Internetnutzung Das Web macht uns nicht dümmer

Verändert das Internet unser Denken? Müssen wir uns regelmäßige Online-Auszeiten verordnen, um nicht völlig debil zu werden? Der Journalist und Blogger David Bauer hat keine Lust auf digitales Fasten. Um den letzten Zweifel auszuräumen, macht er den gründlichen Gehirn-Check.

Internetnutzer: Zu viele Daten - schlecht fürs Gehirn?
Corbis

Internetnutzer: Zu viele Daten - schlecht fürs Gehirn?


Wir stehen alle am Abgrund: Unser Gehirn wird vom Internet narkotisiert. So jedenfalls verkünden es uns die apokalyptischen Schreiber von den Bestseller-Regalen. Frank Schirrmacher mahnt, dass Computer uns ein Verhalten aufzwingen, das uns nicht nur unkonzentriert macht und uns nicht mehr klar denken lässt, sondern das uns ernsthaft schadet: "Multitasking ist Körperverletzung." Nicholas Carr fürchtet, dass die Informationsflut die Schleuse zwischen unserem Kurz- und Langzeitgedächtnis verstopft und unser Denken zu einem Waten im Seichten verkümmert.

Was sie beschreiben, ist der drohende Rückfall vor die Aufklärung, zurück zur selbstverschuldeten Unmündigkeit des Menschen, der schleichend die Fähigkeit verliert, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Während wir das Digitale für uns denken lassen, verkümmere unsere Fähigkeit, selbständig zu denken. Das Internet, so die Argumentation, ist nicht gut für den Menschen, weil es nicht seiner Natur entspricht. Ein süßes Gift, das unser Gehirn langsam zersetzt.

Dagegen hilft offenbar nur: Stecker ziehen. Zwei Bücher predigten im vergangenen Jahr den freiwilligen Internetverzicht: Alex Rühle probierte es "Ohne Netz", Christoph Koch verkündete stolz "Ich bin dann mal offline". Zurück zu Konzentration und Kontemplation, raus aus dem Internet, hin zum wahren, schönen Leben.

Das Heimtückische ist, dass man den Schwarzmalern nicht so richtig widersprechen mag. Dieses Gefühl, dass uns das Digitale bisweilen in der Konzentration stört und das Denken lähmt, es ist da. Ich sitze vor dem Computer und habe vergessen, was ich vor einer Sekunde wollte. Klicke mich durch Fenster und Suchmaschinen und finde nirgendwo die Ruhe, mich zu konzentrieren.

Schizophrene, Demente und Alzheimerkranke

Was wir dabei vergessen: Wir waren auch vor der Erfindung des Internets nicht stets voll konzentriert und jederzeit zu kristallklaren Gedanken fähig. Wir vergleichen des Homo digitalis' Art zu denken mit einem Ideal, das es so nie gegeben hat. Weil wir kurzfristig zerstreut sind, heißt das nicht, dass wir langfristig Schaden davontragen. Und falls Computer unser Verhalten und unsere Art zu denken tatsächlich verändern, bedeutet auch das nicht automatisch, dass wir dem Untergang geweiht sind.

Statt dem eigenen mulmigen Gefühl zu trauen oder Autoren, die dieses weiter zuspitzen, will ich es selber wissen. Ich lasse mein Gehirn testen, um herauszufinden, ob ich noch klar denken kann wie es dem Homo sapiens von der Evolution einst zugedacht war, oder ob das Internet meine Neuronen durchgeschüttelt und meinen Verstand schummrig gemacht hat.

Ich steige hinab ins schmucklose Untergeschoss des Psychologischen Instituts der Universität Basel, lasse mich in ein Labor führen, wo sonst Schizophrene, Demente und Alzheimerkranke getestet werden. Ich habe die Kognitionspsychologen der Universität beauftragt, mein Gehirn unter die Lupe zu nehmen. Das Labor hat den Charme einer einengenden Zelle, ist spartanisch eingerichtet. Ein Fenster, ein Tisch und ein Computer. Meine Gemütslage verändert sich. Bis eben war ich vergnügt-gespannt, nun nervös-angespannt. Wird mir am Ende ein Computer sagen, dass die Maschinen mich um den Verstand gebracht haben?

