Internet-Radio Laber mich nicht voll

Der neue Trend des "Podcasten" ist letztlich nicht mehr als ambitionierter Bürgerfunk mit digitalen Mitteln. Braucht man das? Unbedingt! Solange man es nicht anhören muss.

Von Verena Dauerer


Podcasten: Früher lauschte man dem Radio, heute ist jeder sein eigener Amateurfunker

Podcasten: Früher lauschte man dem Radio, heute ist jeder sein eigener Amateurfunker

In den letzten Monaten schienen die Medien eifrig bemüht, einen "Hype" kräftig anzuheizen: das "Podcasten". Klammheimlich hat das Thema gar die Blogger, bisher Lieblingskinder der "Jetzt verändert sich die Medienwelt"-Fraktion, entzaubert und aus den Medienberichten verdrängt. Die Verzückung breitete sich endgültig aus, als es das letzte Update der Abspielsoftware iTunes ermöglichte, die Podcasts bequem und direkt in den iPod-Player zu laden.

Der Begriff des Podcasten ist eine clevere Zusammenlegung aus den Wörtern "Broadcast" und "iPod". Dahinter verbirgt sich eine im Internet gestreamte Radiosendung, die sich automatisch und im Abonnement als MP3-Datei auf den Rechner lädt. Länge und Inhalt können variieren. Eigentlich ist der Name Podcast irreführend, denn natürlich muss so ein Podcast nicht unbedingt auf einem iPod angehört werden. Vielleicht aber sollte diese Art der vorgespeicherten Übertragung so hyper-modern und hip anmuten wie der schnieke Apple-MP3-Player, der dem downloadbaren "on demand"-Radio den Namen lieh.

Was ist eigentlich Podcasten?

In der Praxis heißt Podcasting nun, dass jeder von zu Hause aus sein Privatradio starten und die Sendung auf seine Webseite stellen darf und kann. Deshalb wurde das Podcasten sofort als neuer Liebling der "Do it yourself"-Kultur geherzt. Doch ist es im Grunde nicht mehr als ambitionierter Bürgerfunk mit digitalen Mitteln - aber auch nicht weniger: Die Renaissance des Offenen Kanals und seine Weiterführung für jeden Heimanwender mit all seinen überaus charmanten wie dilettantischen Ergebnissen.

Das Internet verhilft nun den gesprochenen Ergüssen potentiell zu mehr Reichweite: "Jeder ist für 15 Leute berühmt", zitiert die "New York Times" einen Podcaster in Anlehnung an Andy Warhol.

Adam Curry: Vater des Podcasting

Zu verdanken hat das die Netzwelt dem "Podfather" Adam Curry. Der ehemalige Moderator des ehemaligen Musiksenders MTV plaudert auf seiner Webseite nicht nur lustige Anekdoten über Rock- und Popstars aus. Vor fünf Jahren hatte er eine weit reichende Idee: Da das Herunterladen von MP3s, geschweige denn Filmen dank lahmer Leitungen so lange dauerte, suchte Curry nach einer Möglichkeit, die Daten nachts auf den ungenutzten Rechner zu speichern.

Das erzählte er dem Programmierer Dave Winter, dem Entwickler von RSS. Letzteres ist ein Spross aus der Familie des Plattformübergreifenden Dokumentenstandards XML und übermittelt die Zusammenfassungen von Webseiten in Form von Schlagzeilen. Dave Winter erweiterte auf Currys Anregung hin sein RSS, damit der Standard auch Informationen zu Video- und Audiodateien liefern kann.

Doch erst im Sommer 2004 machte sich Curry erneut an seine alte Idee. Er hatte just einen Job als Radiomoderator in den Niederlanden und wollte am liebsten weiter Sendungen machen. Eigenhändig begann er mit dem Programmieren des iPodder: Das Programm sollte regelmäßig abonnierte RSS-Feeds über neue Podcasts abrufen und die als MP3-Dateien gleich auf die Festplatte laden. Curry wollte sie auf seinem iPod unterwegs hören - sozusagen als Ersatz für einen digitalen Radioempfänger.

