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Internet-Vordenker O'Reilly: 3D-Drucker werden unser Leben verändern

Internet-Gemeinschaften wie Wikipedia brauchen dringend Qualitätskontrollen, sonst ist ihr Erfolg gefährdet. Das sagt Web-2.0-Guru Tim O'Reilly im Interview mit SPIEGEL ONLINE. Der neue große Trend: Die digitale Welt wird Wirklichkeit - zum Beispiel durch 3D-Drucker.

Dies ist Teil zwei eines SPIEGEL-ONLINE-Interviews mit Tim O'Reilly, dem Guru des "Web 2.0". Im ersten Teil erklärte er, warum er einem Außerirdischen eher Google als YouTube zeigen würde - und warum ihm "Web 2.0" langsam auf die Nerven geht.

SPIEGEL ONLINE: Herr O'Reilly, in jüngster Zeit wird immer wieder die Qualität von Online-Communitys wie Wikipedia oder der Nachrichtenseite digg diskutiert. Letztere hat zum Beispiel sehr gut informierte, technikaffine Nutzer, die oft wirklich Interessantes und Neues ausgraben. Doch wenn die Seite vom Mainstream überrannt würde, wäre es damit schnell vorbei. Kann man solche Entwicklungen kontrollieren?

Tim O'Reilly: Sehen Sie sich die Entwicklung der Communitys zu Open-Source-Software an. Die haben in diesem Bereich eine lange Tradition und sind deshalb ein gutes Beispiel. Dort gibt es ein abgestuftes System - und Wikipedia hat davon einiges übernommen, was eine kluge Entscheidung war. Jeder kann einen Vorschlag machen, zum Beispiel einen Bericht über einen Programmierfehler oder einen Patch einreichen. Aber der wird dann erst genutzt, wenn jemand im inneren Kreis sagt: "Oh, der ist gut, den wende ich jetzt an." Man wird in diesen inneren Kreis nur eingeladen, wenn man genügend Nützliches beigesteuert hat.

SPIEGEL ONLINE: Man braucht also einen Ausschluss-Mechanismus und eine hierarchische Struktur.

O'Reilly: Ja. Sie bekommen so zunehmend kleinere Kreise. Irgendwann kommen sie an den Punkt, an dem Linux-Gründervater Linus Torvalds nicht mal mit Ihnen redet, wenn Sie ihm nicht von jemandem empfohlen werden, dem er vertraut. So baut man Vertrauens-Netzwerke in Open-Source-Projekten. Sie ermöglichen es, mit dem umzugehen, was von draußen eingereicht wird. Angebote wie digg werden sich mit diesem Problem auseinandersetzen müssen.

SPIEGEL ONLINE: Der Internet-Unternehmer Jason Calacanis hat digg für das AOL-Angebot Netscape kopiert. Aber er bezahlt Leute für das, was sie zum Beispiel bei der Nachrichten-Seite digg umsonst tun: Geschichten ausgraben und Links einstellen. Ist das eine gute Methode, um die Qualität einer Community hoch zu halten?

O'Reilly: Meiner Meinung nach ist ein leidenschaftlicher Freiwilliger besser als eine bezahlte Person. Wenn man ihn bekommen kann - wenn nicht, ist es eine gute zweite Möglichkeit, Leute zu bezahlen. Aber die Ergebnisse besagen eher: Es funktioniert nicht ganz so gut.

SPIEGEL ONLINE: Jaron Larnier hat im SPIEGEL-Interview Wikipedia als gefährlich bezeichnet. Er sagt, das Lexikon erzeuge eine Wissens-Monokultur und könne zum Beispiel für Rufmord missbraucht werden. Hat er Recht?

O'Reilly: Alles kann missbraucht werden. Wikipedia ist im Allgemeinen eine nützliche Quelle. Sind schon Einträge absichtlich verfälscht worden? Auf jeden Fall. Sind Leute darin schlecht behandelt worden? Auf jeden Fall. Aber Wikipedia hat interne Mechanismen dafür entwickelt, damit umzugehen. Sie sind nicht perfekt - aber verdammt viel besser darin, Sachen in Ordnung zu bringen, als zum Beispiel im Moment unser politisches System! Man legt an das Internet sehr hohe Qualitätsstandards an, wenn man solche Fragen stellt. Ich zitiere da immer gern "Sturgeon's Gesetz". Theodore Sturgeon war ein Science-Fiction-Autor. Jemand sagte ihm einmal, 95 Prozent aller Science Fiction sei Mist. Er antwortete: "95 Prozent von allem ist Mist!" Und Wikipedia ist verdammt gut! Man bekommt dort eine ziemlich gute, knappe Erklärung zu beinahe allem.

SPIEGEL ONLINE: Steckt nicht ein Körnchen Wahrheit in dem Konzept der "Wikialität", die sich der Komiker Stephen Colbert ausgedacht hat? Dass ein Angebot von solcher Qualität wie Wikipedia irgendwann ein universeller Standard wird, den niemand mehr in Frage stellt - obwohl immer noch Fehler darin stecken?

