www.heftiger.streit Bei diesen neuen Domain-Endungen gibt es Ärger

Wer soll bestimmen dürfen, was sich hinter ".kinder" oder ".gay" verbirgt? Im Internet werden gerade Hunderte neuer Top-Level-Domains vergeben - und manche der Endungen sorgen für Streit.

Von Stefan Mey


Im Internet läuft gerade ein organisatorisches Mammutprojekt: Hunderte neue Internetendungen werden seit Frühjahr 2014 freigeschaltet. Die neuen Endungen bestehen nicht mehr aus technisch anmutenden Kürzeln wie .de, sondern sie "sprechen": Sie heißen .gmbh, .islam oder .vin. Andere wie .bmw oder .edeka sollen das neue Zuhause der jeweiligen Marken werden.

Zuständig dafür ist die globale Adressverwaltung Icann (Internet Corporation for Assigned Names and Numbers). Rund 2000 Anträge sind bei der Icann eingegangen. Man könnte das Projekt als eine umfassende Landreform im Netz bezeichnen. Hunderte digitale Grundstücke werden vergeben, auf denen dann neue Webseiten einziehen sollen. Die Betreiber der neuen Top Level Domains (TLD) bekommen von jedem neuen Pächter einen jährlichen Obolus.

Die Vergabe dieses digitalen Landes hat zu Konflikten geführt. Zum Beispiel will der Süßigkeitenhersteller Ferrero aus .kinder eine Markenendung machen, was dem Deutschen Kinderschutzbund nicht behagt. Die französische Regierung forderte Zugangsbeschränkungen für .vin und fürchtet um den Ruf des schönen französischen Weines. Und die saudische Regierung will dem Vatikan nicht ein Monopol über .catholic zugestehen.

Zehn TLDs, um die es Streit gibt:

Der Süßwarenhersteller Ferrero möchte aus .kinder eine Markenendung für seine gleichnamige Produktlinie machen (Kinder-Schokolade, Kinder-Überraschung etc.). Die Bewerbung blieb lange unbemerkt. Die Bundesregierung hatte zwar gegen die Konzepte von .reise und .gmbh protestiert, gegen .kinder aber nicht. Anfang November hat die Icann einen formalen Betreibervertrag mit Ferrero zu .kinder geschlossen. Die Endung ist aber noch nicht endgültig im Netz, zur Zeit laufen technische Tests. Der Deutsche Kinderschutzbund versucht, eine Markenendung .kinder noch politisch abzuwenden und hat sich an die Kinder-Kommission des Bundestags und die Familienministerin gewandt.

In einem gemeinsamen Einspruch haben die Regierungen der deutschsprachigen Länder gegen eine zu laxe Handhabung der Endung .gmbh protestiert. Damit der Ruf der altehrwürdigen Rechtsform GmbH nicht beschädigt wird, forderten sie, dass Adressen unter der neuen Endung nicht frei an jedermann verkauft werden, sondern tatsächlichen GmbHs vorbehalten sein sollten. Der Einspruch bei der Icann hatte allerdings wenig Erfolg. Die zwei deutschen Bewerber, die Berliner TLDDOT GmbH und die Münchener InterNetWire Web-Development GmbH wollen die Internetendung nur tatsächlichen GmbHs zugänglich machen. Die drei US-Bewerber, darunter auch Google, sehen keine derartigen Einschränkungen vor.

Die Berliner TLDDOT GmbH hatte eine Community-Bewerbung eingereicht und sich dafür unter anderem die Unterstützung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags zugesichert. Solche speziellen Bewerbungen haben normalerweise Vorrang, und die anderen Interessenten gehen leer aus. Der Community-Status muss ihnen aber erst in einem Prüfverfahren zugestanden werden: die Community Priority Evaluation. Die wird im Auftrag der Icann von einer Tochter der britischen Medienholding Economist durchgeführt, dem Beratungs- und Marktforschungs-Unternehmen Economist Intelligence Unit. Dieses Gremium hat sich bisher in den meisten Fällen gegen Communities entschieden, so auch hier. Es gestand den Bewerbern nur 5 von 16 Community-Punkten zu, 14 wären notwendig gewesen. Die Begründung lautete unter anderem, dass die Mitgliedschaft von GmbHs in Handelskammern kaum mit einer Mitgliedschaft in einer Community, einer Gemeinschaft gleichgesetzt werden könne. Die TLDDot GmbH hat bei der Icann gegen die Entscheidung protestiert, mit Verweis auf einen Interessenskonflikt des Community-Panels. Sie führt an, dass der der Google-Mann Eric Schmidt im Aufsichtsrat der Economist Group sitzt. Hat dieser Protest keinen Erfolg, wird .gmbh meistbietend versteigert.

