Internet-Monarchen Der Staat, das bin ich

Sie heißen Prinz John I. oder König Robert I. Sie haben sich den Kinderwunsch nach Allmacht erfüllt und einen eigenen Staat gegründet - mit Nationalhymne, Ministern und manchmal auch Bürgern. Das Internet birgt neue Möglichkeiten für Revoluzzer und Regenten.


Republic of Lomar: Pässe für Staatenlose

Republic of Lomar: Pässe für Staatenlose

In einer Welt, in der alle Territorien abgesteckt sind, bleibt Möchtegern-Monarchen nur die Flucht auf internationale Gewässer, andere Planeten oder in die Virtualität. Das Internet hat immer schon dazu gedient, Parallelwelten, Nischen, neue Räume zu schaffen. Warum also nicht einen ganzen Staat? Eine Verfassung, ein paar Bürger und als Territorium 5 MB freien Speicherplatz - fertig ist die Mikro-Nation.

Es gibt dutzende solcher Kleinststaaten im Netz, vornehmlich gegründet von Egomanen, Anarchos, Idealisten und Künstlern. Der wahrscheinlich älteste Staat ist Talossa, dessen Wurzeln bis 1979, weit vor die Ankunft des World Wide Web, zurückreichen. Der damals vierzehnjährige Robert Ben Madison erklärte sein Kinderzimmer im amerikanischen Milwaukee zur unabhängigen Nation und krönte sich selbst zu König Robert dem Ersten. Als Untertanen mussten zunächst seine wenigen Freunde herhalten. Die ersten Nationalhymnen stammten von der Popband Abba. Erst als Talossa 1997 online ging, begann die Bevölkerung nennenswert zu wachsen - auf inzwischen 60, davon drei Frauen (Den Frauenmangel erklärte der König im Magazin "Wired" mit der hitzigen, bisweilen ruppigen Diskussionskultur auf dem staatseigenen Message Board).

Die meisten virtuellen Staaten sind Monarchien - was viel über die Gemütsverfassung des Gründers verrät, wenig jedoch über ihre politische Verfassung. In ihrem Selbstverständnis sind diese Autokratien freier als jede Republik: Unabhängigkeit und Selbstbestimmung werden groß geschrieben in dieser Spaßkultur, in der Würdenträger gewöhnlich Hotmail-Addressen haben. Vermutlich, weil sonst nicht viel passieren würde, vergnügen sich die Talossaner mit demokratischen Ritualen. "Wir lieben Wahlen", sagte König Robert in "Wired". Talossa hält alle acht Monate Wahlen ab.

Talossa sehr ähnlich, wenn auch längst nicht so weit entwickelt, ist das Königreich Triparia, gegründet in Pittsburgh/Pennsylvania im Februar 1998. Auch hier heißt der König Robert I., die Hauptstadt ist als "Shawn's Apartment" bekannt. Die 28 Triparianer glauben, dass "Mikronationalismus eine unterhaltsame Methode ist, um mit Politik und Kultur zu experimentieren". Wichtigster Feiertag ist der 21. September, der "Monarchietag". Auch den Valentinstag haben sie zum Feiertag erhoben, "um die Liebe zu ehren". Beide Königreiche haben eine eigene Sprache entwickelt, die irgendwie skandinavisch aussieht. In Talossa soll es sogar zwei Bürger geben, die sich auf ihrer Kunstsprache unterhalten können.

Eine regelrechte Großmacht unter den Mikronationen ist die Republik Cyber-Jugoslawien: Erst am 9. September 1999 ausgerufen, hat sie bereits 11.396 Bürger - von denen jeder auch Minister ist. Da nicht jeder Finanzminister sein kann, gibt es unter anderem einen "Minister für Babes" und einen "Minister für Speed-Metal". Die Verfassung kann jederzeit von jedem Bürger geändert werden; ratifiziert wird die Neuerung durch eine Abstimmung.

