Internet-Zählung Forscher kartieren das Web

Wie groß ist das Internet eigentlich wirklich? Diese Frage beschäftige einige US-Forscher so sehr, dass sie zwei Monate lang Internet-Adressen gezählt haben. Jetzt ist das Resultat raus: Fast drei Milliarden Rechner mussten dazu überprüft werden.


Nach Ansicht von John Heidmann und Yuri Pradkin von der University of Southern California ist es die erste vollständige Zählung des Internets seit mehr als zwei Jahrzehnten. Die letzte sei 1982 durchgeführt worden. Damals hingen gerade mal 315 Computer am noch nicht wirklich weltumspannenden Datennetz. Bis heute sind einige hinzugekommen: Mehr als 2,8 Milliarden sogenannte IP-Adressen, die Hausnummern des Datennetzes, mussten die Wissenschaftler abklopfen.

Dafür brauchten sie nicht weniger als 62 Tage. Rund um die Uhr sendeten drei automatisch arbeitende Rechner Anfragen an jede einzelne dieser Adressen. Mit sogenannten Pings, winzigen Nachrichten, die einfach nur "Hallo, ist da wer?" fragen, durchforsteten sie das Web nach aktiven Computern. Viele dieser Anfragen blieben unbeantwortet. In immerhin 61 Prozent der Fälle blieben die angepingten Rechner stumm. Zudem hätten sie oft Antworten wie "bitte nicht stören" oder "keine Informationen verfügbar" erhalten. Netzwerkadministratoren schützen ihre Router und Firewalls mit solchen Nachrichten vor unnötigem Netzverkehr.

Vorlage war ein Comic

Doch viele Millionen Rechner gaben brave Rückmeldungen ab. Das Ergebnis der Auszählung dieser Meldungen fassten die Forscher in einer Webkarte zusammen. Die enthält freilich keine geografischen Informationen. Stattdessen wurden jeweils zu einem Adressraum gehörende IP-Adressen blockweise zusammengefasst. Auf diese Weise ergibt sich ein Bild, das visualisiert, wie die Adressen weltweit verteilt sind. Vor allem lässt sich ablesen, welche Kontinente besonders große Adressräume beanspruchen. Als Vorlage für diese Art der Darstellung diente den Wissenschaftlern ein xkcd-Webcomic.

Zusätzlich druckten Heidmann und Pradkin eine Version ihrer Karte aus, bei der sie jeder IP-Adresse genau ein Pixel zuwiesen. Das Ergebnis ist ein Ausdruck von rund 7,5 Quadratmetern Grundfläche - zu groß für die Universitätsräume, denn wie auf Fotos zu sehen ist, mussten die Forscher ihre Karte bis unter die Decke verlängern.

Ernsthafter Hintergrund

Dass all die Zählerei kein reiner Selbstzweck ist, sondern ganz praktische Hintergründe hat, erklären die beiden Kalifornier damit, dass ihre Darstellung etwa aufzeigen kann, wie schnell dem bisherigen Adress-System die Adressen ausgehen. Seit langem ist geplant, das bisherige IPv4 durch das neue IPv6 zu ersetzen. Letzteres verfügt über weit mehr mögliche Adressen als das bisherige System und soll das Web fit für die Zukunft machen - was bisher aber nur sehr langsam passiert.

Zudem verspricht sich das amerikanische Heimatschutzministerium aus dem Forschungsprojekt neue Erkenntnisse über Herkunft und Ausbreitungswege von Computerschädlingen. Die noch besser sichtbar zu machen, haben sich die Forscher für die Zukunft vorgenommen. Denn künftig wollen sie das Web kontinuierlich durchzählen und ihre Ergebnisse als Film darstellen. So sollen Trends und Entwicklungen schneller aufgespürt und sichtbar gemacht werden.

mak



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