Internet für Behinderte Wege aus der Kommunikations-Kluft

Für Blinde und Gehörlose ist Websurfen noch immer ein Hindernis-Parcours. An den Communitys des Web 2.0 können sie fast gar nicht teilnehmen. Mehrere Anbieter arbeiten an Lösungen für Behinderten-gerechtes Surfen. Erste Ansätze werden in Darmstadt präsentiert.

Von Helmut Merschmann


Folgende Szene lässt sich manchmal in Warteschlangen beobachten: Zwei Menschen an entgegengesetzten Enden der Schlange unterhalten sich angeregt, ohne dass ein Laut zu vernehmen ist: in Gebärdensprache. Mühelos überwinden ihre Zeichen auch größere Entfernungen.

An den Freuden des Informationszeitalters, etwa den Communitys im Web 2.0, können sie kaum teilnehmen. Noch immer hält das Internet für Menschen mit Behinderungen unüberwindbare Hürden bereit.

Stefan Schulz, Karlheinz Blankenbach und Michael Fischer: Sie entwickelten den "Mausschuh" für behindertenfreundliches Websurfen
Hochschule Pforzheim

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"Accessibility" und Barrierenfreiheit lauten daher die Stichworte, von denen das Internet seit seinem Durchbruch als Massenmedium begleitet wird. Auf dem "6. Kongress Barrierefreies E-Government", der heute in Darmstadt stattfindet, diskutieren Experten die technischen Herausforderungen für ein "Web for all". Für Menschen mit Behinderungen, statistisch gesehen besonders eifrige Internet-User, müssen technische Lösungen entwickelt werden, um ihr Handicap auszugleichen. Blinde kämpfen sich mittels Lesegerät und Braille-Zeile mit Blindenschrift durchs Netz. Gehörlose sind auf eine Übersetzung der Inhalte in Gebärdensprache angewiesen. Menschen mit motorischen Handicaps benötigen spezielle Eingabegeräte.

Barriere: Web 2.0

In Deutschland gibt es mehr als 155.000 Blinde sowie eine halbe Millionen Menschen, deren Sehfähigkeit weniger als 30 Prozent beträgt. Gehörlose gibt es deutschlandweit mindestens 200.000 – EU-weit annähernd eine Million. Hinzu kommen 260.000 Menschen, die unter einer Lernbehinderung leiden, und etwa 600.000 Schwerbehinderte mit motorischen Einschränkungen. Ihr Alltag im Umgang mit dem Internet ist von Handicaps geprägt. Besonders an den Communitys im Web 2.0 können viele nicht oder nur eingeschränkt teilnehmen.

"Ein wichtiger Punkt beim Web 2.0 ist, dass es auf den Aktivitäten der Anwender beruht", sagt Brigitte Luckhardt vom Projekt "Web for All", "hierdurch können jedoch vielfältige Barrieren entstehen." Viele Behinderte haben beispielsweise Probleme mit Weblogs, weil deren Informationen oftmals nicht allgemein verständlich genug aufbereitet sind. Verschachtelte Sätze, Fachbegriffe und Abkürzungen können weder von einem Screenreader noch in Braille-Schrift adäquat wiedergegeben werden. "Blogs sind für Screenreader zwar lesbar", ergänzt Kollegin Anna Courtpozanis, "doch es ist schwierig, sich in den vielen Verweisen zurechtzufinden." Neben Grafiken, die nicht entzifferbar sind und zusätzlicher Bildunterschriften bedürfen, stiften auch Link-Listen, die zu jeweils "weiteren Informationen" führen, große Verwirrung. In diesen Labyrinthen gehen auch ungeübte, nicht-behinderte Surfer leicht verloren.

Drei, zwei, eins - Deins

Ein weiteres Problem stellt die im Web 2.0 verbreitete Programmiersprache Ajax dar. Wo immer sich Content anscheinend magisch verändert, ohne dass die Seite komplett neu geladen werden muss, ist Ajax im Spiel. So zum Beispiel bei der Vorschlagsliste unterhalb der Google-Eingabezeile, die sich mit jedem eingetippten Buchstaben verändert. Für Blinde völlig ungeeignet - kein Screenreader kommt damit klar. Auch die Bietpreis-Anzeige bei Ebay basiert auf Ajax und lässt Sehbehinderte schnell ins Hintertreffen geraten. "Ein Screenreader ist immer zu langsam", erläutert Anna Courtpozanis, "deshalb lege ich ein Maximalgebot fest".

Genauso große Hürden stellen Grafikcodes dar, die bei der Registrierung für eine Website häufig verwendet werden, um zu gewährleisten, dass eine natürliche Person und kein Spam-Programm sich anmeldet. Der User hat dann eine Mixtur aus verzerrt angezeigten Buchstaben und Zahlen einzugeben, die auch von Menschen ohne Sehschwäche nicht immer leicht entziffert werden können.

Erste Lösungsansätze

Wie so häufig beim Einsatz neuer Technologien, wird nicht unmittelbar an Barrierefreiheit gedacht. Der Ausweg scheint in multimedialen Anwendungen zu liegen. Doch auch hier gibt es keine einfachen Lösungen. Blinde können weder Grafiken, Flash-Filme noch Webvideos betrachten. Gehörlose müssen auf Podcasts verzichten, sofern nicht eine zusätzliche Textversion vorliegt. Häufig beherrschen Gehörlose jedoch keine Schriftsprache, so dass sie im weitgehend textbasierten Internet ständig vor verschlossenen Toren stehen.

Nun soll auf dem 15. Weltkongress der Gehörlosen, der im Juli in Madrid stattfindet, ein Prototyp der ersten Web 2.0-Plattform für Gehörlose vorgestellt werden. "Zignoo" (in Anlehnung an "sign" und "news") wurde vom Kieler IT-Unternehmen enteraktiv und dem Gebärdenwerk Hamburg mit Mitteln der EU und des Landes Schleswig-Holstein realisiert. "Eine Plattform nur in Gebärdensprache", sagt Arne Ohlsen von enteraktiv, "hat es bislang noch nicht gegeben." Mittels großer Schaltflächen können User einen Mail-Client aufrufen. Kleine Fotos, so genannte Thumbs, zeigen die Absender an, und sowohl die Betreffzeile als auch die eigentlich Nachricht besteht aus Videos in Gebärdensprache, die mit der Webcam aufgenommen werden.

Die Fachhochschule Pforzheim hat indes den Prototyp einer Maus für "handtechnisch eingeschränkte Menschen", etwa Pakinson-Patienten, entwickelt: eine Art Baseball-Handschuh zum Browsen (SPIEGEL ONLINE berichtete.

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