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Internet-Zensur: Kampf der Technoptimisten

Von Johannes Kuhn

Während die Filter-Methoden immer subtiler werden, rüsten auch die Verfechter des freien Internets auf. Mit Hilfe von Hackern entwickeln sie neue Programme, die helfen sollen, die großen Firewalls zu umgehen.

Wenn es um das Thema Zensur im Internet geht, treffen zwei Gegensätze aufeinander: "1984" und der "Technoptimismus". Während die erste Idee das Zeitalter der totalen Überwachung heraufbeschwört, glauben Verfechter der zweiten, dass es keine Zensur gibt, die nicht durch die entsprechende Technik ausgehebelt werden kann. Das Citizen Lab könnte man die Brutstätte der Technoptimisten nennen.

Hacker am Computer: Aus Hacken und Aktivismus wird "Hacktivism"
DPA

Hacker am Computer: Aus Hacken und Aktivismus wird "Hacktivism"

Seit 2001 entwickelt das Projekt, das ein Teil der "OpenNet Initiative" und an der Universität Toronto beheimatet ist, Technologien für Menschenrechte – sprich, Programme, die gegen die Zensuranstrengungen von Ländern wie China arbeiten.

Neben den acht Vollzeitmitarbeitern und zahlreichen Studenten sind auch Hacker an dem Projekt beteiligt. "Für mich ist 'hacken' in der ursprünglichen Bedeutung ein sehr positiver Begriff", sagt Ronald Deibert, Direktor des Citizen Lab, "es bedeutet, Dinge auseinander zu nehmen". Aus "Hacken" und "Aktivismus" entstand Mitte der Neunziger die Bewegung des "Hacktivism", Hacken für die Meinungsfreiheit im Internet.

Ein Tunnel für Exil-Gemeinschaften

Das Psiphon, das neueste Produkt aus dem Citizen Lab, soll genau diese Meinungsfreiheit ermöglichen. Anders als Vorgänger-Produkte wie "JAP" geht es dabei nicht um das Verwischen von User-Spuren, sondern um einen sicheren P2P-Tunnel. Und das funktioniert so: Freiwillige können sich das Psiphon gratis auf ihrem PC installieren und machen diesen damit zum Server. Anschließend geben sie ihre Zugangskennung an einen Bekannten, der in einem Land sitzt, das Online-Zensur betreibt. Dieser kann sich dann über die passende IP-Adresse auf dem Psiphon-Server-Computer einloggen und von dort aus verschlüsselt jede beliebige Webseite aufrufen.

Das Programm ist vor allem auf Exil-Gemeinschaften zugeschnitten, die ihren Verwandten zuhause den Zugang zum Internet ermöglichen wollen. "Wir setzen beim Psiphon auf persönliche Kontakte und Vertrauen, weil das sicherer ist", sagt Deibert. Dies ist vor allem wichtig, weil das Surfverhalten von Psiphon-Benutzern vom Host-Computer immer überwacht werden kann – denn wer will schon über seine IP- Adresse illegale Aktivitäten erlauben.

Das Telefonbuch von Tor ist leicht zu blocken

Lange Zeit vertrauten User in zensierenden Ländern auf das "Tor". An der Entwicklung der Software waren unter anderem das Free-Haven-Projekt und eine Agentur des US-Verteidigungsministeriums beteiligt. Die sogenannten Onion Router (OR) funktionieren dabei wie eine Zwiebel: Schichtweise verschlüsselt die Software die Datenpakete und schleust sie über eine Vielzahl von Rechnern weiter. Der Internet-Provider erfährt nur die Adresse des Eingangsknotens zum Tor-Netz, kann aber den Weg und das Ziel der Daten nicht mehr nachverfolgen - der Surfer bleibt anonym. Weltweit besteht das Netz momentan aus mehr als 1200 Knoten.

Allerdings leidet das Tor-Systems nicht nur unter einer gewissen Trägheit, die von der indirekten Versendung der Datenpakete herrührt. Benutzer, die das anonymisierte Surfen für ihre Zwecke missbrauchen haben dem Ruf solcher Programme geschadet, so dass aus der Politik bereits erste Forderungen nach einem Verbot der Anonymisierer zu hören waren. Die Web-Sicherheits-Organisation "Packetstorm" stellte bei einer Überprüfung des Systems fest, dass tatsächlich ein Teil der User das Programm für Tauschbörsen oder das Versenden von Kinderpornos nutzt.

Die Tests von Packetstorm brachten allerdings noch bitterere Erkenntnisse: So kann über Scripte wie Java nicht nur die IP-Adresse des Surfers festgestellt werden, Tor ist generell recht leicht auszuhebeln. "Der Eingangsknoten verwaltet alle verwendeten Server, er ist sozusagen das Telefonbuch von Tor", erklärt Andrew Christensen von Packetstorm, "also muss nur die IP des Eingangsknotens geblockt werden und das Programm kann keine Server mehr finden."

250.000 Newsletter-Abonnenten warten auf den Proxy

Wer auf das nächste Tor-Update nicht warten möchte und keine Psiphon-Vertrauten in der freien Welt hat, ist allerdings dennoch nicht verloren. Über 250.000 Chinesen haben "Huaxia Dianzi Bao", den wöchentlichen Newsletter von "Human Rights in China" abonniert. In diesem gibt die Organisation die IP-Adressen von Proxy-Servern bekannt, die bis zur Entdeckung zumindest einige Stunden den freien Zugang zum Internet gewähren. "Voice of America", das dem US-Außenministerium untersteht, bietet einen ähnlichen Service an. Um immerhin zu dokumentieren, was in China geblockt wird, hat eine niederländische Initiative von Webdesignern und Journalisten die Seite greatfirewallofchina eingerichtet, auf der jedermann über einen Server in China testen kann, ob eine Webadresse gerade verfügbar ist.

Doch wie lange die Technoptimisten ihrem Namen noch alle Ehre machen dürfen, bleibt ungewiss. "Wir können finanziell nicht mit Regierungen oder großen Unternehmen mithalten", sagt Deibert, "langfristig werden wir die besten Programmierer nicht halten können." Doch ein Optimist wäre keiner, wenn er nicht die passenden Lösungen parat hätte: "Vielleicht müssen wir dann eben einige Projekte als Geschäftsmodell realisieren."

Bis es zum Bezahl-Psiphon für Business-Kunden kommt, dauert es allerdings noch etwas. Inzwischen interessieren sich nämlich auch die Betreiber von geblockten Seiten für Anti-Zensur-Initiativen. So schrieb BBC World-Direktor Richard Sambrook jüngst in seinem Blog: "Wegen der Probleme, die die BBC damit hat, dass ihre Webseite in einigen Ländern (China, Iran) geblockt ist, überlegen wir, wie wir mit solchen Initiativen zusammenarbeiten können."

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