Auch für die Domain  .gay  gab es eine Community-Bewerbung. Die US-amerikanische Firma  dotgay LLC  will Domains nur an Mitglieder queerer Organisationen in der ganzen Welt vergeben und zwei Drittel der Gewinne über eine Stiftung an die Community zurückfließen lassen. Sie hat sich für den Icann-Antrag die Unterstützung verschiedener schwul-lesbischer Organisationen zugesichert. Anfang Oktober fiel die Entscheidung: Auch hier wird der Community-Status nicht erteilt, dotgay erhielt 10 von 16 Punkten. Angekreidet wurde, dass das Wort "gay" die anvisierte Community nicht genügend beschreibe und es zu wenig Unterstützer gegeben habe.   In einer Pressemitteilung antwortete die Initiative, man sei „fassungslos“ angesichts der Entscheidung. Nach den üblichen Icann-Regularien müsste die TLD jetzt versteigert werden. Die drei anderen Bewerber wollen .gay als Standardendung betreiben. Dotgay hat allerdings wie TLDDOT Einspruch gegen die Entscheidung des Community-Gremiums eingelegt und dafür die eigenen Unterstützer zusammengetrommelt. Man rechne damit, dass die Icann noch in diesem Jahr darüber entscheidet, heißt es bei dotgay.

Auch für die Domain .gay gab es eine Community-Bewerbung. Die US-amerikanische Firma dotgay LLC will Domains nur an Mitglieder queerer Organisationen in der ganzen Welt vergeben und zwei Drittel der Gewinne über eine Stiftung an die Community zurückfließen lassen. Sie hat sich für den Icann-Antrag die Unterstützung verschiedener schwul-lesbischer Organisationen zugesichert. Anfang Oktober fiel die Entscheidung: Auch hier wird der Community-Status nicht erteilt, dotgay erhielt 10 von 16 Punkten. Angekreidet wurde, dass das Wort "gay" die anvisierte Community nicht genügend beschreibe und es zu wenig Unterstützer gegeben habe.

In einer Pressemitteilung antwortete die Initiative, man sei „fassungslos“ angesichts der Entscheidung. Nach den üblichen Icann-Regularien müsste die TLD jetzt versteigert werden. Die drei anderen Bewerber wollen .gay als Standardendung betreiben. Dotgay hat allerdings wie TLDDOT Einspruch gegen die Entscheidung des Community-Gremiums eingelegt und dafür die eigenen Unterstützer zusammengetrommelt. Man rechne damit, dass die Icann noch in diesem Jahr darüber entscheidet, heißt es bei dotgay.

Eine türkische Firma managt die Internetendung .islam? Das war der Plan, und niemand anderes hat eine Bewerbung um die religiöse Internetendung eingereicht. Die Regierung von Indien protestierte trotzdem, sie bemängelte, dass die 120 Millionen Muslime des Landes bei der Konzeption von .islam keine Berücksichtigung fänden. Und die Vereinigten Arabischen Emirate wollten nicht zulassen, dass ein profitorientiertes türkisches Unternehmen qua Internetendung im Netz für alle Muslime sprechen darf. Die Icann verfügte daraufhin, dass sich der Betreiber in spe zuerst mit der transnationalen Organisation für islamische Zusammenarbeit zusammensetzen und auf ein Konzept einigen muss. Erst dann wird die Bewerbung weiter bearbeitet.

