Zum Tode von Ossi Urchs Der freundlich-flippige Pionier des Digitalen

Als "Minister for Tomorrow" wurde Ossi Urchs zur deutschen Symbolfigur für das Internet. Doch er war weit mehr als eine Werbefigur: Als scharfsinniger Analytiker prägte er die Debatte über die Digitalisierung maßgeblich mit.

Ein Nachruf von

Verstorbener Pionier: Oswald Hans Urchs gehörte zum kleinen Kreis der Menschen, die Digitaltechnik in Deutschland populär machten
imago

Verstorbener Pionier: Oswald Hans Urchs gehörte zum kleinen Kreis der Menschen, die Digitaltechnik in Deutschland populär machten


Die Menschen, die aktiv an der digitalen Welt mitgebaut haben, lassen sich in verschiedene Gruppen unterteilen. Zuvorderst sind da die technischen Pioniere, die Träumer, Codeschreiber und Schrauber, die erst die Voraussetzungen schufen. Dann gibt es die Analytiker und Vermittler, die das Neue in seinem Kontext und seinen Möglichkeiten für die Nicht-Fachleute erschlossen. Und schließlich gibt es diejenigen, die sich meinungsstark und oft unter der Fahne des Marketing oder der Selbstvermarktung als Pioniere in Szene setzen.

Viele, die Ossi Urchs 1993 erstmals als "Minister for Tomorrow" wahrnahmen, haben ihn womöglich nur da eingeordnet: Sie sahen auf Plakaten und in Werbespots einer Zigarettenmarke einen kauzigen, flippigen Mensch mit seltsamen, womöglich nicht echten Namen. Quasi aus dem Nichts wurde der als unser aller Spezialist fürs Digitale inszeniert. Aber war das mehr als eine Kampagne?

Ossi Urchs hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine Karriere hinter sich, die ihn tatsächlich dafür qualifizierte, die neuen digitalen Möglichkeiten zu vermitteln. Am 16. August 1954 in Köln geboren, landete er schon im Jugendalter erstmals vor einem Radio-Mikrofon: Seine ersten Auftritte hatte er als Kindersprecher beim WDR. Beim Westdeutschen Rundfunk ließ sich der studierte Philosoph und Theaterwissenschaftler später auch zum Regieassistenten ausbilden.

Trendscout: Einer, der das Neue entdeckt

Danach, erzählt seine Frau Sigi Höhle, habe er nie mehr "einen Chef gehabt": Bereits 1982 gründeten die zwei ihre Medienagentur, mit der sie Inhalte und Filme für zahlreiche Auftraggeber produzierten. Nebenbei entwickelte Urchs in den Achtzigern früh ein Interesse an digitaler Bildbearbeitung - damals noch ein Feld, in dem sich nur Pioniere tummelten. Urchs war ein Entdecker, der die neuen Möglichkeiten zu vermitteln wusste.

Vielleicht führte das 1990 zu dem Auftrag, für den "Playboy" vier Wochen durch Kalifornien zu ziehen und nach den Trends der Zukunft zu suchen. Entdecken, analysieren und erklären - das sollte in den Folgejahren zum Kern seiner journalistischen Tätigkeit werden, am Schreibtisch, vor und hinter der Kamera. Wahrscheinlich führte das auch zum nächsten Schritt: Dass Urchs für kurze, aber einprägsame Zeit als "Zukunftsminister" zur Werbefigur wurde. Doch wer ihn nur dafür hielt, unterschätzte ihn maßlos.

Wer ihn in den Jahren nach 1993 auf Kongressen traf, entdeckte schnell, dass da keine Medienschöpfung stand, sondern ein intelligenter Medienmacher. Urchs arbeitete als Journalist, Moderator und Redner, er beriet Unternehmen und lieferte treffende Analysen zur Entwicklung der digitalen Wirtschaft. Dabei war er auffällig, weil er so anders war als die meist gut gebürsteten Hipster der digitalen Szene, und zugleich einer, der sich durchaus nicht nach vorne drängelte.

Im Januar 2013 erfuhren Urchs und Sigi Höhle, dass Ossi Krebs hatte. Er machte auch das bald darauf öffentlich, teilte den Verlauf seiner Krankheit und seiner Therapien mit dem Heer seiner Facebook-Freunde, von denen man viele treffender als Fans bezeichnen sollte. Er starb am Donnerstag, dem 25. September 2014 an den Folgen dieser Krankheit. Darauf, dass jemand bei Facebook kurz darauf das Gerücht verbreitete, er habe Selbstmord begangen, hätte er wohl die passende, pointierte Antwort gefunden.

Denn nicht zuletzt und bis zuletzt war Ossi Urchs ein lebensbejahender Mensch. Was von ihm bleibe, sagt seine Frau Sigi Höhle, sei, "dass man leben kann, indem man tut, was man will."



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sinasina 25.09.2014
1. So traurig ...
Ich hatte das große Glück, Ossi Urchs persönlich kennenzuleren. Einen so angenehmen und fundiert argumentierenden Menschen gibt nicht oft. So traurig .. Lang - aber sehr interessant: http://www.youtube.com/watch?v=1YUPGGlcbaw#t=18 http://www.urchs.de/4/ http://www.youtube.com/results?search_query=Ossi+Urchs
Das Grauen 25.09.2014
2. @sinasina Danke
Nett von Ihnen, die Videos zu verlinken. So kann man sich einen Eindruck verschaffen. Sicher ein großer Verlust für diejenigen, die Spaß an Podiumsdiskussionen über gesellschaftliche Entwicklungen haben... :-/
Ulrich Kampffmeyer 25.09.2014
3. Rip
Mit Ossi Urchs hat uns einer der Pioniere der digitalen Äre und zugleich ein großer Geist verlassen. Der Abschied hatte sich schon lange angekündigt und dennoch kam die Nachricht überraschend und verstörend. Von meiner Seite, Danke für die vielen Anregungen. RIP Ossi
bestpiet 26.09.2014
4. Ein guter Mann...
ich habe ihn auch persönlich kennengelernt. Ein Mann mit fundiertem Wissen, menschlich und integer, eine Bereichung für alle anderen Menschen! Ich werde für ihn beten! Möge er in Frieden ruhen!
mangeder 27.09.2014
5.
Wenn jemand Werbung für Zigaretten macht und damit aktiv dabei hilft, dass sein cooles Image auf die Zigaretten übertragen werden und jungen Leuten ein positives Bild vom Rauchen vermittelt, ist das moralisch mehr als problematisch. - Dass er nun leider an Krebs gestorben ist, macht die Sache nicht besser, eher die problematische Verbindung offensichtlicher.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.