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Internetkritiker Morozov: Die Twitter-Revolution ist abgesagt

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Bringen Facebook und Twitter die schlimmsten Schurkenstaaten zu Fall? Der weißrussische Netzexperte Evgeny Morozov hat in seinem Buch "The Net Delusion" Gegenargumente gesammelt. Trotz einiger Abstriche ein überaus lesenswertes Stück.

Evgeny Morozov kennt sich mit Web-2.0-Euphorie gut aus. Als in Moldau im April 2009 eine neue Art des politischen Protests ausbrach, war er einer der Ersten, die "Twitter-Revolution!" riefen. Heute nennt Morozov dies einen der peinlicheren Momente seiner publizistischen Karriere. Jetzt hat der 26-Jährige ein ganzes Buch darüber geschrieben, warum er damals so falsch lag und warum Twitter und Facebook nirgendwo eine Revolution entfachen werden - weder in Iran, noch in China, noch in den USA. "The Net Delusion" (ungefähr: Der Netz-Irrglauben) heißt seine Kampfschrift gegen den Web-2.0-Zauber, die in diesen Tagen auf Englisch erschienen ist.

Zwei Lieblingsgegner hat Morozov: die Cyber-Utopisten und die Internet-Zentriker. Als Cyber-Utopisten bezeichnet er westliche Technikfans, die glauben, das Internet wäre inhärent gut, weil demokratisch, pluralistisch und tolerant. Sie sehen die Verbreitung des Internets als Ziel an sich an. Für die Internet-Zentriker hingegen hat das Netz vor allem strategischen Wert: Als politisches Werkzeug soll es dabei helfen, autoritäre Regime von innen heraus zu reformieren. Beiden Gruppen macht Morozov mit viel kalter Wut den Vorwurf, das Internet sträflich zu verklären. Um das zu beweisen, holt er zum einen sehr weit aus, zum anderen bietet er aber auch jede Menge Beispiele aus der jüngeren Zeitgeschichte auf, die einen in ihrer Fülle fast verzweifeln lassen.

Was hat den Ostblock zum Einsturz gebracht? Die falsche Antwort auf diese Frage sieht Morozov als Schlüssel zu den Fehlern der Internet-Zentriker. In ihrer Analyse des Kalten Krieges überschätzen sie seiner Meinung nach die Rolle von Dissidenten, ihren Flugblättern sowie der Medien schlechthin. Nicht Aufklärung - und anschließende Empörung der Bürger über ihr Versagen - hätte die sozialistischen Regime zerbrechen lassen, sondern Faktoren wie die ruinöse Wirtschaftspolitik, der verlorene Rüstungswettstreit mit den USA oder der neue Unwille der UdSSR, die Rote Armee bei Unruhen in andere Ländern zu senden. Die Internet-Zentriker, allen voran die US-Außenpolitiker, hätten sich aber in den vergangenen Jahren auf die Interpretation eingeschossen, dass 1989 Dissidenten wichtiger als ruhende Gewehre waren - und dass Blogger die neuen Dissidenten sind.

Mit dem Netz gegen Königskritiker

Für deutsche Leserinnen und Leser mögen Morozovs Ausführungen zum Kalten Krieg ermüdend sein. Hier scheint der Eifer des Exil-Weißrussen, der seit einigen Jahren in den USA lebt und forscht, vor allem persönlich motiviert zu sein. Bei allem Weit-Ausholen fallen seine Analysen der neueren US-Außenpolitik sowie der Transitions- und Transformationsprozesse in Osteuropa trotzdem nicht besonders fundiert oder differenziert aus. Weder liefert er eine echte Bestandsaufnahme der Außenpolitik der Obama-Regierung, noch erwähnt er, dass die sozialen und politisch-institutionellen Voraussetzungen innerhalb des vermeintlich monolithischen Ostblocks so stark variierten, dass es letztlich keine Mega-Theorie zu seinem Fall gibt.