Um das Wort katholisch in gleich vier Sprachen bewirbt sich der Vatikan: auf Englisch, Chinesisch, Russisch und Arabisch. Nur der Vatikan selbst soll auf den Adressräumen bestimmen dürfen, wer eine Webadresse bekommt. Die saudische Regierung legte auch dagegen Widerspruch ein: Der Vatikan könne nicht einfach für alle Katholiken auf der Welt sprechen, hieß es, und das Label katholisch werde auch von einigen Christen verwendet, die sich nicht dem Vatikan als oberster Instanz zugehörig fühlen. Ein von der Icann beauftragter Gutachter lehnte den Einspruch aber ab. Die TLDs können wie geplant betrieben werden. Zur Zeit befindet sich der Vatikan noch in Vertragsverhandlungen mit der Icann.

Mon dieu! Sonderlich konfliktträchtig erscheinen die zwei Sprachvarianten von Wein auf den ersten Blick nicht. Trotzdem bewegten die beiden Endungen die diplomatische Welt. Wenn .wine und vor allem das französischsprachige .vin unreguliert sind, wird der Ruf der Kultur- und Wirtschaftsgutes Wein ruiniert, befürchtete die französische Regierung. Im Zuge des Konflikts forderte der Elysée-Palast gleich eine komplette Reform der Icann, denn der Umgang mit dem "extrem sensiblen politischen Thema" hätte das Vertrauen in die Icann unterminiert.

Viel gebracht haben die Einsprüche nicht. Allerdings ist als TLD-Status von der Icann noch "On-hold" vermerkt. Es sind also noch Fragen offen, die geklärt werden müssen. Bei .vin gibt es nur einen Interessenten: der US-Portfoliobewerber Donuts, der Anträge für insgesamt 300 TLDs eingereicht hat und die Endung als Massengeschäft betreiben wird. Für .wine gab es anfangs drei Bewerber. In einer Privatauktion im November schieden aber zwei der Bewerber aus, so dass auch diese TLD von Donuts betrieben wird.

Einen Kulturkampf gab es auch um die Endung .med. Die Frage lautet: ist es vertretbar, einen medizinischen Begriff als Handelsgut zu sehen und die entsprechenden Webadressen an jedermann ungeprüft zu vergeben? Die Endung tauchte in einer Liste besonders sensibler Endungen auf, die das Regierungsgremium GAC (Government Advisory Committee) der Icann vorlegte. Die Forderung: bei diesen Endungen sollen doch bitteschön sehr harte inhaltliche Kriterien gelten. Ursprünglich gab es vier Bewerber: Google und eine kleinere Firma hatten Standardbewerbungen eingereicht. Zudem gab es zwei Community-Bewerbungen. Eine stammte von der deutschen Gesundheits-Holding DocCheck AG, die sie aber zurückzog. Noch offen ist eine französische Community-Bewerbung, die die medizinische Endung nur Angehörigen der Gesundheitsbranche zugänglich machen will.

Als die Bewerbungen um .music bekannt wurden, gab es schnell einen Aufschrei. Die beiden Netzgiganten Google und Amazon wollten die Endung als ihr Hoheitsgebiet betreiben, bei dem sie selbst bestimmen, wer registrieren darf. Solche exklusiven Konzepte, die unter dem Begriff "Closed Generics" bekannt wurden, waren ursprünglich eigentlich zulässig. Aufgrund eines geschlossenen Einspruchs aller Regierungen über das Regierungs-Gremiums GAC änderte die globale Internetverwaltung aber im Nachhinein ihre Regeln und verfügte: Endungen mit allgemeinen Begriffen müssen tendenziell jedem offen stehen. Konflikte gibt es nur dort, wo solche Wörter des allgemeinen Sprachschatzes auch eine Marke sind, wie es bei .kinder der Fall ist.

Amazon und Google zählen weiterhin zum Bewerberkreis, müssen aber von ihrem ursprünglichen Nutzungskonzept absehen. Zur Zeit gibt es acht Interessenten, darunter zwei Community-Bewerber. Einem wurde der Community-Status schon abgesprochen, bei der anderen steht die Entscheidung noch aus. Ist auch im zweiten Fall die Entscheidung negativ, wird die Endung meistbietend versteigert.