Mein halbes Leben schon nutze ich das Internet täglich, beruflich und privat. In den letzten fünf Jahren saß ich durchschnittlich acht Stunden pro Tag davor, Wochenenden und Ferien eingerechnet. 15.000 Stunden Internet sind das. Wenn das Internet unser Denken tatsächlich nachhaltig verändert, bin ich ein sicherer Kandidat. Was, wenn die Tests tatsächlich zeigen, dass meine Konzentration gestört ist, mein Kurzzeitgedächtnis gelitten hat oder die Informationsverarbeitung nicht mehr richtig funktioniert? Würde ich dann fortan das Internet weniger nutzen? Kann ich das überhaupt noch?

Nur ich und der Computer

Es bleibt glücklicherweise wenig Zeit zum Grübeln, das Experiment beginnt. Auf einer Metallplatte sind kleine Würfelchen montiert, zehn an der Zahl, ohne erkennbares Muster. Die Übungsleiterin tippt mit dem Finger eine Reihe von Würfelchen an, ich muss in der gleichen Reihenfolge wiederholen. Bei einer Folge von fünf Würfeln gerate ich das erste Mal ins Stocken, bei sieben scheitere ich. Ist das normal? Ist das sehr schlecht? Ist das Internet schuld? Ich schaue die Psychologin fragend an, sie zeigt keine Regung. Nächste Aufgabe. Wieder tippt sie Würfelchen an, ich muss in umgekehrter Reihenfolge wiederholen. Ich ahne Böses, zu meinem Erstaunen fällt mir diese Aufgabe aber leichter als die erste. Ich zögere kaum je, bei acht Würfeln ist trotzdem Schluss. Wieder kein Kommentar der Psychologin.

Im nächsten Test sagt mir der Computer eine Reihe von Zahlen, alle drei Sekunden eine neue. Ich muss fortlaufend jeweils die beiden letztgehörten Zahlen addieren und das Resultat in ein Mikrofon sprechen. Das Herausfordernde an diesem Test ist, dass man jeweils die Zahl, die man selber ausspricht, sofort wieder aus dem Gedächtnis löschen und die letztgehörte wieder in Erinnerung rufen muss. Das Angenehme an diesem Test ist, dass die Psychologin den Raum verlässt.

Nur ich und der Computer, dieses Setting behagt mir. Drei Minuten lang muss ich Zahlen zusammenrechnen, nach zwei Minuten ertappe ich mich, wie ich beginne, über den Test nachzudenken. Sofort komme ich aus dem Tritt, verpasse meinen Einsatz, ärgere mich. Bin ich ein bisschen zu meta? Oder kann ich mich nur zwei Minuten ernsthaft konzentrieren? Ist das Internet schuld?

