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Interview mit US-Soziologe Sennett: "Die Stasi war eine Organisation wie Google"

Google speichert immer mehr Daten seiner Nutzer - und wird so immer mächtiger. Doch das wahre Problem ist nicht der Suchmaschinenkonzern, sondern der Staat, sagt US-Soziologe Richard Sennett im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Er profitiert am stärksten von der Sammelwut.

Google im Blick: "Die treibende Kraft hinter der Datensammelwut ist der Staat" Zur Großansicht
Getty Images

Google im Blick: "Die treibende Kraft hinter der Datensammelwut ist der Staat"

SPIEGEL ONLINE: Der Google-Geschäftsführer Eric Schmidt hat zum Thema Privatsphäre im Internet gesagt: Wer nicht wolle, dass bekannt wird, was er tut, solle es besser gleich lassen. Eine Welt, in der alle alles von allen wissen - ist das nicht das Ende unserer Privatsphäre?

Sennett: Ich glaube, dass die Privatsphäre immer größer wird, weil die Leute gern Dinge öffentlich machen, die sie vorher für sich behalten haben. Das erleichtert es, noch mehr Daten anzuhäufen: Aber die treibende Kraft hinter der Datensammelwut ist nicht das Internet oder Google, sondern der Staat. Dahinter steckt eine neue Art von Regierungsmentalität. Dieser Staat übt Macht durch Partikularismus aus, in dem er so viel wie möglich über die Individuen weiß, die er regiert.

SPIEGEL ONLINE: Sie beziehen ihre Kritik auf die Politik, aber Google ist doch ein Wirtschaftsunternehmen, auf dessen Daten der Staat zumindest nicht unbeschränkt zugreifen kann.

Sennett: Beide wollen Daten. Google ist ein kapitalistisches Unternehmen, die Firma gibt es, weil man mit Partikularismus auch Geld verdienen kann, nämlich mit gezielter Werbung. Es geht darum, einen neuen Markt zu schaffen, eine neue Art, wie man etwas vermarktet. Aber: Die Technik ist nicht der Feind. Wer sich um die Privatsphäre sorgt, sollte sich um die Regierung Sorgen machen, nicht um Google. Wer sich wirklich um die ökonomische Ausbeutung von persönlichen Daten Sorgen macht, sollte sich mit dem Kapitalismus beschäftigen, nicht mit Google. Google ist das Werkzeug, nicht die Ursache.

SPIEGEL ONLINE: Wie funktioniert die Machtausübung durch genaues Wissen?

Sennett: Man sieht das am besten im historischen Vergleich - die britischen Parlamentarier im 18. Jahrhundert machten Gesetze, ohne die Leute zu kennen, die sie regierten. Der Staat war kein Datensammler und das Gesetz wurde nicht für Zielgruppen maßgeschneidert. Das gab den Menschen einen enormen Schutz der Privatheit.

SPIEGEL ONLINE: Aber es ist doch ein Vorteil, realitätsnahe Gesetze zu machen.

Sennett: Aber es ist natürlich auch ein Herrschaftsinstrument. Großbritannien weiß heute alles über die Zahl der Ausländer im Land. Heute gibt es Gesetze, die auf muslimische Jungs in der zweiten Einwanderergeneration zielen. Man weiß alles über sie, deshalb kann man es machen. Es war vor drei Jahrhunderten unmöglich, auf diese Art Macht auszuüben. Die Computertechnik ist dabei nur ein Mittel, um mehr und mehr Informationen zu bekommen. Die Idee sie für politische Zwecke zu nutzen, gibt es schon viel länger.