Eine Niederlage musste Amazon auch bei der Bewerbung um die nahe ureigenste Markenendung einstecken. Gegen .amazon protestierten die Länder Peru und Brasilien, aufgrund der sprachlichen Ähnlichkeit mit dem südamerikanischen Amazonas-Fluss. Der Name habe eine so große kulturelle Bedeutung, dass er nicht von der großen US-Handelsplattform als Markenendung monopolisiert werden solle. Zudem gilt bei der Icann die Maxime, dass geographische Kategorien prinzipiell besonderen Schutz genießen.

Amazon verwies auf das globale Recht an der Marke, das nicht durch irgendwelche Regierungseinsprüche beeinträchtigt werden dürfte. Im Sommer 2013 konnten die beiden Länder noch andere Staaten für ihren Einspruch gewinnen, so dass das GAC geschlossen Einspruch einlegte. Die Icann reagierte auf einer Sitzung im Mai 2014 und teilte nur knapp und ohne weitere Begründung mit, dass die Bewerbung nicht weiter bearbeitet wird. Und das gilt auch für die chinesische und japanische Sprachversion von .amazon.

Die Endung .app ist der Darling unter den TLD-Bewerbungen. Ganze zwölf Firmen interessieren sich dafür. Alle großen Player sind vertreten: Google, Amazon und Donuts. Ähnlich wie .music sollte auch .app nach den Plänen von Google und Amazon ursprünglich ein exklusives Hoheitsgebiet der beiden Firmen werden. Das wurde aber durch einen Regierungseinspruch gegen solche Geschäftsmodelle vereitelt. Wer bei .app das Rennen macht, ist noch offen. Ein Termin für die offizielle Icann-Auktion steht noch nicht fest. Das bisher höchste in solchen Auktionen erzielte Gebot lag bei knapp 7 Millionen Dollar für die Endung .tech. Da gab es sechs Bewerber. Bei .shop dürfte sich die Auktion auf viel höhere Beträge hochschaukeln. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass sich alle Bewerber auf eine Privatauktion einigen, bei der die Parteien Stillschweigen vereinbaren. Bei solchen privaten Auktionen ziehen die unterlegenen Parteien ihre Bewerbung zurück und teilen das Gebot des Gewinners untereinander auf.



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Seite 1
eldoloroso 16.12.2014
1. Völlig überflüssiges Gehype
Tach, Natürlich, jeder geht auf lufthansa.aero oder smb.museum. TLDs jenseits von .com, .org, .net, den wichtigeren Länderdomains (.de & Co) und in Zukunft .sex kennt vielleicht grad noch der ICANN-Verwalter. Daher ist es sowas von egal, wem die TLDs zugesprochen werden. Es gibt daraus schlicht keinen Vorteil zumal ich nur schon aus Bequemlichkeitsgründen nur drei statt sechs Tasten drücken will um auf kinder.com zu kommen.
thomas.b 16.12.2014
2.
Gibt es denn einen objektiv notwendigen Ansatz für diese neuen TLD's? Für mich stellt es sich eher als Modeerscheinung ohne Nutzen dar, bei der große Player irgendwie ihr Ego testen wollen. www.Kinder.garten
! @SeX 16.12.2014
3.
teilweise machen die nTLDs schon Sinn, falls kurz und beschreibend. es gäbe auch schöne nTLDs z.b. .﴾͡๏̯͡๏﴿ .ƸӁƷ leider fehlt mir das 6eld ....
Fackus 16.12.2014
4. merkwürdig
guckt wer auf diese Endungen? und wenn, dann weiss man: .ORG ist in der Regel gut, .COM eher böse, da Commerziell. Der Rest halt irgendwas. Also was soll die Streiterei?
Emmi 16.12.2014
5. Dient nur zur Geldbeschaffung...
Diese neuen TLDs dienen nur zur Geldbeschaffung für ihre Inhaber. Es ist ja nicht so, dass es jetzt massenweise Unternehmen/Organisationen/Personen gäbe, die keine "Internetaddresse" abbekommen haben, weil die "alle" waren und neue Domains enigerichtet werden müssen. Auch unter den schon vorhandenen TLDs kann man bereits unendlich viele Adressen registrieren. Einen sachlichen Grund gibt es also nicht, aber ein ökonomisches Interesse...
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