Internet in Kuba: Der Daumen auf der Leitung

Von Knut Henkel

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Internetzugänge in Kuba: "Es ist da nichts zu wollen"

In Kuba kann in 118 neuen Internet-Sälen gesurft werden. Die Resonanz ist verhalten, berichtet das staatliche Telekom-Unternehmen Etecsa. Erst Ende 2014 sollen private Anschlüsse eingerichtet werden.

"Ohne schnelle Internetzugänge verlieren wir technologisch immer weiter den Anschluss", mahnt Raimundo Franco García. Der evangelische Pater leitet ein Kirchenzentrum in Cárdenas und das unterhält nicht nur einen Bio-Hof, fährt Essen auf Rädern für Alte und Hilfsbedürftige aus, sondern installiert mit EU-Unterstützung auch Biogasanlagen in der Region. Da muss einiges koordiniert werden. Eine schnelle Internetverbindung wäre für den agilen Pater Gold wert. "Immer wieder haben wir an die Behörden und die staatliche Telekommunikationsfirma Etecsa geschrieben, aber da ist nichts zu wollen", klagt der Kirchenmann.

Zwar sind neue schnellere Internetzugänge in Kuba seit dem 4. Juni im Betrieb, aber bis auch Hausanschlüsse verlegt werden, wird es noch bis zum Herbst 2014 dauern. Das hat Etecsa-Direktor Jorge Legrá gerade angekündigt und auch Zahlen bekanntgegeben, wie die neu installierten 118 Internet-Säle bisher genutzt wurden.

Verhaltene Resonanz

Laut Legrá haben in den ersten 15 Tagen nach der Installation der neuen Internet-Zugänge rund 11.000 Kunden den neuen Zugang genutzt und eine zuvor bezahlte Surf-Karte erworben. Eine recht verhaltene Resonanz. Das liegt, so schätzt der unabhängige Journalist Iván Garcia, vor allem an den hohen Kosten. Für einstündigen Zugang nur zum WWW berechnet die Etecsa 3,50 Euro pro Stunde und immerhin noch 1,20 Euro pro Stunde für den Zugang nur zum E-Mail-Account. Angesichts eines kubanischen Durchschnittslohns von umgerechnet rund 15 Euro müssen sich viele Kubaner dann überlegen, ob sie lieber surfen oder das Geld in Nahrungsmittel investieren.

Zudem sind die Leitungen zwar deutlich schneller geworden, aber längst nichts so fix wie einst angekündigt, so Garcia. Der hat gleich nach der Eröffnung der neuen Internet-Säle die Probe aufs Exempel gemacht. "Mit zwei Megabit pro Sekunde sind die Leitungen im Vergleich zu den 100 Kilobit in internationalen Hotels wie dem Saratoga deutlich schneller. Für Kuba ist das ein Quantensprung, aber sicherlich weit davon entfernt, was international Standard ist", erklärt der Journalist, der für die spanische "El Mundo" sowie für die in Miami erscheinende "Diario Las Américas" schreibt.

Das war im Januar 2010, als das revolutionäre Glasfaserkabel zwischen Venezuela und Kuba gelegt wurde, deutlich anders angekündigt. Bis zu 3000 mal schneller solle man zukünftig surfen können, hieß es da in der venezolanischen wie kubanischen Presse. Ob die volle Leistung der Leitung an die Nutzer, in Kuba Cybernautas genannt, weitergegeben wird, glauben Nutzer wie Luis Eligio nicht. Der Videokünstler vom Performancekollektiv Omni Zona Franca postet seine Arbeit und die seiner Kollegen regelmäßig auf der eigenen Homepage und hat dazu meist internationale Hotels in Havanna oder die Botschaften einiger europäischer Staaten aufgesucht, die den Web-Service anbieten.

High Speed nicht für alle

"Eine Videokonferenz, wie sie jüngst zwischen Havanna und den USA stattfand, um für die bedingungslose Begnadigung der fünf kubanischen Spione zu werben, ist nur mit einer wirklich schnellen Leitung machbar. Darüber verfügen die Ministerien, aber uns enthält man sie vor", kritisiert Luis Eligio. Er glaubt nicht an High-Speed-Internet für alle in Kuba und der restriktive Umgang mit alten wie neuen Medien, den Amnesty International oder Reporter ohne Grenzen den kubanischen Behörden attestieren, stützt diese Ansicht. Dissidenten wie Guillermo Fariñas, der derzeit in Europa unterwegs ist, fordern seit Jahren mehr Zugang und weniger Kontrolle. Dafür ist der in Santa Clara lebende konservative Politiker 2006 schon einmal in den Hungerstreik getreten.

