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Internetfernsehen: Amazon plant die TV-Flatrate

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Es wird langsam eng in Sachen TV via Internet: Apple, Hulu, Google, Netflix -zahlreiche Anbieter tummeln sich in den USA auf diesem Markt, bald wohl auch Amazon. Das Handelshaus soll eine Serien-Flatrate planen. Doch was will der Kunde: Onlinevideotheken oder Pauschalangebote?

Amazon-Chef Jeff Bezos: Handelt mit allem, was sich online verkaufen lässt Zur Großansicht
AFP

Amazon-Chef Jeff Bezos: Handelt mit allem, was sich online verkaufen lässt

Diese Art Branchengerücht ist selten ein Zufall: Nur Stunden vor dem seit Wochen angekündigten Apple-Event am Mittwochabend deutscher Zeit berichtete das in der Regel gut informierte "Wall Street Journal", der E-Handelskonzern Amazon (Jahresumsatz 2009: 24,5 Milliarden Dollar) plane, ins IPTV-Geschäft einzusteigen, also den Vertrieb von TV-Inhalten über Internetleitungen.

Plausibel ist das unter anderem, weil genau das derzeit jedes größere Unternehmen versucht, das im Internetgeschäft vorn dabei sein will. In den nächsten Monaten wird man in den USA unter anderem frische Angebote von Apple, Netflix, Hulu, Yahoo und nicht zuletzt Googles YouTube sehen.

Selbst in Deutschland, wo die Entwicklung um Jahre hinterherhinkt, tut sich was: Die Privatsender der ProSiebenSat.1- und RTL-Gruppen planen ein gemeinsames "deutsches Hulu", die erstere Sendergruppe will bei der Ifa auch noch ein "Hybrid-TV-Format" vorstellen, das Fernsehsendungen und Internetangebote miteinander verbinden soll. Dafür allerdings wird man ein spezielles TV-Gerät brauchen (noch eine neue Abkürzung: HbbTV soll das Format heißen).

Auch Vodafone strebt nach Telekom und Alice in den IPTV-Markt, und kürzlich eröffnete der Metro-Konzern unter dem Dach des Media-Markt-Internetangebotes zumindest schon einmal eine Videothek. Auf der Ifa soll auch Sony einen neuen, eigenen Film- und Musikshop vorstellen. Eine Überraschung wäre es gewesen, wenn Amazon, das seit langem eine virtuelle Videothek betreibt, da nicht weiter hätte mitspielen wollen.

Denn streamen wollen derzeit alle. Was Web-Auguren seit mehr als einem Jahrzehnt wie ein Mantra immer wieder beschwören, hat offensichtlich begonnen: Die Wandlung des Webs zu einem ernstzunehmenden Vertriebskanal für Filme und TV-Inhalte - und die Transformation des klassischen Fernsehens von einem Programmmedium hin zu einem On-demand-Abrufmedium. Unter Experten gilt das Streaming als das nächste große Internetgeschäft, als logische evolutionäre Entwicklung wie einst der Aufbau des Download-Musikmarktes.

Videothek versus Datenbank mit Flatrate-Zugang

Dass das Amazon-Gerücht gerade jetzt in Umlauf kommt, nimmt Apples durch die übliche Geheimniskrämerei zum Event hochgejazzte Produktvorstellung am Mittwochabend (beginn: 19 Uhr unserer Zeit) ein wenig den Wind aus den Segeln. Auch der ehemalige Computerkonzern aus Cupertino, der seinen kommerziellen Erfolg seit Jahren auf eine geschickte Verbindung von Unterhaltungselektronik-Hardware und dem Verkauf von Entertainment-Inhalten gründet, wird dort vermutlich Neuigkeiten in Sachen IPTV vom Stapel lassen.

Dazu gehört wohl der Ausbau des Angebotes an TV-Serien um Inhalte von News Corp. and Walt Disney, die Apples iTunes zum Pauschalpreis von 99 Cent anbieten will, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit auch mehr: Die Gerüchteköche halten eine überholte, für Streaming-Inhalte optimierte und preiswerte Apple-TV-Box für plausibel.

Amazon will derweil mehr werden als nur ein virtueller Videoverleih. Auf den Spuren von Netflix, Amerikas erfolgreichstem kommerziellen Streaming-Angebot, soll die TV-Flatrate helfen, einen Wandel zu schaffen: vom Kauf- und Verleihmodell (beides bietet Amazon seit langem an) zum On-demand-Service. Wie bei Netflix gründet sich auch Amazons Geschäft mit Film- und TV-Inhalten bisher hauptsächlich auf physische Datenträger. Wie Netflix strebt Amazon den fließenden Übergang zu anderen Formen der Videovermarktung an.

Damit wird es auf dem US-IPTV-Markt immer enger. Problematisch an der Vielzahl der Ansätze ist, dass sich zum Teil auch die technische Plattform deutlich unterscheidet. Wie weit das gehen kann, wird Apple am heutigen Abend zeigen: Wer die Live-Übertragung des Apple-Events sehen will, braucht dafür ein Apple-Gerät, und zwar kein altes - alle anderen bleiben außen vor. Das könnte ein Vorzeichen dafür sein, dass Apple auch im Web-Videomarkt ernsthaft mit dem Versuch beginnt, eigene Standards durchzusetzen.

TV-Kunden sind Laufkunden

Das wäre nicht im Verbraucherinteresse. Der TV-Konsument wünscht sich IPTV auf dem Fernseher - und am liebsten ohne dafür neue Gerätschaften kaufen und aufstellen zu müssen. Die TV-Hersteller überschlagen sich derzeit, verschiedenste Internet-TV-Lösungen auf den Markt zu drücken. Die meisten davon aber sind wieder proprietär und behandeln das Internet wie ein Bündel auswählbarer, separater Dienste - Internet auf dem TV folgt dem App-Gedanken.

