Internetplattform Fixperts: Bastler helfen bei Alltagsproblemen

Von Eva Huber

Ein Sockenhorn für eine ältere Dame, dichte Fenster für eine polnische Studentin, Hilfe beim Ohrring-Einstecken für eine Frau mit Multipler Sklerose: Die Internetplattform Fixperts bringt Menschen mit Alltagsproblemen und Designer zusammen. Die Lösungen kann man sich im Video ansehen.

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Als Denise Stephens ein Kind war, durfte sie sich keine Ohrlöcher stechen lassen. Erst mit 16 hatte sie ihr erstes Paar: "Es war ein langer Kampf, bis ich überhaupt Ohrringe tragen durfte", erzählt die 34-jährige Londonerin. "Dass ich jetzt nicht in der Lage bin, die Ohrstecker selbst einzusetzen, ist sehr frustrierend." Denise Stephens hat Multiple Sklerose, ihre Fingerspitzen sind taub. Kleine Ohrstecker kann sie schwer ertasten. Damit sie wieder Ohrringe tragen kann, tüftelt Florie Salnot an einer speziellen Einsteckhilfe für sie. Die 28 Jahre alte Französin hat Denise über die Internetseite Fixperts.org kennengelernt.

Die junge Plattform hat sich dem Lösen kleiner Alltagsprobleme verschrieben: Ein Fixpert, etwa ein Designer, tut sich mit einem Fixpartner, einem Menschen mit einem Alltagsproblem, und mit einem Filmemacher zusammen. Dann wird getüftelt und gefilmt, bis das Problem gelöst ist. Die Videoclips kommen am Ende auf die Seite.

"Ich schätze die Macht von Filmen sehr", sagt James Carrigan, der Fixperts zusammen mit einem Freund ins Leben gerufen hat: "Verpackt man die Lösung eines Problems in eine Geschichte, dann hilft das den Menschen, den Prozess zu verstehen." Die Plattform solle Menschen dazu inspirieren, selbst die kleinen Probleme in ihrem Alltag zu lösen oder jemand anderem dabei zu helfen.

Fotostrecke

5  Bilder
Fotostrecke: So sieht die Ohrringeinsteckhilfe aus
Florie Salnot sitzt in einer offenen Werkstatt in Hamburg. Vor kurzem ist die junge Designerin der Liebe wegen von London hierhergezogen. An dem Hilfsgerät für Denises Ohrringe arbeitet sie trotzdem weiter. Gerade sitzt sie am dritten Prototyp. Florie beugt sich über ein längliches Kunststoffstück, das sie mit einem Lasercutter ausgeschnitten hat, und erhitzt es an einer Stelle. Es riecht nach verbranntem Plastik.

Seit einem Dreivierteljahr arbeitet sie nun schon an der Einsteckhilfe. Einen funktionierende Prototyp gibt es längst, doch Florie will es noch besser machen. "Dieses Gerät ist etwas so Kleines, man könnte denken, dass es nicht wirklich von Bedeutung ist", erzählt Florie, während sie das warme Plastikstück in eine selbstgebaute Vorrichtung aus Nägeln und Holz zwängt und es so in die passende Form biegt. "Ich will gerade die kleinen Dinge verbessern, nicht nur die lebenswichtigen, großen."

Schon mehr als 20 Filmclips

Florie und Denise gehörten zu den ersten, die einen Film über ihr Projekt auf die Fixperts-Seite gestellt haben, als die Plattform im September vergangenen Jahres startete. Mittlerweile sind mehr als 20 Videos online. Alle zeigen ganz unterschiedliche Probleme und ihre Lösungen. Manche Fixpartner haben wie Denise eine Behinderung, andere wollen eine Alltagssorge aus der Welt schaffen, wie etwa die Kunststudentin Michalina. Sie lebt in Polen und leidet im frostigen Winter sehr unter den zugigen Fenstern in ihrer Wohnung. Das Problem lösten die Fixperts Agata, Janek und Hania mit etwas Schaum und Isolierpapier, aus dem sie einen einfachen Kälteschutz für Michalinas Fenster bastelten. Ein ältere Dame bekommt einen Sockenhaken zum einfacheren Anziehen ihrer Strümpfe, eine Frau, der an einer Hand alle Finger außer dem Daumen fehlen, einen Einhand-Flaschenöffner.