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Forum - Weltmacht Google - wie gefährlich ist der Internet-Gigant?
insgesamt 2275 Beiträge
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1.
Acalot 09.01.2010
Zitat von sysopGoogle strebt auf vielen Gebieten nach vorn. Das marktführende Suchportal hat sich längst als innovatives, aber auch datenhungriges Unternehmen profiliert. Das führte zu heftiger Kritik und Warnungen. Ihre Meinung: Wie gefährlich ist der Internet-Gigant?
Sehr, er stellt vielleicht bald, eine unkotrollierbare riesige Datenbank mit Informationen über Millionen Internetnutzer, das ist schlimmer als wenn ein Staat das haben würde.
2.
Ferienhaus ImBirkenweg 09.01.2010
Zitat von AcalotSehr, er stellt vielleicht bald, eine unkotrollierbare riesige Datenbank mit Informationen über Millionen Internetnutzer, das ist schlimmer als wenn ein Staat das haben würde.
Schlimmer als ein Staat? Oo. Wenn man sieht, was Staaten in der Geschichte bisher alles mit der repressiven Verwendung riesiger Datensammlungen angefangen haben, dann hat Google noch sehr viel Spielraum. Mir wird Angst und Bange wenn Regierungen anfangen, derartige Datenbanken aufzubauen. Und mir wird Angst und Bange wenn einzelne Menschen die Kontrolle über derart große Unternehmen haben.
3.
homerjay S. 09.01.2010
Zitat von AcalotSehr, er stellt vielleicht bald, eine unkotrollierbare riesige Datenbank mit Informationen über Millionen Internetnutzer, das ist schlimmer als wenn ein Staat das haben würde.
...na ja,aber wenn Sie solche Angst haben,warum beteiligen Sie sich dann an einem Forum? Wenn Staat es wirklich will dann ist ihm Ihre Identität und Meinung doch nun hinlänglich bekannt. Ich für meinen Teil denke mir:Sollen sie doch ersticken in ihrem Datenmüll,letztenendes bleibt doch die Frage wer das alles auswerten soll und wem es nutzt? Irgendwann werden diese Sammler bemerken das der Aufwand in keinem Verhältnis zum Nutzen steht. Also: Ruhig Blut ;-)
4. Weltmacht Google
Dylan Hunt 09.01.2010
haben Sie:Die deutschlandcard,Aralcard oder sonstige payback-karten.Wenn nicht wir haben auch noch eine für sie.Einfach schön alles eintragen.Vergessen sie ihre E-Mailadresse nicht für unsere tausend Newsletter.Sie machen sich sorgen um den Datenschutz?Wir heißen doch nicht Google! manche brauchen wahrlich kein Google,das machen sehr,sehr viel schon selbst,oder? Mfg DH
5.
kontrovers 09.01.2010
Google agiert ja nicht im rechtsfreien Raum. Es ist daher etwas zu einfach, Google allein wegen der Datensammlung unter Generalverdacht zu stellen, gegen geltendes Recht zu verstossen bzw. es in der Zukunft auf Basis der Datensammlung tun zu wollen. Wir haben ein Parlament und eine mehr oder minder funktionierende Regierung. Es ist ihre Aufgabe, Konzernen wie Google, Apple, Microsoft, Intel und wie sie alle heissen klare rechtliche Vorgaben zu machen. Verstossen sie dann nachweislich dagegen, muss das auch harte Konsequenzen nach sich ziehen. Angefangen von Kartellstrafen bis hin zu einem Ausschluss aus dem EU-Markt. Aber wie gesagt - auf Basis geltender Gesetze, nicht "weil die eh groß und böse sind"...
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Zur Person
Der Soziologe Richard Sennett, 66, lehrt an der London School of Economics und an der New York University. Er wuchs als Sohn russischer Einwanderer in einem Armenviertel Chicagos auf, später studierte er in Harvard Soziologie und Geschichte. Bekannt wurde er mit seinem Buch "Verfall und Ende des Öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität", das schon 1977 erschien. Darin beschreibt er, wie die Preisgabe persönlicher Informationen den öffentlichen Diskurs ersetzt. Sennetts Bücher über die Folgen des modernen Kapitalismus, vor allem "Der flexible Mensch" machten ihm einen breiten Publikum bekannt. Sennett ist verheiratet mit der Soziologin Saskis Sassen.


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