Iranische Internet-Polizei: Überwachen, zensieren, totschlagen

Von Mohammad Reza Kazemi

Irans Machthaber perfektionieren ihre Kontrolle über das Internet: Die Cyber-Polizei Fatta überwacht Web-Nutzer inzwischen quasi lückenlos, verhaftet Regimekritiker und schreckt auch nicht vor tödlicher Folter zurück.

Internetcafé in Teheran (Archivbild): Gezielte ÜberwachungZur Großansicht
REUTERS

Internetcafé in Teheran (Archivbild): Gezielte Überwachung

Das Anliegen klingt ehrenwert: Ihr Ziel sei es, für "Sicherheit" im Internet zu sorgen und die "menschlichen Werte der Gesellschaft" zu schützen, verkündet die iranische Cyber-Polizei Fatta auf ihrer Webseite. Für Blogger und Online-Aktivisten ist sie allerdings alles andere als ein Beschützer.

Lange Zeit galt das Internet in Iran als ein relativ sicheres Kommunikationsinstrument für Regimekritiker. Unbeobachtet von den Regimewächtern konnten sie in Weblogs oder Internetforen das politische System kritisieren. So spielten soziale Netzwerke bei den Protesten gegen die offenkundig manipulierten Präsidentschaftswahlen 2009 eine Schlüsselrolle. Die Opposition nutzte das Web, um Demonstrationen und Versammlungen zu organisieren. Da ausländische Journalisten keine Einreisevisa für Iran bekamen, filmten Bürger die Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften kurzerhand selbst und veröffentlichten sie im Internet. Spätestens in diesem Moment begriffen die Ajatollahs: Wenn sie ihre Macht nicht noch stärker gefährdet sehen wollen, müssen sie das Internet so schnell wie möglich unter Kontrolle bringen - so wie sie es auch in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens getan haben.

Und genau das geschah. Um die Internet-Zensur zu perfektionieren und kritische Netzaktivisten effektiver verfolgen zu können, gründeten die Machthaber im Januar 2011 die Cyber-Polizei Fatta (auf Persisch steht das Akronym für "Informationsproduktion und Austausch-Raum"). Diese Behörde hat seither weitgreifende Maßnahmen ergriffen, um jegliche Freiheit im iranischen Internet zu unterdrücken. Das betrifft vor allem die stark frequentierten Internetcafés:

  • Die Inhaber der Cafés wurden gezwungen, Überwachungskameras zu installieren, damit die Nutzer identifiziert werden können.
  • Die Nutzer müssen sich ausweisen, bevor sie online gehen, ihre persönlichen Daten werden notiert.
  • Diese Ausweisdaten sowie die Logdateien, die alle Aktionen der Web-Nutzer protokollieren, werden sechs Monate lang aufbewahrt und auf Anfrage der Polizei zur Verfügung gestellt.

Ohnehin können Iraner das Netz kaum noch ungehindert nutzen, wenn sie keine Anti-Filtering-Programme einsetzen. Denn Tausende Webseiten - einschließlich YouTube, Facebook und die meisten westlichen Nachrichten-Sites - werden vom Regime blockiert. Nach den Fatta-Regelungen macht sich jeder, der Anti-Filtering-Programme verwendet oder anderen zur Verfügung stellt, strafbar.

Interessant ist vor diesem Hintergrund die Tatsache, dass der iranische Revolutionsführer Ajatollah Ali Chamenei (oder zumindest dessen Büro) mittlerweile selbst eine Facebook-Seite hat - allerdings haben Iraner darauf offiziell keinen Zugriff, zumindest nicht im Landesinneren. Auf Chameneis Pinnwand fragen nun Dutzende Nutzer sarkastisch, welche Anti-Filtering-Software er verwendet, um seine eigene Seite öffnen zu können.

"Verletzungen an Kopf, Gesicht und Bauch"

Der iranische Polizeistaat wirft seinen Schatten auf das Netz, das doch eigentlich mehr Meinungsfreiheit versprach. Hunderte Weblogger sind in den vergangenen zwei Jahren von der Fatta verhaftet worden. Ein besonders krasser Fall treibt viele Menschen in Iran bis heute um: Der 35-jährige Sattar Beheshti wurde wegen seines regimekritischen Weblogs am 30. Oktober 2012 in seiner Heimatstadt Robat Karim, südwestlich von Teheran, verhaftet. Vier Tage später starb er im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis - offenkundig aufgrund von Folter.

In ähnlichen Fällen ziehen es die Mullahs meist vor, die Sache unter den Teppich zu kehren und nicht öffentlich Stellung zu nehmen. Die Familien der Opfer werden unter Druck gesetzt, nicht an die Öffentlichkeit zu gehen und sogar auf Trauerzeremonien zu verzichten.

Der Fall Sattar Beheshti jedoch wurde schnell im ganzen Land bekannt - dank der Berichterstattung anderer Blogger, aber auch dank Beheshtis mutiger Schwester, die mit ausländischen persisch-sprachigen TV-Sendern sprach. Irans Justiz sah sich daraufhin gezwungen, ihr Schweigen zu brechen. Der Teheraner Staatsanwalt Gholamhossein Mohseni-Edschei gab zu, dass die Gerichtsmedizin am Körper des Opfers Schlagspuren festgestellt habe. Die Schläge hätten sich allerdings an "Beinen, Händen, Schultern und einem Schenkel" befunden und seien nicht die Todesursache gewesen. In einem Brief, den Sattar unmittelbar vor seinem Tod geschrieben hatte, berichtete er jedoch, dass seine Peiniger ihn gegen den Kopf getreten hätten. 41 politische Gefangene, die Beheshti im Gefängnis gesehen hatten, bestätigten zudem in einem offenen Brief: Beheshti habe an "Kopf, Gesicht und Bauch" Verletzungen erlitten.