Den letzten Beweis, dass der Westen die Rolle von medialer Aufklärung überschätzt, erbringt Morozov deshalb nicht. Das ist aber auch nicht entscheidend, denn für etwas viel wichtigeres hat er zuhauf Beweise: nämlich, dass der Westen die Gutartigkeit des Internets überschätzt - und zwar bei weitem. Eine Auswahl:

  • Saudi-Arabien hat eine Kommission für Kommunikations- und Informationstechnologien eingerichtet, bei der sich die Bürger über anstößige Web-Inhalte beschweren können. Täglich sollen rund 1200 Beschwerden eintreffen;
  • In Thailand, wo Kritik am König unter Strafe steht, fungiert eine Website als Sammelstelle für Beschwerden über monarchiekritische Inhalte. Laut BBC hatte die thailändische Regierung innerhalb von 24 Stunden nach dem Launch über 5000 gemeldete Links gesperrt;
  • Im Sommer 2009 ordnete die chinesische Regierung an, dass alle neuen Computer mit der Spionage-Software GreenDam ausgestattet werden müssten, um das Surfverhalten der User zu überwachen. Der Plan wurde nach nationalen und internationalen Protesten dann aber doch nicht umgesetzt;
  • Der weißrussische Aktivitist Pavel Lyashkovich wurde 2009 von zwei Männern, die sich als KGB-Mitarbeiter ausgaben, verhört. Auf seine politischen Aktivitäten waren sie offensichtlich über eines seiner Social-Network-Profile gestoßen: Auf dem beliebten russischen Netzwerk vkontakte.ru war er Online-Freund von mehreren bekannten Oppositionellen;
  • In Japan entstand mit Hilfe von Crowdsourcing eine Karte, auf der die Wohnorte von Angehörigen der verfolgten Burakumin-Minderheit aufgeführt waren. Ursprünglich sollte dies der Anerkennung der Burakumin dienen. Nationalisten verstanden die Karte jedoch als Einladung für Pogrome gegen die von ihnen gehasste Minderheit. Erst als japanische Anti-Diskriminierungs-NGOs und Google protestierten, wurde das Tag "Städte des Abschaums" von den Burakumin-Wohnstätten entfernt.

Als Morozovs Sparringspartner im Geiste und in der Realität muss man sich hier den New Yorker Medienwissenschaftler Clay Shirky vorstellen. Der verfasste 2008 mit "Here Comes Everybody" eine Festschrift der Online-Mobilisierung. Aus dem Klappentext: "The revolution will not be televised - it will be emailed, texted, blogged, wikied". Bei Shirky finden sich nur positive Beispiele für den Gebrauch von Social Media - natürlich die Wikipedia, aber auch Aktionsgruppen gegen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Den Kampf ums freie Internet nach Hause holen

Tatsächlich widerspricht Shirkys Ansatz Morozov nicht so stark, wie es auf den ersten Blick erscheint. Auch Shirky hat schon eingestanden, dass das Internet nicht das beste Medium zur politischen Mobilisierung ist. Sein Aufsatz "Exiting Deanspace" ist eine mitreißende Abrechnung mit dem eigenen Aberglauben, dass im Falle des US-Politikers Howard Dean der Einsatz neuer Medien schon genügen werde, um den Ex-Gouverneur zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten zu befördern.

Morozov hingegen ist die digitale Masse insgesamt suspekt. An einer Stelle in "The Net Delusion" lässt er sich sogar zu einem Exkurs darüber hinreißen, warum zu viel Bürgerengagement der Demokratie schade. "Wenn uns die traurigen Erfahrungen der neunziger Jahre irgendetwas gelehrt haben", schreibt er, "dann, dass es für einen erfolgreichen Regimewandel eines starken Staates und eines vergleichsweise geordneten öffentlichen Lebens bedarf. Bislang hat sich das Internet als Bedrohung für beides dargestellt."

Am treffsichersten ist Morozovs Kritik, wenn er die westlichen Regierungen in die Pflicht nimmt: Wie komme es, fragt er, dass der Kampf für ein freies Internet immer nur im Ausland, aber nie zu Hause gekämpft werde? Dass Politiker im eigenen Land sehr wohl für Vorratsdatenspeicherung und Internetsperren einträten, die gleichen Maßnahmen in Iran aber als Zensur anprangerten? Warum leistet das Internet nach Ansicht vieler westlicher Politiker zu Hause Pädophilen und Datenbetrügern Vorschub, während es in Burma und Nordkorea vorgeblich Pluralismus und Toleranz befördert?

Letztlich ist "The Net Delusion" ein eindringliches Plädoyer für mehr Realismus in der medialen Außenpolitik. Solange Politiker nicht verstehen, dass das Internet ein kontextabhängiges Medium ist, das nirgendwo auf der Welt gleich funktioniert, muss ihre Netzeuphorie zwangsläufig in die Irre führen. Morozovs großes Verdienst ist es, diesen Misstand exakt an der Schnittstelle zwischen Netz- und Außenpolitik zu thematisieren und so die Debatte zu beiden Seiten zu öffnen.

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