O'Reilly: In der Geschichte gibt es eine offizielle Version von praktisch allem - und die lässt eine Menge weg, die stimmt oft nicht! Das gilt für Wikipedia nicht stärker als für ein Lehrbuch. Alles was wir tun, stellt einen selektiven Auszug aus der Realität dar. Vergessen die Menschen das? Auf jeden Fall. Das ist eine große Quelle des Durcheinanders in unseren Gesellschaften.

SPIEGEL ONLINE: Jason Calacanis bezahlt Blogger und "Digger", MySpace und YouTube werden von PR und Werbung infiltriert - besteht die Gefahr, dass die Profis mit ihrer eigenen Version der Realität das ganze Web 2.0 übernehmen?

O'Reilly: Ja und nein. Web 2.0 ist ein Name, den wir einem tiefsitzenden, langfristigen Trend anhängen: Alles wird miteinander verknüpft. Das Internet wird zu einem Kleber, der alles verbindet, was wir anfassen. Ja, man wird versuchen, diesen Raum zu infiltrieren und ihn zu benutzen. Es gibt Leute, die gerade lernen, wie man solche Netzwerkeffekte vorantreibt und kontrolliert. Aber am Ende ist die Frage: Könnte jemand zum Beispiel eine bessere Fluglinie aufbauen - nur mit Hilfe besserer PR? Richard Branson kann eine Fluglinie aufbauen, deren Wettbewerbsvorteil in ihrer PR liegt, aber er muss immer noch das eigentliche Produkt liefern! Nur PR reicht nicht. Im Internet muss ein Dienst immer noch funktionieren. Man kann vielleicht einen Vorteil gewinnen, wenn man Marketing beherrscht - aber das kann nicht das Zentrale sein.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man es bis zu dem Punkt treibt, an dem es nicht mehr funktioniert...

O'Reilly: ...bleiben die Nutzer einfach weg. Googles Chef Eric Schmidt hat diesen tollen Satz, den er intern benutzt: "Kämpft nicht gegen das Internet!" Wenn man einen neuen Dienst aufbaut, muss man überlegen: Wohin wollen wir wirklich? Das Internet ist ein bisschen wie die Schwerkraft. Es gibt Tricks, mit denen man die Schwerkraft überlisten kann, um zu fliegen - aber man muss wirklich alles richtig machen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Name ist mit zwei Trendbegriffen unserer Zeit aufs Engste verknüpft: Open Source und Web 2.0. Welches Buzzword denken Sie sich als nächstes aus?

O'Reilly: Unser nächstes großes Projekt steckt in einem neuen Magazin, das wir herausbringen. Es heißt "Make". Wir konzentrieren uns darauf, wie Computer beginnen, mit der physikalischen Welt zu interagieren - wie beim Custom Manufacturing, der Maßanfertigung von Produkten. Gerade ist zu beobachten, dass viele Hacker Dinge herstellen: Die Leute haben ihre dritte oder vierte Digitalkamera, und was machen sie mit der alten? Sie können sie für Basteleien wiederverwenden. Inzwischen gibt es alle möglichen Geräte für derlei Maßproduktion, Laser-Schneidegeräte und 3D-Drucker, und sie kosten heute etwa so viel wie eine Schriftsatz-Maschine zur Zeit der Desktop-Publishing-Revolution.

SPIEGEL ONLINE: Der Fokus verschiebt sich also von der Software zurück in die wirkliche Welt?

O'Reilly: Ja. Wir treten ein in das Zeitalter der Maßfertigung. Nehmen Sie den Bereich der synthetischen Biologie, wo sich diese Maßfertigung bis hinunter auf die Ebene der chemischen Prozesse und Stoffe erstrecken wird. Ganz zu schweigen davon, dass wir heute Dinge in relativ kleiner Stückzahl herstellen lassen können, in Ländern mit relativ niedrigen Lohnkosten. Es gibt immer ausgefeiltere Simulations- und Entwurfwerkzeuge. Leute konstruieren Dinge in "Second Life" oder mit Sketchup von Google. Solche Werkzeuge zur Gestaltung virtueller Objekte sind heute viel stärker demokratisiert, viel weiter verbreitet als je zuvor. Es gibt zum Beispiel Dienste, über die man sich seinen Avatar aus "Second Life" als 3D-Modell ausdrucken lassen kann. Das ist ein Aufbruch in neue Welten.

Die Fragen stellte Christian Stöcker

Lesen Sie im ersten Teil des Interviews: Der Software-Pionier und Netz-Guru verrät, ob er außerirdischen Besuchern YouTube-Videos zeigen würde, warum es in Ordnung ist, an der Arbeit Anderer zu verdienen - und warum ihm "Web 2.0" langsam auf die Nerven geht.

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