Grundlegendes hat sich seither jedoch nicht verändert - abgesehen von der Verlegung des Glasfaserkabels, das Venezuela mit Kuba und Jamaika verbindet. Seit Mitte Mai funktioniert es nun in beide Richtungen, so meldeten die Internet-Analysten der US-Firma Renesys.

Für den Zugang und die Nutzung des Kabels ist hingegen das Kommunikationsministerium am Platz der Revolution in Havanna zuständig. Dort wird auch verfügt, welche Seiten von Kuba aus nicht aufgerufen werden können und welche Suchbegriffe tabu sind. So sind beispielsweise die berühmten Blogs von Yoani Sánchez in Kuba nicht zu empfangen. Gleiches gilt für die Seiten von exilkubanischen Organisationen in Miami oder für Webauftritte von Radio und TV Martí, den von der US-Regierung finanzierten "kubanischen" Nachrichtenkanälen.

Dabei stützen sich die Kubaner seit mehr als zehn Jahren auf chinesisches Know-How. Das wird wohl auch zukünftig so sein, denn Gerüchten aus Dissidentenkreisen zufolge basteln kubanische und chinesische Experten derzeit an einem neuen Überwachungsinstitut für die Netzaktivitäten zwischen der Insel und dem Rest der Welt. Der Traum vom freien Netzzugang wird in Kuba vorerst wohl kaum Realität.

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insgesamt 18 Beiträge
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1.
pom_muc 26.06.2013
Ein Wochenlohn für 60 Minuten surfen unter strengster Zensur auf einer 2 MBit-Leitung in Kuba. Sind das die "Fortschritte" von denen Lafontaine 2007 fabulierte? Und in D regt man sich darüber auf dass der Sozialhilfeempfänger der seinen Anschluß vom Amt bezahlt bekommt nicht auch die 100 Mbit-Leitung für seine File-Sharing-Aktivitäten bekommt.
2. Überall das selbe:
spon-facebook-10000030825 26.06.2013
In Kuba bremst das Regime, in Deutschland die Drosselkom....
3. nanananana
warp0 26.06.2013
Das ist doch wieder irreführend. In Kuba, wo von Grundnahrungsmitteln bis Miete alles subventioniert wird und das Bildungs- und Gesundheitssystem kostenlos ist müssen Kubaner sich den Internetzugang nicht vom Mund absparen. Und wo er seine paar Freizeit-Kröten läßt - das fragt sich der Kleine Mann überall auf der Welt. Ich erinnere mich an Zeiten, wo ich in Internetcafés für mehr als 5 Euro die Stunde gesurft bin - dank Embargo hinken die Kubaner technisch eben ein paar Dekaden hinterher. Davon geht die Welt nicht unter.
4. .......
janne2109 26.06.2013
Zitat von spon-facebook-10000030825In Kuba bremst das Regime, in Deutschland die Drosselkom....
herzlichen Dank für den intelligenten Beitrag! ach ich vergaß - gegen Aufgeld ist auch die Telekom wenn denn mal das Thema soweit ist, wieder schneller. Auf Kuba könnte sich niemand diese Gebühren leisten. Aber wie gesagt- Ihr Beitrag sehr intelligent.
5.
grmlfimmel 26.06.2013
Zitat von warp0Das ist doch wieder irreführend. In Kuba, wo von Grundnahrungsmitteln bis Miete alles subventioniert wird und das Bildungs- und Gesundheitssystem kostenlos ist müssen Kubaner sich den Internetzugang nicht vom Mund absparen. Und wo er seine paar Freizeit-Kröten läßt - das fragt sich der Kleine Mann überall auf der Welt. Ich erinnere mich an Zeiten, wo ich in Internetcafés für mehr als 5 Euro die Stunde gesurft bin - dank Embargo hinken die Kubaner technisch eben ein paar Dekaden hinterher. Davon geht die Welt nicht unter.
wooooow. Sie sollten für die Linke Politik machen :)
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Fläche: 109.886 km²

Bevölkerung: 11,258 Mio.

Hauptstadt: Havanna

Staats- und Regierungschef: Raúl Castro

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