"Wir haben unsere Heimat 1991 verloren und sind Bürger von Atlantis geworden", heißt es auf der Website. Jeder, der sich als Jugoslawe fühlt, kann Bürger werden. "Wir haben kein physisches Land, aber sehr wohl eine nationale Identität", heißt es weiter. Wenn sie fünf Millionen sind, wollen die Cyber-Jugoslawen Mitgliedschaft bei der Uno beantragen - und 20 Quadratmeter Territorium, wo sie ihren Server hinstellen können.

Verloren haben die Freedonianer ihr Land nicht, sie sind unter Protest gegangen: Prinz John I. und seine Freunde haben im März 1992 ihre Häuser in Boston für unabhängig von jenem oppressiven Regime namens USA erklärt. Der Prinz kennt sich aus in Rechts- und Staatsphilosophie, zitiert John Locke und die "Federalist Papers". Amerika hätte sich zu weit von den Ideen der Unabhängigkeitserklärung entfernt, darum sei es an der Zeit für eine neue Neue Welt. "Die Idee, eine neue Nation zu gründen, ist heute nicht lächerlicher als vor 200 Jahren, als die Vereinigten Staaten erschaffen wurden", schreibt er in einem Brief an Besucher der Website, äh, des Landes.

Während andere in ihrem Alter davon träumen, eine Kneipe zu eröffnen, denken Prinz John und seine zwei Minister an einen eigenen Überseehafen in Somaliland, der die Nation einmal ernähren könnte. Das Staatsgebiet müssten sie natürlich erst dem Besitzer, einem Sultan, abkaufen. Kapital wollen sie mit Gelddrucken schaffen: Es gibt bereits 50-Freedonia-Dollar-Münzen, Scheine sollen bald folgen. Mit Tauschgeschäften wollen sie dann die begehrten Devisen, amerikanische Dollars, ins Land lenken. Geld ist nicht das Einzige, was Freedonia braucht: Auf dem Bogen, den künftige Staatsbürger ausfüllen müssen, wird auch gefragt, ob der Bewerber sich einen Ministerposten vorstellen könnte.

Noch weiter in die Zukunft schaut die Republik von Lomar, die Wahlheimat der Internet-Elite. "Wir sind davon überzeugt, dass der virtuelle Staat ein sehr reales Phänomen des 21. Jahrhunderts wird", sagt Laurence Cleenewerck, der Kanzler. Die rund 4000 Lomarianer, darunter viele IT-Beschäftigte, wollen traditionelle Wahrnehmungen von Nation und Staatsbürgerschaft erschüttern: Jeder Mensch soll in Zukunft sein Land wählen dürfen und mehrere Pässe besitzen dürfen. Außerdem will die Republik Pässe für Staatenlose und Verfolgte ausstellen.

Briefmarken sind eine der Einnahmequellen der Republik Lomar

Briefmarken sind eine der Einnahmequellen der Republik Lomar

Die Bürger von Lomar zahlen keine Steuern. Das Geld für ihr Projekt liefert die "Republic-of-Lomar Corporation", eine Webdesign-Firma im Silicon Valley. Lomar hat eine Zentrale in Washington und "Botschaften" in etlichen Ländern. Bisher bleibt ihr diplomatische Anerkennung von "echten" Regierungen versagt. Doch wenn die Bevölkerung Mitte 2001 wie erwartet 15.000 erreichen sollte, hofft Cleenewerck, werden andere Staaten beginnen, Lomar ernst zu nehmen. Zwei Bürger konnten bereits erste Erfolge in der wirklichen Welt verbuchen: Mit ihren lomarianischen Pässen erhielten sie Visa zur Einreise nach Kuba und Russland.

Nicht alle virtuellen Staaten sind das Werk von harmlosen Teenagern und Idealisten: Hinter einigen stecken Betrüger, die mit der Staatsgründung Geld verdienen wollen. Anfang der Woche hat die spanische Polizei eine Bande in Madrid festgenommen, deren Kopf der selbsternannte Regent von Sealand war. Sealand verkaufte sich im Internet als Geldanlegerparadies und beschaffte Drogenhändlern und anderen Kriminellen Diplomatenpässe. Im Unterschied zu anderen Mikronationen hatte Sealand sogar ein Staatsgebiet: eine verlassene britische Militärplattform in der Nordsee jenseits aller Landesgrenzen.



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