Doch das läuft der Logik des Fernsehens zuwider. Ein iPod-Besitzer bindet sich vielleicht freiwillig und gern an einen einzelnen Musikladen. Ein Fernsehbesitzer aber will zappen und aus einem möglichst breiten Angebot auswählen - TV-Junkies sind Laufkunden, nicht Stammkunden. Internet steht nicht für ausgewählte Dienste, sondern für freie Auswahl aus einem riesigen Angebot. Ein freies Auswählen aus den TV- und Videodiensten verschiedener Anbieter, geschweige denn aus dem offenen Internet ist bei den Unterhaltungselektronikern bisher aber nicht Teil des Programms. Für die meisten TV-Hersteller ist Internet noch immer eine Art bunterer Teletext.

Also braucht man weiter Mediacenter-PC, Xbox, Playstation, Multimediaplayer, Streamingbox oder dezidierte Settop-Box für den Empfang proprietärer Angebote wie Maxdome, Alive TV oder Entertain (Telekom), wenn man das Internet als ernstzunehmenden Vertriebsweg für Videoinhalte nutzen will. Jeder Verkäufer will einem seine eigene Hardware aufdrängen.

In den USA etablierte sich im Gegensatz dazu zunehmend das plattformübergreifende Modell. Hulu bedient Standards des Webs, Netflix setzt auf Dateiformate, nicht Boxen. Netflix-Filme kann man sich auf Spielkonsolen streamen lassen, auf TV-Geräte oder Blu-ray-Player mit Internetverbindung, auf PC oder iPad, auf digitale Videorekorder von Tivo und auf eine spezielle Settop-Box.

Auch Amazon will sein Streamingangebot nicht an ein bestimmtes Empfangsgerät binden - möglichst sollen die Amazon-Streams mit allem empfangbar sein, was der Markt an relativ offenen Geräten hergibt. Dass solche weitgehend offenen Vertriebsplattformen zudem auf das Modell Flatrate setzen, ist Trend: Netflix verlangt pauschal 9,90 Dollar für den Streamingzugang, Hulu will 9,95 Dollar für sein On-demand-Archiv und Amazon nun eben 10 Dollar. Damit ist bereits ein für Vielseher attraktives Preisniveau gesetzt, an dem sich die Betreiber von Online-Videotheken werden messen müssen.

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Begriffserklärung Stream, IPTV und Co.
Streaming
Mit Streaming bezeichnet man die Übertragung von Audio- und/oder Videodaten über das Internet zur Darstellung in einem Browser oder Medienplayer, ohne dass dabei eine permanente Kopie der Datei übertragen und gespeichert wird. Alle Streams haben gemein, dass man mit dem Konsum der Daten bereits beginnen kann, während die Daten noch übertragen werden. Meist entspricht das dem Abruf einer Datei on demand ("sukzessiver Download"). Erheblich aufwendiger und teurer ist das Streaming im Multicast-Verfahren, bei dem ein Server zeitparallel Bilder an viele Empfänger ausliefert - eine Art "Rundfunk" via Internet, der meist zur Übertragung von Live-Ereignissen eingesetzt wird.
Internet Protocol Television (IPTV)

IPTV bezeichnet die Videoübertragung über das Internet, meist im Sinne der Übertragung regulärer Programme. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten:

Das Senden findet in einem geschlossenen Netzwerk statt. Hier gehört dem Provider die Infrastruktur und er ist auch für Endgeräte wie etwa Settop-Boxen zuständig. Da der komplette Signalweg in seiner Hand liegt, kann er die Übertragung für sich kostengünstiger gestalten und auch optimieren. Über IP-Multicast werden mehrere Empfänger gleichtzeitig mit einem Video-Stream versorgt und bei der QoS-Technik (Quality of Service) haben die Video-Datenpakete eine höhere Priorität gegenüber normalen Datenpaketen. Im Idealfall sind die Inhalte in hoher Qualität und ohne Unterbrechungen zu genießen. Einige Anbieter senden auch in HD-Qualität, eine schnelle Internetleitung vorausgesetzt.

In einem halbgeschlossenen Netzwerk hat der IPTV-Provider die Leitung für die Übertragung nur angemietet.
Web-TV
Hier benötigt der Nutzer nur eine Abspiel-Software für seinen Computer und schaut dann etwa über einen Flash-Player Videoinhalte. Die Daten liegen hier auf einem Server oder gelangen über die Bandbreitennutzung verschiedener Computer (P2P-Technik) zum Nutzer. Bei dem Verfahren wird jedes Video einzeln zu jedem Nutzer übertragen. Meist kommt hier ein Video-Streaming-Verfahren zum Einsatz, bei dem das Video nur temporär auf der Festplatte landet. Es gibt auch noch den sogenannten Progressive Download, bei dem das Video komplett auf der Festplatte gespeichert wird, die Wiedergabe aber schon während des Downloads startet. Im Gegensatz zum IPTV in einem geschlossenen Netzwerk ist eine konstante Signalqualität nicht gegeben. Inhaltlich: Mit Web-TV sind meist spezifisch für das Web produzierte Inhalte gemeint (z.B. YouTube-Clips).
Video-on-Demand (VoD)
Bei diesem Verfahren wählt der Zuschauer die Videoinhalte selbst aus und bestimmt, wann er sie gucken möchte. Online-Videotheken bieten hier verschiedene Modelle an, die vom "Download to own" (Kauf einer Datei) bis zum Filmverleih reichen, bei dem die heruntergeladene Datei in der Regel innerhalb eines definierten Zeitfensters beliebig oft angesehen werden kann, nach Ablauf der Frist aber unbrauchbar wird.


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