Online-Revolution: Warum das Internet Experten alt aussehen lässt
Was gerade noch Fakt war, entpuppt sich plötzlich als veraltet oder sogar als Falschinformation: Das Internet mit seinen ständigen Updates macht es den Experten schwer. Wie sich deren Rolle verändert, erklärt Mercedes Bunz in einem Auszug aus ihrem Essay "Die stille Revolution".
Den Experten der prä-digitalen Welt zeichnet ein detailliertes, tiefgehendes Wissen auch über die entlegensten Winkel eines Fachgebietes aus. Weil sie ein umfassenderes Verständnis der Dinge hatten, waren Experten fähig, die richtigen Lösungen zu finden. Oberflächliches Wissen galt dagegen nicht als Expertenwissen. Es war einfach zu erhalten, vage und führte zu falschen Lösungen, weshalb man auch vom "gefährlichen Halbwissen" sprach.
Mit der Digitalisierung werden nun Teile dessen, was einst jemanden als Experten klassifizierte, für alle verfügbar: Obskure, seltene und auch absurde Fakten können jetzt von allen gefunden werden, denn Suchalgorithmen krabbeln durch die letzten Winkel eines Fachgebiets im Internet, und was sie finden, wird von ihnen gelistet. Dass diese neue Verteilung von Wissen jedoch selten als Fortschritt angesehen wird, ist auffällig.
Während das "Hier kommt alles!" der Enzyklopädie in den höchsten Tönen gelobt wurde, reagieren wir, um mit einem Buchtitel Clay Shirkys zu sprechen, auf das "Hier kommt Jedermann!" des Internetzeitalters, als stünde die Invasion der Idioten bevor. Es hat den Anschein, als würde die Verfügbarkeit von immer mehr Fakten die Gültigkeit des einzelnen Faktes nachhaltig erschüttern.
Fakten und Wahrheit: Es ist kompliziert
Wir stehen vor einem Problem, das man vielleicht so umschreiben könnte: Der sich schnell ändernde, unbeständige und volatile digitale Fakt ist mit der Wahrheit anders verknüpft als es noch der Fakt des Industriezeitalters war. Die Eigenschaft der Wahrhaftigkeit konnte er damals noch aufgrund seiner Dauerhaftigkeit beanspruchen, doch diese Eigenschaft ist mit der sich ständig aktualisierenden Wissenslandschaft der Gegenwart nicht mehr kompatibel.
All das hat deutliche Auswirkungen darauf, wie wir uns in der Welt orientieren. Immerhin sind Fakten, vor allem wissenschaftliche Fakten, ein wichtiger Rohstoff für die Logik, nach der westliche Gesellschaften funktionieren, seit wir das Mittelalter hinter uns gelassen haben. Ob in der Politik, der Ökonomie oder der Medizin: Wer seine Ansichten auf Fakten stützt, beansprucht damit Wahrheit für das Gesagte. Allerdings sind Wahrheit und Fakten nicht miteinander identisch, sondern stehen in einem überaus komplizierten Verhältnis zueinander.
Dieses Verhältnis gilt es genauer zu verstehen, wenn wir begreifen wollen, warum die Digitalisierung die Fakten und damit das Expertenwissen zu entwerten scheint. Denn wenn die Faktenlage aufgrund digitaler Medien kontinuierlich aktualisiert wird, werden die Fakten zwar immer exakter, zugleich verlieren sie jedoch jene Dauerhaftigkeit, die einst Kennzeichen ihrer Wahrheit war (vgl. Hannah Arendt, "Wahrheit und Lüge in der Politik").
Technologie mit dunklem Schatten
Das ändert sich nun mit der Digitalisierung: Damit unsere Kenntnis der Fakten akkurat bleibt, muss sie laufend aktualisiert werden - und es ist genau diese Veränderbarkeit, die uns mit einem Gefühl der Konfusion und Beunruhigung zurücklässt. Die sich permanent ändernden Fakten müssen falsch sein, schließlich verändert sich die Wahrheit nicht, sie ist zeitlos. Es scheint, dass wir hier immer noch nach den Regeln eines älteren Diskurses denken und uns an eine Logik halten, die uns zwar lange Zeit gute Dienste geleistet hat, die aber im Grunde im Zeitalter der Druckerpresse verhaftet geblieben ist. Denn während der neue Fakt niemals exakter gewesen ist, war er auch nie weniger dauerhaft.
Wie wir sehen, müssen wir die Perspektive ändern, aus der wir Technologie und technischen Fortschritt betrachten. Im Moment blockiert uns ein alter, den Verhältnissen des 19. Jahrhunderts abgelesener Diskurs, der die Technologie wie ein dunkler Schatten begleitet. Schatten sind allerdings dazu da, ausgeleuchtet zu werden.
Bange machen gilt nicht: Es ist an der Zeit, die Technologie nicht nur als ein uns bedrohendes Monster zu begreifen, sondern auch als einen treuen Begleiter, der uns längst zur zweiten Natur geworden ist. Heute benötigen wir Experten nicht länger, weil sie die nötigen Fakten parat haben, denn die Fakten "wissen" die Algorithmen mittlerweile auch - und vielleicht sogar genauer. Nach wie vor ist jedoch Urteilskraft und kreatives Denken unerlässlich, um tektonische Verschiebungen innerhalb der Wissenslandschaft zu erkennen und einzuschätzen.
Dieser Auszug stammt aus dem Buch "Die stille Revolution" von Mercedes Bunz, erschienen in der "edition unseld" bei Suhrkamp.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Sonntag, 02.12.2012 – 13:54 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 94 Kommentare
Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
- Mercedes Bunz:

Die stille Revolution
Wie Algorithmen Wissen, Arbeit, Öffentlichkeit und Politik verändern, ohne dabei viel Lärm zu machen.
Suhrkamp Verlag;
169 Seiten; 14 Euro. - Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.
- Mercedes Bunz war Online-Chefredakteurin des "Tagesspiegel" und Technologiereporterin des "Guardian". 2010 wurde sie mit dem Deutschen Fachjournalistenpreis ausgezeichnet. Sie war Mitbegründerin des Magazins "Debug". Bei Joseph Vogl hat sie über die Geschichte des Internets promoviert.
Thomas Lohr
für die Inhalte externer Internetseiten.
MEHR AUS DEM RESSORT NETZWELT
-
Best of Web
Netz-Fundstücke: Was Sie im Internet unbedingt sehen müssen -
Silberscheiben
Das lohnt sich: Die besten CD- und DVD-Schnäppchen -
Bilderwelten
Bessere Fotos: So holen Sie ganz einfach mehr aus Ihren Bildern raus -
Angefasst
Gadget-Check: Handys und anderes Spielzeug in Matthias Kremps Praxistest -
Angespielt
Game-Tipps: Spiele für Computer und Konsole im SPIEGEL-ONLINE-Test