"Die Freude, die es Menschen bereitet, wenn sie ein Problem selbst gelöst haben, ist unglaublich", erzählt Fixperts-Initiator James Carrigan. Der 37-Jährige hat das Lösen von individuellen Problemen auch zur Geschäftsidee seiner kleinen Londoner Firma gemacht. Das Fixperts-Projekt sei aber nicht kommerziell, betont er, sondern eine freie Idee. Jeder kann sich auf der Seite ansehen, wie das Konzept funktioniert, loslegen und den fertigen Film dann bei Fixperts einreichen. Die Seite ist werbefrei.

Nach ein paar weiteren Stunden Erhitzen, Biegen und Schrauben hat Florie den Prototypen fertiggestellt. Er besteht aus zwei langen Plastikpinzetten, die unten mit einem Querbalken verbunden sind. Florie zeigt, wie er funktioniert. Sie pult ihren Kamee-Ohrring mit dem klassischen weißen Frauenkopf aus dem Ohr und legt Verschluss und Stecker auf den weißen Tisch vor sich.

Mit der durchsichtigen Pinzette, die wie eine Zange funktioniert, greift Florie nach dem Ohrstecker und schiebt die Spitzen der weißen Pinzette schnell durch die beiden Ösen der Verschlusskappe. Dann streicht sie ihre blonden Haare hinters Ohr. Nun beginnt das Gefrickel. Der Stecker muss durchs Ohrloch, dann drückt Florie die beiden Pinzetten eng zusammen: Schon sitzt der Verschluss fest auf dem Stecker, der Ohrring hält.

"Mir ist mein Aussehen sehr wichtig"

Als Denise das Hilfsgerät zum ersten Mal ausprobierte, sei sie sehr aufgeregt gewesen, sagt sie am Telefon. Nach fünf Jahren wieder selbst die Ohrringe anziehen zu können, das sei ein unbeschreibliches Gefühl gewesen: "Es ist toll, etwas wieder tun zu können, das man so lange nicht tun konnte." So eine kleine Sache, wie ihre Ohrringe wieder tragen zu können, sei für ihre Unabhängigkeit sehr wichtig, sagt Denise, die in ihrer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in London alleine lebt. "Viele Leute denken, mit einer Behinderung achte man nicht mehr so sehr auf sich. Aber mir ist mein Aussehen sehr wichtig."

Ihre Einsteckhilfe musste Denise allerdings wieder aus der Hand geben. Florie will weiter daran arbeiten und das Gerät noch einfacher machen. Das Ziel der beiden ist es, eine Anleitung ins Internet zu stellen, mit dem jeder die Teile am 3-D-Drucker ausdrucken und einfach zusammenbauen kann. Ein guter Grund, um noch eine Weile auf ihre Ohrringe zu verzichten, findet Denise.

Anmerkung der Redaktion: Am Montagvormittag war fixperts.org vorübergehend nicht erreichbar - möglicherweise ist die Seite dem aktuellen Andrang nicht ganz gewachsen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1. Noch etwas kleine für solch einen Artikel, oder?
holgermuegge 22.04.2013
Klingt ja ganz interessant, aber in einem halben Jahr erst über 20 Artikel zu haben, zeugt doch eher von einem Misserfolg. Jedenfalls scheint mir die Seite einfach zu klein, um einen solchen Artikel zu rechtfertigen. Ich habe auch kurz geschaut, ob da nicht vielleicht ein Tippfehler vorliegt und eigentlich 2000 Videos auf der Seite sind, aber die Seite ist gar nicht erreichbar. Past also in mein Bild. Vielleicht sollte man den Leuten erst noch etwas Zeit lassen, sonst wirkt es wie Anschub-Werbung ...
2.
vitalik 22.04.2013
Was muss man machen damit man so eine Werbung bei SPON bekommt. Da ist ja jeder Technik-Blog größer als die kleine Seite.
3. Spiegel-DOS
bronck 22.04.2013
Die Seite ist dank der hiesigen Werbung zusammengebrochen. Dort hat man wohl nicht mit derart viel Zulauf gerechnet.
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