Internet-Pläne des ZDF: Auf der Suche nach der verlorenen Jugend

Von Till Frommann

Das ZDF will über 50 Prozent seines Fernsehprogramms zum kostenlosen Abruf im Internet bereitstellen, wo es die längst abgewanderte jugendliche Zielgruppe vermutet. Die Begeisterung der kommerziellen Konkurrenz über die ehrgeizigen IP-TV-Pläne hält sich in Grenzen.

Das ZDF ist auf der Suche. Das Ziel ist die Zukunft und vor allem die konsumfreudige jugendliche Zielgruppe, die dem klassischen Fernsehen, vor allem aber dem ZDF zunehmend den Rücken kehrt. Immer seltener zappen sich die Jungen durch die starren Dauerberieselungen der TV-Sender. Stattdessen stellen sie sich über Youtube und Konsorten ihr eigenes "Was interessiert mich gerade persönlich?"-Programm zusammen.

Promis, Infos, Unterhaltung: Die Mediathek des ZDF

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Neuland ist das Web für das ZDF natürlich nicht: Mit ihrer "Mediathek" bieten die Mainzer im Rahmen ihrer Möglichkeiten schon seit 2001 ein breites Angebot an Serien, Nachrichtenbeiträgen und Talkshows auch im Internet zum Abruf an. Ende Juni vergangenen Jahres wurde die "Mediathek" immerhin mit dem renommierten "Deutschen Multimedia Award" in der Kategorie "Interaktives TV" ausgezeichnet.

Und eigentlich wollen die Mächtigen der Öffentlich-Rechtlichen im Internet schon seit langem mehr bieten, als sie bisher konnten oder durften. Am Montag kündigte der Mainzer Sender an, ungefähr die Hälfte seines Programms bis Ende des Jahres auch online auf Abruf anzubieten. Bislang seien es nach Senderangaben um die zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent. Im Moment gebe es laut ZDF etwa 4,5 Millionen Videoabrufe pro Monat.

Das ist für das Angebot eines deutschen TV-Senders beachtlich, im direkten Vergleich mit Web-Videoseiten allerdings bescheiden: Der deutsche YouTube-Klon MyVideo zählte im Dezember 2006 fast 654 Millionen Seitenaufrufe. Die Zahl der Video-Aufrufe gibt die Seite in einer nicht mehr ganz taufrischen Pressemitteilung mit "6 Millionen am Tag" an.

Doch der direkte Vergleich ist auch unfair: Während es bei YouTube, MyVideo und Co. vor allem Entertainment-Häppchen oft ungeklärter Herkunft zu sehen gibt, sind gerade in diesem Bereich einem Sender wie dem ZDF die Hände gebunden. Web-Videoseiten lassen ihre Nutzer erst einmal Copyrights und Lizenzen verletzen und sorgen im Nachhinein für Ordnung. Bei ZDF und Co ist das nicht drin: Gezeigt werden können fast ausschließlich Eigenproduktionen, an denen man alle Rechte hält.

"Das Top-Angebot", erklärt Robert Amlung, Leiter der Hauptredaktion Neue Medien des ZDF gegenüber SPIEGEL ONLINE, "ist die Telenovela 'Wege zum Glück' mit über einer Million Abrufen im Monat."

Dass es überhaupt ein solches Unterhaltungsprogramm ins öffentlich-rechtliche Netz schafft, ist die große Ausnahme. Für Spielfilme, einige Sportereignisse und Sendungen aus dem fiktionalen Bereich lägen bisher nämlich keine Abrufrechte vor. "Wir versuchen im Moment, uns zu einigen, damit wir mehr Fiktionales online verfügbar machen können", so Amlung.

Vor dem Upload muss also für nötige Lizenzen gezahlt werden - kein billiges Unterfangen, dieses Fernsehen auf Abruf, auch in technischer Hinsicht.

Erfolg wird bestraft

Die Krux daran: Je beliebter es wird, desto höher fallen auch die Kosten dafür aus. Die Streaming genannte Video-Übertragung geht mächtig ins Geld. Billiger wäre die so genannte Peer-to-Peer-Technologie (P2P), wie sie jeder Web-Nutzer von Programmen wie BitTorrent oder eDonkey kennt. Von jedem Computer, der sich das Video aufruft, wird es gleichzeitig weiter an andere Nutzer gesendet, also quasi durchgereicht. So überträgt zum Beispiel bereits die "Deutsche Welle" ihr Fernsehprogramm "DW-TV" in einer Variante als Livestream.

Beim ZDF zweifelt man jedoch daran, ob das die richtige Lösung darstellt: "Ich bin mir überhaupt nicht sicher, ob Peer-to-Peer überhaupt Kosten spart", sagt Amlung. Er verweist dabei auf die Debatte in den USA, in welcher es darum geht, dass Provider dort fordern, dass sich die Kostenverursacher des P2P-Datenverkehrs – in diesem Fall Fernsehsender – an den Kosten beteiligen sollen. "Da sind noch viele Baustellen offen", sagt Amlung, die Möglichkeit von P2P werde jedoch "intensiv verfolgt".

Es bleibt also vorerst beim teuren Streaming - und nicht nur darum bei steigenden Kosten. Die Öffentlich-Rechtlichen forderten bereits vergangenes Jahr, die gesetzlich vorgegebene Obergrenze für ihre Internetausgaben abzuschaffen. Im Rundfunk-Staatsvertrag sind diese auf 0,75 Prozent des Senderhaushaltes beschränkt.

"Es kann doch nicht im Sinne der Allgemeinheit sein, wenn gerade die Öffentlich-Rechtlichen - das mediale gesellschaftliche Bindeglied der Bürger - in der Nutzung von Zukunftstechnologien beschränkt werden", sagte Fritz Raff, seit Januar ARD-Vorsitzender, Ende April vergangenen Jahres auf einer medienpolitischen Fachtagung in Düsseldorf.

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IP-TV und Öffentlich-Rechtliche

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