Internet-Geschichte Die Frau, die das "Surfen" erfand

"Fischen", "Segeln", sogar "Cruisen" könnten wir das Internet. Warum bloß sagt jeder "Surfen"? Schuld ist ein Geistesblitz von Jean Polly, einer Bibliothekarin aus einem kleinen Ort im US-Bundesstaat New York.

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Es war im Frühjahr 1992, und Jean Armour Polly suchte nach einem Titel für ihren gerade fertiggestellten Aufsatz. Die Bibliothekarin hatte für eine Fachzeitschrift eine Einführung zur Internetbenutzung geschrieben. Da fiel ihr Blick auf das Mousepad neben ihrer Tastatur: Es zeigte einen Surfer auf einer Welle und den Schriftzug "Information Surfer - Apple Library News Group". Das ist es, dachte sie.

"Net-Mom" Jean Polly: "Vielleicht komme ich ja mal auf eine Briefmarke"

"Net-Mom" Jean Polly: "Vielleicht komme ich ja mal auf eine Briefmarke"

Der Aufsatz mit dem Titel "Surfing the Internet" ging im Dezember 1992 online und wurde einer der meistgelesenen Artikel in der Steinzeit des neuen Mediums. Bald war der Begriff in aller Munde. "Damals gab es nicht viel Literatur zum Internet. Der Aufsatz gab einen guten Überblick - und er war kurz. So verbreitete er sich sehr schnell und wurde in alle möglichen Sprachen übersetzt", erinnert sich Polly. "Der Artikel war einfach überall. Ich denke, deshalb ging die Phrase so schnell in den Sprachgebrauch ein."

Auch heute bedauert sie die Sprachfindung nicht. "Surfen trifft einfach am besten den Charakter des Internets", sagt sie. Am Anfang hätten viele auch "Fischen" oder "Graben" gesagt, weil es sehr anstrengend war, mit der damaligen Technik etwas zu Tage zu fördern. Aber diesen Worten fehlte der Spaß-Aspekt, sagt Polly. Das Internet war einfach "so much fun". Also Surfen: Inbegriff der Freiheit, der Gefahr und der Fähigkeit, die Kontrolle zu behalten. Polly sah das Internet als Ozean "mit all seinen Irrwegen und all seinen Schätzen". Erst später setzte sich der Begriff der Datenautobahn durch - und wir surften plötzlich auf der Straße.

Wortschöpfung "Internet-Surfen": Inbegriff der Freiheit und der Gefahr
[M] REU

Wortschöpfung "Internet-Surfen": Inbegriff der Freiheit und der Gefahr

Nicht alle waren amüsiert. Die echten Wassersportler protestierten dagegen, dass ihr erfüllendes Hobby mit dem vermeintlich stumpfen Starren auf den Bildschirm gleichgesetzt wurde. Sie gründeten eine Newsgroup mit dem Titel "A Pox Upon Jean Polly", deren Mitglieder ihr die Pocken oder Schlimmeres wünschten. Polly lacht, wenn sie daran zurückdenkt. Sie konnte die Surfer jedoch von der Unschuld der Wortschöpfung überzeugen.

Während ihre Wortschöpfung um die Welt ging, blieb Polly außerhalb eines kleinen Kreises von Internetpionieren unbekannt. Zwar hat die Internet Society Pollys Geistesblitz in die Zeitleiste des Internets aufgenommen. Doch sonst hat sie keinen Ruhm erlangt - und hat aufgegeben, darauf zu hoffen. "Vielleicht komme ich ja mal auf eine Briefmarke", scherzt sie.

Heute ist Polly besser bekannt als "Net-Mom", die Kindern und Eltern beim Surfen hilft. Ihr Buch "The Internet Kids and Family Yellow Pages" soll dem Surfer helfen, anstößige oder veraltete Webseiten zu umschiffen. Es beschreibt 4600 Webadressen, die das Qualitätssiegel "net-mom approved" tragen. Die vierte Auflage, die "Millenium Edition", ist gerade herausgekommen.

Als Net-Mom surft Polly immer noch viele Stunden am Tag. Sie schreibt einen Newsletter. Ab und zu rufen Reporter an und wollen die Geschichte von damals hören. Doch sonst ist sie nur ein weiteres Gesicht in der Menge: Als die Clintons neulich auf Urlaub in den Ort kamen, stand Polly wie alle anderen Nachbarn in der Schlange, um den Präsidenten zu begrüßen. Bill Clinton weiß bis heute nicht, dass er der Frau die Hand geschüttelt hat, die das Wort "Internet-Surfing" erfand.



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