S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine Immer her mit der Nazikeule

Ein aktueller Trend im Netz sieht so aus: Man möchte rechtsradikale Positionen vertreten, aber dafür bitteschön nicht als rechtsradikal bezeichnet werden. Das geht so nicht.

Eine Kolumne von


"Man muss mit diesen Leuten reden", sagen die Besonnenen, und meinen, dass man sich menschenverachtenden, rechtsradikal gefärbten Kommentaren im Netz und auf der Straße diskursiv entgegenstellen soll.

Wahrscheinlich haben die Besonnenen recht, wie so oft - aber ebenso wahrscheinlich haben sie noch nie versucht zu tun, was sie predigen. Wer tatsächlich anfängt, mit "diesen Leuten" zu reden, stellt drei häufig wiederkehrende Phänomene fest:

  • Es geht meist gar nicht um Gespräche, sondern um Signale der Zusammengehörigkeit an Gleichgesinnte. Diskussion als Austausch von Positionen ist selten erwünscht, die eigene, absurde Definition von Diskussion ist "von der Gegenseite recht bekommen".
  • Selbst sanfte Entgegnungen und zaghafte Zweifel werden oft brachial gekontert, es geht dabei offensichtlich um Selbstvergewisserung vor der Gruppe.
  • Die rhetorische Figur der "Nazikeule" taucht verlässlich auf.

Nazikeule ist der derzeit spannendste, weil bezeichnendste Begriff im deutschsprachigen Internet. Er stammt von der Metapher "Moralkeule" ab, die durch die Friedenspreisrede (PDF) von Martin Walser in der Paulskirche 1998 geprägt wurde. Walser formulierte damals verquast das Fundament einer intellektuellen Täter-Opfer-Umkehr, in dem er davor warnte, Auschwitz als "Drohroutine […], jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule" zu verwenden. Damit wurde der Begriff "Auschwitz-Keule" groß, eine so simple wie Antisemitismus entlarvende Äußerung: In Auschwitz waren Juden die Opfer, bei der Auschwitz-Keule sind Deutsche die Opfer. In dieser Tradition der Täter-Opfer-Umkehr steht die Nazikeule heute im Netz.

Wichtig ist dabei, dass "Nazi" im öffentlichen Diskurs nicht mehr in wikipediahafter Definition als "Kurzwort für Nationalsozialist" verstanden wird. Der Begriff Nazi hat sich zum Sammelbegriff entwickelt, er bezeichnet eine Personengruppe, die zu rechtsorientierter Menschenfeindlichkeit neigt. Das steht im Gegensatz zu der rechten Nachkriegstradition, "Nazi" so eng zu definieren, dass eigentlich nur Hitler übrig bleibt.

Man darf ja wohl noch Rechtsradikales sagen, ohne rechts zu sein!

Der Begriff Nazikeule ist das Arschgeweih der Rechtspopulisten. Wer Nazikeule sagt, der glaubt, für seine geäußerte Meinung zu Unrecht als Nazi bezeichnet zu werden. Es handelt sich aber um eine sehr interessante Schutzpose, weil bei ihrer Verwendung zwei wesentliche Aussagen mitklingen:

  • Wer Nazikeule sagt, möchte kein Nazi sein und nicht als solcher bezeichnet werden, die Verwendung sagt also aus, dass Nazi sein etwas Schlechtes ist.
  • Wer vorauseilend vor dem Einsatz der Nazikeule warnt, erkennt damit indirekt an, dass seine Äußerungen als rechtsradikal verstanden werden könnten.

Das kleine Geschwisterkind der Nazikeule ist die Wendung "in die rechte Ecke stellen", und die Analyse dieser Formulierung hilft zu verstehen, wie die Nazikeule genau funktioniert. Kritik an rechten Positionen wird häufig gekontert mit der Aufforderung, die Person "nicht in die rechte Ecke zu stellen". Das bedeutet, dass man seine eigene Meinung nicht für rechts hält, wobei interessanterweise hier "rechts" von tendenziell Rechten als Synonym für "rechtsradikal" benutzt wird.

Hier ist die Essenz dieser merkwürdigen, rechten Selbstdistanzierungen: Man möchte rechte oder rechtsradikale Positionen vertreten, ohne als rechts oder rechtsradikal bezeichnet zu werden, man möchte sich waschen, ohne nass zu werden. Und das Wort Nazikeule soll dagegen imprägnieren. Man wird doch wohl noch Rechtsradikales sagen dürfen, ohne gleich rechtsradikal genannt zu werden!

"Dumm ist, wer Dummes tut" lautet die ewige Weisheit von Forrest Gumps Mutter. Rechtsradikal ist, wer Rechtsradikales sagt. Unabhängig davon, ob die Person es selbst wahrhaben möchte oder nicht.

