Internet-Statistik Der Siegeszug der Web-Communities

Seit knapp zwei Jahren redet alle Welt über Web 2.0 - doch erst jetzt schlägt sich der Hype auch in Statistiken nieder. Manche Seite hat ihre Nutzerzahlen in einem Jahr verdreifacht. Überraschend große Unterschiede bestehen zwischen Deutschland und den USA.

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Spätestens seit Marketingstrategen von der Macht der Communities schwärmen und ansonsten eher Internet-scheue Feuilletonisten über Tagging und Blogging philosophieren, ist das sogenannte soziale Web endgültig im Mainstream angekommen. Das belegen nun auch die Nutzerzahlen.

Der von der lautstarken Community schon seit Jahren prophezeite Durchmarsch scheint begonnen zu haben - zumindest in den USA. Dort haben Angebote wie Myspace und YouTube bereits den Sprung unter die Top 20 der meistbesuchten Webseiten geschafft. Der Hype um das soziale Netz ist so groß, dass einzelne Anbieter besonders aktive Communitymitglieder sogar mit Geld für ihre Seiten abwerben wollen.

Statistiken von Nielsen Netratings zufolge, die SPIEGEL ONLINE vorliegen, erreicht die englischsprachige Wikipedia mit 56 Millionen Besuchern im Monat Juni 2006 sogar Rang zehn - hinter milliardenschweren Branchenriesen wie Google, Microsoft, Yahoo, eBay und Amazon.

Wikipedia spielt, was die Online-Reichweite betrifft, in einer Liga mit Apple, Real Networks und Amazon - ein sensationelles Ergebnis für eine Seite, deren Inhalte von einer Schar begeisterter Freiwilliger erstellt wird. Myspace folgt mit 52 Millionen Besuchern auf Rang elf, bei Blogger.com und YouTube zählten die Marktforscher 32 beziehungsweise 31 Millionen Surfer (Plätze 16 und 17).

Deutsche "weniger extrovertiert"

In Deutschland scheint hingegen noch die Ära Web 1.0 vorzuherrschen, zumindest wenn man die absoluten Besucherzahlen der Seiten betrachtet. Wikipedia liegt zwar auch hierzulande auf Rang zehn (8,9 Millionen Besucher im Juni) - doch danach ist von Communityseiten und dem vielbeschworenen nutzergenerierten Content nicht viel zu sehen. Die Deutschen sind offenbar nicht nicht nur Blog- sondern auch Community-Muffel.

Erst auf Rang 41 taucht das Exptertennetzwerk Wer-weiss-was.de auf. Es verzeichnete im Juni 2,7 Millionen Einzelbesucher. Das entspricht laut Nielsen Netratings einer Reichweite von 7,8 Prozent. Die Videosharing-Plattform YouTube, erst im Dezember gestartet, liegt in Deutschland abgeschlagen auf Rang 70. Die nächste Communityseite folgt an Position 92: die Teenie-Kontaktbörse Knuddels.de, eine Art deutsches MySpace.

Das amerikanische Original hatte im Juni laut Nielsen Netratings gerade mal 609.000 deutsche Besucher. Macht 1,7 Prozent Reichweite und Rang 283. Open BC, die Business-Kontaktbörse, steuerten 630.000 Surfer an (Rang 272).

Basis der Nielsen-Statistik Netview ist ein Panel mit 6000 deutschen Surfern, deren Aktivitäten am Rechner von einer Software vollständig überwacht werden. Nielsen erfasst sowohl privates Surfen als auch das im Büro - Internetzugänge von Universitäten, Bibliotheken und Webcafés fehlen allerdings.

Die Nielsen-Statistik fußt nicht - wie sonst üblich - auf den Visits auf Webseiten, sondern erfasst, ob eine Person in einem Monat eine bestimmte Seite besucht hat. Wie oft spielt dabei keine Rolle.

Expertenportal hat die Nase vorn

Für Stefan Raum, Manager bei Nielsen NetRatings, sind unterschiedliche Mentalitäten Ursache der großen Differenzen zwischen den USA und Deutschland. "Bei Websites wie YouTube und MySpace liegt der Fokus stark auf der Persönlichkeit der Mitglieder", sagte er SPIEGEL ONLINE. Deutsche seien "weniger extrovertiert als die mitteilungsfreudigen Amerikaner".

Doch auch wenn die Deutschen in Sachen Community-Seiten und nutzergenerierter Content den Amerikanern hinterherhinken - der Siegeszug von Myspace & Co. deutet sich auch hierzulande an. Dazu genügt ein Blick auf die Zuwachsraten der vergangenen zwölf Monate. Wer-weiss-was.de steigerte seine Nutzerzahlen um 197 Prozent, YouTube in fünf Monaten gar um 202 Prozent. "Vor allem YouTube hatte in Deutschland einen außergewöhnlich guten Start", sagte Nielsen-Manager Raum. Bei Blogger.com beträgt die Zuwachsrate 108 Prozent - das entspricht mehr als einer Verdopplung. MSN Spaces erreicht 93 Prozent, Knuddels.de 42 Prozent.

ich-habe-myspace-kopiert.de

Wenn das so weitergeht, dann sind Verhältnisse wie bereits heute in den USA nicht mehr fern. Die Frage ist, ob sich deutsche Eigengewächse wie Knuddels.de gegen etablierte Anbieter wie Myspace oder MSN Spaces halten können oder wollen. Wie man es auch anstellen kann, haben die Macher von Stayfriends.de bewiesen, die das Wiederfinden von Mitschülern auch Jahrzehnte nach dem Schulabschluss ermöglichen. Die Seite ließ sich im Jahr 2004 vom US-Anbieter Classmates.com übernehmen. Damals hatte Stayfriends bereits über 400.000 Einträge eingesammelt - und war somit ein interessantes Übernahmeobjekt.

So herrscht kein Mangel an deutschen Myspace-Klonen, die alle auf den großen Durchbruch oder vielleicht auch eine Übernahme hoffen. So wenig originell wie das abgekupferte Konzept sind allerdings auch die Domainnamen: Du-gehoerst-zu-meinen-freunden.de, Magstdumich.de oder Sei-Mein-Freund.de.

Die typischen Besucher der deutschen Communityseiten sind - und das ist keine Überraschung - jung. Das beweist die Altersstruktur, die Nielsen Netratings ebenfalls erfasst. Bei Knuddels.de beispielsweise kommen 35,3 Prozent aller Besucher aus der Altersgruppe 12 bis 17 Jahre. Ganz anders die Situation bei Wikipedia und Wer-weiß-was.de. Hier hat die Generation 50+ wesentlich mehr zu sagen - auch das kaum überraschend.

Besonders viele Zuschauer der Altersgruppe 18 bis 34 hat übrigens YouTube. Ihr Anteil liegt bei 45,6 Prozent. Kein Wunder, dass alle Welt, angefangen bei AOL und Yahoo bis hin zu MTV und ProSieben das Konzept schamlos kopiert. Jeder will ein Stückchen abhaben von dem Kuchen, von dem aber nicht alle wissen, wer ihn eigentlich bezahlen soll. Die YouTube-Macher jedenfalls haben noch kein Wirtschaftskonzept für ihre Seite vorgestellt - mancher Beobachter sieht sie schon wie Napster enden: Erst extrem populär - und dann nur noch ein Schatten ihrer selbst.



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