennergesellschaft pur, mit einem unverkennbar voyeuristischen Unterton. "Uns ist klar, dass manche da nur die dunkelsten Geheimnisse anderer lesen wollen", gibt Brian Kruckenberg zu, ein Pastor der LifeChurch.

Die Site erleichtert einem den Voyeurismus, indem sie den Seelenstriptease nach 16 klickbaren Kategorien ordnet: Drogen- und Alkoholsucht, Spielsucht, Sinneslust, Sexualität, Pornografie, Beziehungsprobleme, Ehebruch, Verletzung, Lügen, Diebstahl, Demütigung, Leid, Scham, Missbrauch, Doppelleben und Essstörungen.

"Christliche Porno-Site Nr. 1"

Heraus kam ein Katalog des guten, alten US-Puritanismus, verquirlt mit den Neurosen heutiger Tage - allein sechs Kategorien drehen sich um Sex. Weshalb die Website auch die Warnung trägt, sie sei nur für "Erwachsene über 18 Jahren" geeignet: Sündenporno.

"Über Jahre hinweg haben mich meine Eltern als das perfekte Kind gesehen", schreibt eine Frau. "Ich war Miss Perfect." Doch sie habe ein düsteres Geheimnis: "Seit zwei Jahren gehe ich mit einem Mann, und wir ringen mit sexueller Sünde. Ich weiß, dass das falsch ist."

Ein Mann klagt, er könne nicht aufhören, die "Anatomie" seiner Freundin anzustarren. Ein weiterer: "Ich kann mich nicht kontrollieren, wenn ich ein scharfes Girl sehe." Was, so ein Beichtkumpan, deren Schuld sei: "Das liegt daran, wie sich Frauen heutzutage anziehen".

Pornografie und die Sucht danach füllt ein langes Kapitel. "Die Bilder brennen sich in mein Hirn, ich werde sie nicht mehr los!", schreibt einer. Ein Link verweist weiter zur XXXChurch, einer Kirche, die zum Ziel hat, Pornokonsumenten und
-darsteller zur "Reinheit" zu bekehren. (Werbeslogan: "Christliche Porno-Site Nr. 1.")

"Ich bin am Ende meiner Gebete"

Die Ansichten auf diesen Internet-Seiten sind, so überholt sie vielen auch vorkommen mögen, bis heute nicht nur im Mittleren Westen der USA verbreitet. Zahllose Nutzer verurteilen sogar Masturbation und Homosexualität als "Sünde". "Ich lebe den homosexuellen Lifestyle", schreibt einer. "Bitte betet für mich."

Das enorme Echo verblüfft sogar Groeschel, der seine Predigten live in neun Kirchenfilialen in Oklahoma, Arizona, Texas und Tennessee übertragen lässt und parallel ins Web stellt: "Dass so viele Leute so normal aussehen und doch so leiden können, hat mich überrascht."

In der Tat scheinen sich viele sehr mit dem zu plagen, was sie als Sünde empfinden - so verquer es anderen vorkommen mag. "Ich bin sehr einsam und traurig", schreibt jemand. "Ich leide jeden Tag, den ganzen Tag", ein anderer. "Ich hasse mich, ich bin fett und hässlich. Ich bin am Ende meiner Gebete."

Keine automatische Absolution

Am Ende bleibt ein schaler Nachgeschmack. Bagatellen mischen sich mit tiefer Qual - und echten Verbrechen. So berichten einige Beichtgänger von Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch. "Manchmal denke ich, wo ist Jesus, warum hilft er mir nicht?", schreibt eine Frau, die angibt, sie sei als Siebenjährige von Familienmitgliedern missbraucht worden.

Automatische Absolution erteilt die Website freilich nicht. Dafür können die Sünder aber beantragen, dass eine "Prayer Group" ganz spezifisch für ihr Heil betet. Oder sie können ein Web-Video mit Pastor Groeschel ansehen. Nächste Woche im Programm: die Verlesung einiger Online-Beichten. Darunter, verspricht Groeschel, seien "ein paar tolle Storys".



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