Nutzt die Nazikeule!

Deshalb plädiere ich hiermit für die gezielte Verwendung der Nazikeule (und damit implizit für eine Umdeutung des Begriffs). Wann immer rechtsradikale Thesen geäußert werden, sollen sie rechtsradikal genannt werden. Wann immer rechte Menschenfeindlichkeit augenzwinkernd angedeutet wird, soll sie rechte Menschenfeindlichkeit genannt werden. Denn die Existenz des Begriffs Nazikeule zeigt auch, dass selbst die meisten Leute mit rechtsradikalen Positionen nicht Nazis genannt werden wollen. Immerhin. Es handelt sich also um einen wunden Punkt, sonst müsste dafür eben keine Schutzpose, keine Abwehr eingenommen werden. Hier lässt sich ansetzen.

Denn die Wahrheit ist, dass "diese Leute", mit denen man doch reden muss, sich grob in zwei Gruppen einteilen. Die einen sind Vollnazis, mit denen schlicht kein Dialog möglich ist. Solche die sagen: "Ich bin doch kein Antisemit, nur weil ich Juden hasse". Die anderen aber, die Mitläufer, die Frustrierten, die Ängstlichen, die Aufgehetzten, die vielleicht noch erreichbaren Latenz-Nazis - die muss man dort packen, wo es schmerzt, also bei ihrem Wunsch, kein Nazi zu sein. Zugleich könnte das die große Menge an rechtsradikaler Hetze durch Mitläufer eindämmen. Denn wenn jemand weiß, dass er für eine Äußerung verlässlich als Nazi bezeichnet wird, könnte das seine Motivation dämpfen, tatsächlich zu hetzen.

Meine These ist, dass die zugegeben auch vorhandene Gefahr der Abnutzung oder vorschnellen Verwendung geringer ist als der Nutzen der Nazikeule. So lange Leute Nazikeule sagen, wollen sie keine Nazis sein. Der erste und wichtigste Schritt in das Gespräch, das die Besonnenen zu Recht fordern - ist also, deutlich zu machen, wo die Grenze verläuft zwischen legitimer Meinung und Nazi. Und zum Ziehen dieser Linie eignet sich die Nazikeule vortrefflich. Preist die Schönheit der Nazikeule!

tl;dr

Die "Nazikeule" kann ein geeignetes Instrument sein, um den noch rettbaren Rechten zu zeigen, wo Meinung aufhört und Nazitum beginnt.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 352 Beiträge
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Seite 1
sabrina74 11.11.2015
1. Danke!
Nur so wirds gehen (zumindest ein Stück weit, bei vielen ist wahrscheinlich leider Hopfen und Malz verloren).
kevinschmied704 11.11.2015
2. ja das nehm ich mal
als gut gemeinten Hinweis an, wie man da gänzlich ohne lange Diskussionen durch kommt. einfach direkt die grenze ziehen und bescheid geben, das man bestimmte Meinungen akzeptiert, aber der gegenüber auch klar kommen muss, als rechts gesinnter angesehen zu werden. nicht dumm! darauf hätte ich auch selber kommen können. danke!
Bondurant 11.11.2015
3. Für die Einfältigkeit
mancher Autoren muss man regelrecht dankbar sein: Wichtig ist dabei, dass "Nazi" im öffentlichen Diskurs nicht mehr in wikipediahafter Definition als "Kurzwort für Nationalsozialist" verstanden wird. Der Begriff Nazi hat sich zum Sammelbegriff entwickelt, er bezeichnet eine Personengruppe, die zu rechtsorientierter Menschenfeindlichkeit neigt. So geht das also: Nazi ist nicht länger (nur), wer der nationalsozialistischen Ideologie zugerechnet werden kann. Nein, das ist schon, wer "zu rechtsorientierter Menschenfeindlichkeit neigt". Das ist cool. Was das ist, entscheiden vermutlich die "Internet-people".
csm101 11.11.2015
4. Nazikeulen überall
Ja, Sie haben Recht, Herr Lobo. Nur leider werden selbst für Positionen, die Politiker aus CDU, CSU und der SPD vertreten die Nazikeulen ausgepackt. Insoweit nutzt sich der Begriff sehr schnell ab.
plietsch 11.11.2015
5.
Im Netz kommt das Gerede von einer "Nazi-Keule" eh nur noch von jenen, die Meinungs- mit Narrenfreiheit verwechseln und nur austeilen wollen statt auch mal einzustecken. Volksverhetzung ist für sie kein Problem, aber wenn jemand sie nüchtern kritisiert, sehen sie sich sofort angegriffen und schreien nach dem Rechtsstaat. Ist so seriös wie jene, die Lügen erfinden, um gegen eine ominöse "Lügenpresse" zu keilen.
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