Interview mit Tad Williams Ganz und gar weltlich

Der US-Autor Tad Williams gilt seinen Fans als "Tolkien der Gegenwart". Doch Williams Phantasiewelten sind technisch geprägt, sein "Otherland" ist die Vision einer alternativen Realität. Mit Andreas Lober und Anja Gellesch sprach Williams über das Spielen und Leben in virtuellen und anderen Realitäten.


Tad Williams: Bestsellerautor seit "Otherland"
Klett-Cotta/Andy Freeberg

Tad Williams: Bestsellerautor seit "Otherland"

Frage:

Mr. Williams, "Otherland" erschien im Jahr 1996. Wenn Sie auf die vergangenen Jahre zurückblicken, finden Sie, dass ihre Fiktion früher Wirklichkeit wird, als Sie damals dachten?

Tad Williams: In mancherlei Hinsicht ja, ganz bestimmt! Die Leute schicken mir oft Nachrichten mit Kommentaren wie "Schau Dir das an - ein Stück Otherland!" Und ich habe Artikel über Bill Gates und andere reiche Menschen gesehen, die Forschung über lebensverlängernde Maßnahmen finanzieren.
Und dann ist da natürlich noch das Thema Reality-TV, das ich in "Otherland" in den Netfeed-Nachrichten-Segmenten von der satirischen Seite her angegangen bin. Damals gab es das kaum und heute ist es überall.

Frage: Gibt es in der momentanen Entwicklung etwas, das Sie über Ihre Erwartungen hinaus überrascht, beeindruckt oder negativ berührt hat?

Tad Williams: Ich bin besorgt darüber, dass die Leute im Hinblick auf Politik nicht dieselben Fragen stellen wie im Bezug auf Werbung. Hier in den Vereinigten Staaten sehen wir, dass es die Bush Administration angemessen findet, vorbereitete "Nachrichten" zu versenden, die Propaganda für die Regierungspolitik sind - ohne diese als solche kenntlich zu machen. Und außer ein paar Linken und Liberalen scheint das niemand beunruhigend zu finden. Ich fürchte, dass es immer schwerer wird für die Menschen, zwischen echten Nachrichten und Werbung für Unternehmen oder die Regierung zu unterscheiden, oder dass manche Menschen dieser Unterschied gar nicht mehr interessiert.

Frage: Medien und Wirklichkeit sind ja auch eines Ihrer Themen: Wenn man sieht, wie in "Otherland" Renie's Bruder vom Netz richtiggehend aufgesaugt wird, möchte man schreien und ihm zurufen "da draußen gibt's auch noch ein reales Leben".

Tad Williams: Ich frage mich auch, ob es mittlerweile mehr Leute von dieser Sorte gibt. Heutzutage gibt es wesentlich mehr Medien, in denen man sich verlieren kann. Vielleicht haben solche Menschen in der Vergangenheit aber auch andere Wege gefunden, einer Realität zu entfliehen, die ihnen nicht viel bedeutete.
Ich habe gerade Peter Carey's "Wrong about Japan" gelesen. In diesem Buch geht es um eine Reise nach Japan, die der Autor mit seinem 12 Jahre alten Sohn unternommen hat. Ich stelle mir die Frage, ob die Unterschiede zwischen seinen Interessen (Geschichte und Philosophie, Natur, kulturelle Dinge) und den Interessen seines Sohnes (Indoor-Aktivitäten, Videospiele, Manga), die Carey darin beschreibt, einfach eine Kluft zwischen den Generationen oder eine Besonderheit seiner Familie sind, oder ob das ein Anzeichen einer größeren Trennung zwischen dem alten Homo Sapiens und dem neuen Homo Media ist.

...aber auch Drehbuch-, Hörspiel- und Comicautor
Klett-Cotta/Andy Freeberg

...aber auch Drehbuch-, Hörspiel- und Comicautor

Frage: Momentan sieht es so aus, als ob Online-Rollenspiele technologisch einen großen Sprung nach vorne machen, aber die virtuellen Welten adaptieren im Grunde genommen doch nur Themen, die wir aus Büchern und Filmen kennen. Die kreative Entwicklung wird immer noch von den klassischen Medien angetrieben. Wann werden MMORPGs ihren eigenen Themen hervorbringen? Wann werden sie kreativ?

Tad Williams: Wenn mir jemand ein paar Millionen Scheinchen in die Hand drückt, fange ich morgen damit an, so eine Welt zu entwerfen. Ich würde es lieben, solch eine Welt zu schaffen, mit ihren eigenen Geschichten, die wachsen und sich entwickeln. Darüber habe ich bereits viel nachgedacht und sogar schon ein paar Mal damit begonnen. Doch leider habe ich bisher noch keine Leute gefunden, die die Sache verstanden haben und gleichzeitig über die nötigen Ressourcen verfügen.

Frage: Sie würden also gerne der Liste ihrer Berufe einen weiteren hinzuzufügen?

Tad Williams: Ja, ich würde gerne eine komplette Spiel-Umgebung kreieren. Sie würde so einzigartig, so real und fesselnd sein, dass die Menschen sie nie verlassen wollen würden. Gleichzeitig hoffe ich jedoch, sie würden es tun, zumindest lange genug, um zu duschen, zu essen und gelegentlich zu schlafen.

Frage: Wenn Sie in die Rolle eines Charakters aus einem Ihrer Bücher schlüpfen dürften, welchen würden sie dann wählen und warum?

Tad Williams: Ich könnte nicht behaupten, dass ich gerne einer von ihnen wäre. Sie befinden sich entweder inmitten eines Kampfes um Leben und Tod oder sie leben in einer Zeit, in der es nicht einmal fließendes Wasser gab. Oder beides.

Frage: Verbringen Sie selbst viel Zeit im Internet?

Tad Williams: Ich bin sehr viel im Internet unterwegs, jedoch kämpfe ich ständig mit mir selbst, einfach nur herum zu surfen oder wirklich interessante Seiten zu besuchen. Ich habe meine eigene Webseite (shadowmarch.com) und recherchiere sehr viel im Netz und lese mehr als nur ein paar Online-Medien-Seiten. Viel Zeit im Internet zu verbringen beißt sich, wenn ich nicht selbst aufpasse, zu oft mit meiner Arbeit und meiner Rolle als Vater. Und um einen alten Witz zu wiederholen: Ich denke nicht, dass jemals jemand auf seinem Sterbebett liegen wird und zurück blickend sagt: "Ich wünschte, ich hätte mehr Zeit damit verbracht, im Internet abzuhängen".

Die Fragen stellten Anja Gellesch und Andreas Lober

Eine Langversion dieses Interviews mit zusätzlichen Fragen zu reinen Game-Themen ist bei Games Dynamite zu finden.

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