Internet-Verwaltung: Das Ende von Icann als "Netzverwaltung"?

Etwas vereinfacht lautet die Gleichung zur Beschreibung der Internet-Verwaltung momentan wie folgt: "Netzverwaltung = Icann". Doch das könnte sich ändern. SPIEGEL ONLINE liegen Informationen vor, wonach die USA wichtige Verwaltungsfunktionen in Zukunft auf dem Wege einer öffentlichen Ausschreibung vergeben wollen.

Hamburg - Am Anfang stand der Mann mit dem Rauschebart: Jon Postel von der "University of Southern California" (USC) in Marina del Rey. In den frühen Jahren des Internet war es nämlich allein Postel, der sich um die Vergabe von Adressbereichen und die Verwaltung der so genannten Top-Level-Domains kümmerte. Ende der Achtziger Jahre gründete er dafür die Internet Assigned Numbers Authority (IANA), die er aber zunächst weiterhin als Ein-Mann-Unternehmen betrieb. Diese Zeiten sind längst vorbei: Mittlerweile ist die Adressverwaltung im Internet eine Mammutaufgabe - und die IANA eine Unterabteilung der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (Icann).

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Der Umstand, dass Icann wiederum unter der Kontrolle des US-Handelsministeriums steht, sorgt international schon längere Zeit für hitzige Diskussionen. Kurz vor der zweiten Runde des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS), der in wenigen Tagen in Tunis beginnt, hatten sich zuletzt die Europäische Union und die USA darüber in die Haare bekommen. Präsident George W. Bush höchstpersönlich hatte EU-Kommissionspräsident Jose Barroso dafür gerüffelt, dass die EU die Position von Staaten wie China oder Brasilien gestützt habe.

Diese Länder drängen - mit welchen Motiven auch immer- vehement auf eine Internationalisierung der Internet-Aufsicht. UN-Generalsekretär Kofi Annan wiederum sah sich am vergangenen Wochenende genötigt, in einem Gastbeitrag in der "Washington-Post" klarzustellen, dass das keinesfalls heiße, dass die Uno das Internet "übernehmen wolle".

Doch das steht - realistisch gesehen - momentan auch gar nicht zur Debatte. Einstweilen kümmert sich die Icann um die Verwaltungsaufgaben der IANA. Dabei geht es vor allem ums Prestige. Geld ist damit nämlich nicht zu verdienen, da keine Gebühren oder andere Umsätze anfallen.

Rechtsgrundlage für Icanns Handeln ist ein Vertrag mit der US-Regierung. Ein Vertrag, der quasi per Handschlag besiegelt wurde, da es keine öffentliche Ausschreibung gab.

Wenn der jetzige Vertrag im März 2006 ausläuft, dürfte sich das aber ändern. Das US-Magazin "Computer Business Review" will erfahren haben, dass die US-Regierung zum ersten Mal eine Ausschreibung für die wichtigsten Funktionen der Netzverwaltung starten will. SPIEGEL ONLINE liegen gleichlautende Informationen vor.

Danach hat der geplante Schritt der US-Regierung weniger mit Verständnis für die Kritiker der bisherigen Lösung zu tun, als mit einer schieren juristischen Notwendigkeit: Nach geltendem US-Recht darf der Vertrag mit Icann offenbar nur einmal ohne Ausschreibung verlängert werden.

Eine offizielle Bestätigung für die Informationen steht noch aus.

Das US-Handelsministerium reagierte auf den Bericht von "Computer Business Review" lediglich mit der Information, dass es keine öffentliche Äußerung zur Zukunft des Icann-Vertrages gegeben habe. Doch eines scheint klar: Sollten die Berichte zutreffen, so käme das einer Revolution gleich. Immerhin würde mit einer Ausschreibung der viel kritisierte Automatismus "Icann = Netzverwaltung" enden.

Das Ende von Icann als ganzes wäre damit aber keinesfalls eingeläutet. IANA kann als eine Art ausführender Arm der Icann angesehen werden. Selbst wenn dieser Arm möglicherweise in andere Verantwortung überwechseln würde, wäre die Rolle der Rest-Icann - also etwa bei der Frage der Schaffung neuer Top-Level-Domains - weiterhin ungefährdet.

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