Da er das AppleScript erst erlernen musste, gab er schließlich den iPodder als Open Source für Verbesserungen frei. Als vor einem Jahr klar war, wie einfach sich eigene Radiosendungen über das Podcasten streuen lassen, wurde die erste Version im Sommer 2004 ein bombiger Erfolg. Außerdem war der iPodder ein Plattform übergreifendes Projekt und konzipiert für Linux, Windows, Apple, SmartPhones und Pocket PCs. Mittlerweile ist er allerdings beinah obsolet: Seit Ende Juni kümmert sich das aktuelle Update des iTunes-Players eigenständig um Podcasts über RSS.

Nach der Radioshow per Podcast steht auch schon seine Weiterentwicklung in den Startlöchern: der "Videocast" als selbst gemachtes Privatfernsehen bis zum "Mobcast", bei dem die Filmbeiträge mit dem Handy erstellt werden.

Hobby-Geplätscher vs. Profi-Sendung

"Dieses Zeug soll Spaß machen", erklärt Curry also im Test-Podcast, den man zu hören bekommt, sobald der iPodder auf dem Rechner installiert ist. Und da liegt auch der Knackpunkt, denn nerven soll es eigentlich nicht.

Tut es aber. Unsere Mitmenschen entwickeln offensichtlich mit den fortschreitenden Möglichkeiten der Technik ein erstarktes, wenn auch nicht immer religiöses Sendungsbewusstsein, die User im Internet zu unterhalten. Nach dem Posten in Foren versüßte schließlich die einfache Methode des Bloggens selbst dem letzten Computerfeind den angstfreien Umgang mit der Technik. Es verhalf ihm fortan zu einer unkomplizierten Veröffentlichung seines Online-Tagebuchs.

Das Prinzip des Podcasten ist nun famos und die Option von zu hause aus zu senden überaus notwendig. Es sollte ein Forum für jede Nischenkultur geben, und in den ausfransenden Weiten des Netzes bleibt auf wundersame Weise für jede Aktivität ein Platz. Wünschenswert ist es, wenn Menschen mit ihrer Freizeit höchst kreative Sachen anstellen. Das tun sie, und je professioneller die Macher, desto glänzender wird der Inhalt der Sendungen. Die meisten Macher aber sind nicht professionell.

So wenig erbaulich sich das Geplätscher vieler Hobby-Blogger las, so wenig will man nun von manchen tief schürfenden Erlebnissen der Podcaster hören. Oft beschleicht den Hörer das Gefühl, dass das genau die Typen sind, die unbescholtenen Mitmenschen früher hemmungslos den Anrufbeantworter vollsülzten. Heute sind die Angerufenen immer mobil erreichbar und nicht immer für derartige Unterhaltung empfänglich.

Es ist leider eine Tatsache, aber es kommt neben den wenigen, dafür in den Medien oft und gern hervorgehobenen Glanzleistungen eine Menge Mist aus dem Podcast-Äther. Man muss sich die Sendungen eben herauspicken. So kommt es, dass auch hier wesentliche Fragen gestellt werden, die man nicht immer beantwortet haben möchte: "Warum erlebe ich so wenig mit Jesus?" heißt es bei der christlichen Show von Hans-Peter Royer bei Nikodemus. Dankenswerterweise hat auch Eddie seinen letzten Laber-Schlagabtausch mit Darcy und Stefana aufgezeichnet und unterhält sich in der Mission Freakshow über Anarchisten und das Verbrennen der Amerika-Fahne.

Eigentlich wartet man nur darauf, dass die sonst so technikfremde Verwandtschaft nach dem E-Mailen das Podcasten für sich erobert. Schließlich will man unbedingt im wöchentlichen Update von allen, aber wirklich allen Ereignissen auf dem Lande informiert werden. Das wäre schön - solange man es nicht anhören muss.



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