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fendrikat 03.04.2011
1. Nicht das Web, man selbst !
..naja, wie der Autor ja auch so schoen schrieb - "Streng wissenschaftlich gesehen beweist dies natürlich gar nichts." Wie mit wohl ziemlich allem im Leben - es kommt auf die verantwortungsvolle und sinnvole Nutzung an. Internet, Fernsehen, Games koennen alle durchaus sinnvoll, ganz nett oder auch schaedlich sein, je nachdem, was man damit anstellt. Insofern nicht so richtig was neues....das Web macht einen bestimmt nicht duemmer, wenn, dann macht man sich nur selbst duemmer!
monoman 03.04.2011
2. Was ist denn eigentlich die menschliche Natur?
"Das Internet, so die Argumentation, ist nicht gut für den Menschen, weil es nicht seiner Natur entspricht." So werden im Beitrag die Einwände von Schirrmacher und Co. zusammen gefasst. Diesen Einwand könnte man aber genausogut auf die Einrichtung etwa von Bibliotheken anwenden, in denen Wissen auf eine Art gesichert wird, die unserer Natur, Nebensächliches oder auch Bedrückendes irgendwann wieder zu vergessen, diametral entgegen steht. Wie die Psychologie uns sagt, ist Vergessen wohl eine Lebensnotwendigkeit der geistig-seelischen Ökonomie. Von daher haben wir auch im prädigitalen Zeitalter uns schon reichlich gegen unsere Natur, was immer das genau sei, versündigt. Wenn man noch weiter geht, kann man eigentlich die Tendenz der ganzen Menschheitsgeschichte mit ihren Hirarchien und entindividualisierenden Organisationsstrukturen als Verstoss gegen die menschliche Natur ansehen, wobei es natürlich zunehmend schwammiger wird, was das eigentlich sein bzw. gewesen sein soll. Jedenfalls erweist sich das Thema dabei als wesentlich komplexer, als es einerseits die Kritiker am digitalen Fortschritt, wie andererseits der Gang zum psychologischen Test uns weissmachen wollen.
karinkapturak 03.04.2011
3. Wissenspool
Zitat von sysopVerändert das Internet unser Denken? Müssen wir uns regelmäßige Online-Auszeiten verordnen, um nicht völlig debil zu werden? Der Journalist und Blogger David Bauer hat keine Lust auf digitales Fasten. Um den letzten Zweifel auszuräumen, macht er den gründlichen Gehirn-Check. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,750325,00.html
Ich begreife nicht, wieso hier in erster Linie die seichte Beschäftigung mit dem PC-in oberflächlicher Handhabung egal zu welchem Thema betrachtet wird. Das Internet ist ein grandioser Wissenspool, den man zu nutzen lernen kann und dann Möglichkeiten hat wie nie zuvor. Oder wie hätte ich sonst die Möglichkeit, mich in den unterschiedlichsten Dateien und Seiten losgelöst von akademischer Strenge z.B. mit Quantenmechanik zu beschäftigen. Ich meine, den Nutzen des Internets braucht man nicht in geradezu beklemmenden Laborversuchen belegen, er liegt auf der Hand und dokumentiert eben die allgemeine intellektuelle Variation unseres Gemeinwesens.
rode 03.04.2011
4. Qualität
Vielleicht beeinflusst das Internet nicht die Fähigkeiten unserer Ultrakurzeit- oder Kurzeitgedächtnisses, die ja eigentlich gerade durch das Internet und Multitasking täglich trainiert werden, was die hervorragenden Ergebnisse ja nur unterstreichen, sondern eher die Qualität der Gedanken, oder gar die verfügbare Zeit, die wir eigenen komplexen Gedanken widmen, wenn wir nicht durch stetige Ablenkung, Kommunikationsexplosion und kurzweiliger Unterhaltung von ihnen abgehalten werden. Insofern sagt ein kleiner aber feiner IQ Test vielleicht ein bisschen was über das Mittel aber doch eigentlich gar nichts über den Zweck, zu dem wir unseren Verstand einsetzen und wie erfolgreich wir tatsächlich dabei sind. Auch wenn unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht zu der eines Eichhörnchens degeneriert, heißt das längst nicht, was doch viel nicht ohne Grund vermuten, dass das Internet und besonders auch das mobile, die Qualität unserer geistigen Leistung tatsächlich negativ beeinflusst. Und ein anderer Aspekt, der den Smartphone User in der U-Bahn vielleicht doch manchmal wie ein Eichhörnchen wirken lässt, mit den Worten von Maryanne Wolf: "Das Internet gibt mir das Gefühl, dass ich immer das nächste und nächste tun muss. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit." Der Autor vom Artikel oder Buch, fand wohl selbst auch keine Zeit, die Geschichte mal grundlegend zu überdenken...
Altesocke 03.04.2011
5. Den sie wissen nicht, was sie tun
Kann den Test mal einer machen, der seine Internetzeit mit Online Games fuellt?? Das waere doch aufschlussreicher, ob surfen oder gaming besser abschneidet
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.