Konsum in Indien Das Land der Smartphone-Shopper

Große indische Online-Kaufhäuser schließen ihre Websites und konzentrieren sich auf Apps: In einem Land, in dem es mehr Smartphones als Computer gibt, scheint diese Strategie Sinn zu ergeben. Doch einige Experten sind skeptisch.

Smartphone-Nutzer in Neu-Delhi: Immer häufiger nur App statt klassische Websites verfügbar
Corbis

Smartphone-Nutzer in Neu-Delhi: Immer häufiger nur App statt klassische Websites verfügbar

Von , Neu-Delhi


Wer in Indien lebt und ein Smartphone hat, kann viel Geld sparen. Bei Myntra, dem erfolgreichsten Online-Modehaus des Subkontinents, gibt es für App-Nutzer satte 28 Prozent Rabatt. So zahlt man 899 Rupien, umgerechnet etwa 13 Euro, wenn man einen knallgelben Sari mitsamt bestickter Bluse auf Myntras Webseite kauft. Beim Kauf per Handy werden nur 647 Rupien verlangt, 9,50 Euro.

Doch die Schnäppchenjäger zwischen Mumbai und dem Himalaja müssen sich sputen: Am 1. Mai wird Myntra sein gesamtes Geschäft auf seine App verlagern. Mit den Lockangeboten, mit denen die Kunden derzeit weg vom Computer und hin zum Handy gelockt werden sollen, dürfte dann Schluss sein.

Myntra hat für seinen Rückzug aus dem für Computer optimierten Geschäft offenbar gute Gründe: Die in Bangalore angesiedelte Firma gibt an, dass sie bis zu 90 Prozent ihres Datenverkehrs und 70 Prozent ihres Geschäfts bereits jetzt über ihre mobile App abwickelt.

Auch eine Frage der Zielgruppe

Das ist einerseits der jungen Zielgruppe geschuldet: Myntra umwirbt die 18- bis 27-Jährigen, die abseits der großen Metropolen leben, aber per Smartphone Anschluss an die große, weite Welt suchen.

Andererseits ist die Abkehr vom herkömmlichen Internet in Indien derzeit ein Trend. Auch Flipkart, die indische Variante von Amazon, hat angekündigt, seinen Verkauf ab dem kommenden Jahr ebenfalls komplett auf die App zu verlagern.

Das 2007 gegründete Unternehmen wurde im April mit elf Milliarden Dollar bewertet und vom "Wall Street Journal" jüngst zum siebtwertvollsten Start-up weltweit gekürt. Flipkart gibt an, dass es bereits jetzt 75 Prozent seines Traffics über die mobile App einfährt. Von seinen 26 Millionen registrierten Kunden hätten elf Millionen die App heruntergeladen.

Schleichende Sieg des Smartphones

Hintergrund der Mobile-Only-Strategie der Onlinehändler ist der schleichende Sieg des Smartphones über den Desktop-Computer. In Indien besitzen inzwischen 120 Millionen Menschen ein Smartphone, jedoch nur 100 Millionen einen Computer.

Noch diesen Sommer soll die Zahl der Smartphone-Nutzer auf über 200 Millionen springen, schätzt die Internet and Mobile Association of India. Google und A.T. Kearney sagen in einer gemeinsamen Studie voraus, dass im Jahr 2017 rund 480 Million Inder mobil online gehen werden.

Dass Inder gern per Handy im Internet surfen, liegt auch daran, dass weite Teile des Landes gar nicht ans Festnetz angeschlossen sind. Und selbst da, wo es Breitbandverbindungen gibt, sind diese oft unzuverlässiger als der 3G-Service der Handyanbieter.

60 oder mehr Prozent Handygeschäft

Was das Einkaufen per App angeht, ist Indien den USA und auch China inzwischen weit voraus. Alibaba, der chinesische E-Commerce-Gigant, macht nur etwa 30 Prozent seines Umsatzes über Smartphones. Die meisten indischen Online-Händler sprechen dagegen von 60 oder mehr Prozent Handygeschäft. Facebook berichtet, dass es in Indien 18 Millionen Nutzer hat, die Facebook nur über ihren Rechner nutzen. Dagegen stünden 68 Millionen Inder, die nur die App aufrufen.

Doch einige Analysten trauen der Mobile-Only-Euphorie nicht. "E-Commerce sollte eine Multi-Kanal-Strategie fahren, denn es gibt immer noch Engpässe beim Shoppen per App", sagt Vichal Tripathi vom Indien-Ableger der Hi-Tech-Beratungsfirma Gartner.

So sei zum Beispiel der Bildschirm auf Smartphones älterer Generationen nicht gut genug, um Ware vernünftig zu begutachten. "Viele Kunden schauen sich per Handy um, kaufen aber dann von der Website", so Tripathi gegenüber dem indischen Wirtschaftsblatt Mint.

Skype bringt eine spezielle App

Schwierigkeiten können auch die relativ großen Apps machen: Viele Inder gehen mit billigen Einsteiger-Smartphones online. Die haben jedoch oft nur wenige Gigabyte Speicher. E-Commerce-Apps sind oftmals 20 bis 40 MB groß - da ist das Handy schnell voll.

Der Internet-Telefondienst Skype hat wegen der Beliebtheit von einfachen Smartphone-Modellen in Indien eine eigene App für den Subkontinent entwickelt, kündigte das Unternehmen am Donnerstag an. Die App sei so konzipiert, dass sie wenig Platz einnimmt und auch auf Indiens 2G- und 3G-Netzen einwandfrei funktioniert, sagte Skype-Sprecher Filipp Seljano dem "Indian Express".



insgesamt 2 Beiträge
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bloub 26.04.2015
1. lach
was zeigen die apps an? richtig, nämlich die websites der jeweiligen firma. von schliessen kann also nicht die rede sein, höchsten das die firmen sich selbst eine sperre auf alles auferlegen, was nicht als smartphone durchgeht.
Jetzt_mal_ernsthaft 08.05.2015
2. Ja die Inder
sowas von fortschrittlich aber auch. Eine App, die es den ueber 50% der Inder ermoeglichen wuerde nicht laenger auf die Strasse zu scheissen zu muessen waere auch nicht schlecht.
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