Internet-Ruhm Jonathon, der Schildkröten-Zombie

Drei Worte in einem US-Lokalsender reichten, um einen Zehnjährigen zu einer Berühmtheit zu machen. "Ich mag Schildkröten", sagte Jonathon Ware in die Kamera - und schon liebt man ihn in den USA. Inzwischen gibt es T-Shirts, Mützen und Mashups, die den Jungen feiern.

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Drei Worte genügen. Das "Star Wars Kid" musste noch ein paar Minuten lang zappeln, Gary Brolsma einen ganzen Popsong lang grimassierend durchhalten - Jonathon Ware musste nur drei Worte sagen, um zu einer landesweit bekannten Internet-Berühmtheit zu werden, dank YouTube. Jemand hat diese drei Worte inzwischen mit dem rechten TV-Wadenbeißer Bill O'Reilly vermischt, um dessen aggressiven Interviewstil ins Lächerliche zu ziehen, ein anderer hat ein knapp dreiminütiges Video-Mashup (siehe Kasten unten) zusammengeschnitten, in dem der kleine Jonathon die Gänge des Overlook-Hotels aus "The Shining" unsicher macht. Jonathon ist berühmt, weil er, wie die "Washington Post" schreibt, "ein Zehnjähriger ist, der im goldenen Zeitalter der Nichtigkeit lebt".

"Zombie-Kid"-Jonathon Ware: "Ich finde das wirklich lustig"

"Zombie-Kid"-Jonathon Ware: "Ich finde das wirklich lustig"

Ein Prozess ist in Gang gekommen, der - ähnlich wie die Vorwahl-Debatte der Demokratischen Präsidentschaftsanwärter - deutlich macht, dass die Grenzen zwischen alten und neuen Medien in den USA längst gewaltige Lücken haben. Jonathons Weg zum Ruhm führt vom Fernsehen ins Internet, von da aus in die Zeitung - und irgendwann demnächst vermutlich wieder zurück ins Fernsehen.

Was ist passiert? Jonathon war mit seiner Familie zum Rose Festival in Portland (Oregon) gereist. Die Familie lebt in der Nähe und wollte sich einen schönen Tag machen. In dem Moment, als Jonathon mit einem sehr überzeugend bemalten Zombie-Gesicht aus einem Schminkzelt für Kinder tritt, ändert sich sein Schicksal. Jonathon hat sich vorher eine Ausstellung mit Schildkröten angesehen, und die schwirren ihm noch im Kopf herum - der Grundstein seines Ruhmes.

Der Sound der Nichtigkeit

Eine Fernsehreporterin eines Lokalkanals entdeckt den irgendwie süß und irgendwie originell aussehenden Jungen mit dem bleichen Gesicht und den schwarzen Augenringen und fragt ihn, wie es ihm hier gefällt, wie es ihm geht. Jonathon schaut angemessen zombiehaft jenseitig in die Gegend und sagt dann, nach einer kurzen Pause: "I like turtles" ("Ich mag Schildkröten"). Die Reporterin ist leicht konsterniert, lächelt aber tapfer und sagt noch etwas über "tolle Zombies" und die tolle Zeit, die hier alle haben. Für sie ist die Sache damit erledigt, für Jonathon fängt sie gerade erst an.

Irgendjemand sieht den Schnipsel im Fernsehen, findet ihn rasend komisch und stellt einen Mitschnitt auf YouTube. Der Clip mit dem Titel "Zombie Kid mag Schildkröten" ist bis heute über eine halbe Million Mal abgerufen worden. Fans des Bizarren haben in wenigen Wochen einen "I like Turtles"-Kult entwickelt: Es gibt "I like Turtles"- T-Shirts, -Buttons und -Baseballmützen, es gibt Remixe, Mashups und die erwähnten Kombinationen mit O'Reilly und Stanley Kubrick, in denen Jonathons drei Worte so oft wiederholt werden, bis sie das letzte bisschen Bedeutung einbüßen und zum reinen Klang geworden sind. Zum Sound des Zeitalters der Nichtigkeit.

Die Netzgemeinde als Ganzes reitet Running Gags mit mindestens ebenso großer Ausdauer wie eine durchschnittliche Teenager-Clique - nur dass nun die ganze Welt zuhört. Inzwischen haben die großen Medien Jonathon ausfindig gemacht - der Lokalsender, dessen Kurzinterview ihn berühmt gemacht hatte, war bei der Suche gescheitert. Letztlich - auch das passt ins Bild - wurde seine Schwester von einem Bekannten über MySpace kontaktiert.

Jetzt gibt Jonathon Telefoninterviews, schreibt E-Mails an Sitcom-Stars, die die womöglich tatsächlich lesen werden - die "Washington Post" fordert einen Gastauftritt in seiner Lieblings-Serie "Ellen". Jonathons Eltern denken darüber nach, einen Agenten einzustellen. Dem Sender, der all das in Gang gesetzt hat, sagte der Zehnjährige: "Ich glaube, ich bin berühmter als eine Menge anderer Leute. Ich finde das wirklich lustig."



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