Infolgedessen wurde Fatta-Chef Mohammad Hasan Schokrian gefeuert. Das war es aber auch schon, weitere Konsequenzen wird es wohl nicht geben - wie üblich. In den vergangenen Jahren starben mehrere Regimekritiker in iranischen Gefängnissen. Die Täter wurden nie bestraft. Das Regime betrachtet Sattar Beheshti nicht als Opfer, sondern als Täter - mit brutalen Folgen: Vergangene Woche haben Sicherheitskräfte Beheshtis Mutter und seine Schwester verprügelt, als sie zum Trauern an sein Grab kamen.

Wer sich in Iran für Meinungsfreiheit einsetzt, lebt gefährlich.

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insgesamt 36 Beiträge
dilinger 21.12.2012
Dass Chamenei eine Facebook-Account hat, auf das normale Iraner nicht zugreifen können, zeigt wohl am besten, wie verlogen dieses Regime ist, neben seiner Brutalität.
Zitat von sysopIrans Machthaber perfektionieren ihre Kontrolle über das Internet: Die Cyber-Polizei Fatta überwacht Web-Nutzer inzwischen quasi lückenlos, verhaftet Regimekritiker und schreckt auch nicht vor tödlicher Folter zurück. Internet-Überwachung in Iran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/internet-ueberwachung-in-iran-a-874161.html)
Dass Chamenei eine Facebook-Account hat, auf das normale Iraner nicht zugreifen können, zeigt wohl am besten, wie verlogen dieses Regime ist, neben seiner Brutalität.
zompel 21.12.2012
Software verkauft? Heist das bei denen auch Bundestrojaner? Interressant die Beschreibung des Schahs, der wird PC verschrödert. Kein Wort über die SAVAK SAVAK (http://de.wikipedia.org/wiki/SAVAK)
Zitat von sysopIrans Machthaber perfektionieren ihre Kontrolle über das Internet: Die Cyber-Polizei Fatta überwacht Web-Nutzer inzwischen quasi lückenlos, verhaftet Regimekritiker und schreckt auch nicht vor tödlicher Folter zurück. Internet-Überwachung in Iran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/internet-ueberwachung-in-iran-a-874161.html)
Software verkauft? Heist das bei denen auch Bundestrojaner? Interressant die Beschreibung des Schahs, der wird PC verschrödert. Kein Wort über die SAVAK SAVAK (http://de.wikipedia.org/wiki/SAVAK)
gegenrede 21.12.2012
Der größte deutsche Elektrotechnikkonzern trägt hier eine Mitverantwortung, schließlich hat er dem Mullah-Regime die Überwachungstechnologie für die Telekommunikation verkauft, die Aktionäre haben sich indessen an der Dividende [...]
Zitat von sysopIrans Machthaber perfektionieren ihre Kontrolle über das Internet: Die Cyber-Polizei Fatta überwacht Web-Nutzer inzwischen quasi lückenlos, verhaftet Regimekritiker und schreckt auch nicht vor tödlicher Folter zurück. Internet-Überwachung in Iran - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/internet-ueberwachung-in-iran-a-874161.html)
Der größte deutsche Elektrotechnikkonzern trägt hier eine Mitverantwortung, schließlich hat er dem Mullah-Regime die Überwachungstechnologie für die Telekommunikation verkauft, die Aktionäre haben sich indessen an der Dividende erfreut.... Mobilfunk-Lieferung : Nokia Siemens soll Iran bei Zensur geholfen haben - Nachrichten Wirtschaft - Webwelt & Technik - DIE WELT (http://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article3975137/Nokia-Siemens-soll-Iran-bei-Zensur-geholfen-haben.html)
sunsan 21.12.2012
Respekt, dass auch solche Meldungen auf den oberen Seiten von SpiegelOnline platziert werden. Dass in dem meisten der Ländern der Erde die Gedanken und Meinungen offen darleget werden können und bei Meinungsverschiedenheiten die [...]
Respekt, dass auch solche Meldungen auf den oberen Seiten von SpiegelOnline platziert werden. Dass in dem meisten der Ländern der Erde die Gedanken und Meinungen offen darleget werden können und bei Meinungsverschiedenheiten die Diskussion gesucht wird ist das Ergebnis eines schmerzhaften Lernprozesses aus totalitären Herrschaften in der Vergangenheit Im Internet und im normalen leben streitbar zu sein, bleibt die Grundlage für Weiterentwicklung -für sich selbst und die Politik.
der_nachdenkende 21.12.2012
"...die Logdateien, die alle Aktionen der Web-Nutzer protokollieren, werden sechs Monate lang aufbewahrt und auf Anfrage der Polizei zur Verfügung gestellt." ...erinnert mich das nur?
"...die Logdateien, die alle Aktionen der Web-Nutzer protokollieren, werden sechs Monate lang aufbewahrt und auf Anfrage der Polizei zur Verfügung gestellt." ...erinnert mich das nur?
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  • Freitag, 21.12.2012 – 13:32 Uhr
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Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Mahmud Ahmadinedschad

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Chronik
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.





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