Interview zur 7. Schachpartie "Irgendwann werden die Rechner unschlagbar"

André Schulz vom Deep-Fritz-Entwicklerteam Chessbase hat die siebte Partie Kramnik gegen Fritz aufmerksam beobachtet. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zieht er ein letztes Resümee vor dem Finale. Beim Punktstand von 3.5 zu 3.5 fällt die Entscheidung am Samstag.


André Schulz, Chefredakteur von Chessbase.de: Experte zwischen Schach und Rechner

André Schulz, Chefredakteur von Chessbase.de: Experte zwischen Schach und Rechner

SPIEGEL ONLINE:

Die siebte Partie endete im Remis. Wie hat sich Ihr Fritz heute geschlagen?

André Schulz: Gut. Kramnik hat heute versucht, Fritz mit einer sehr geschlossenen Position und blockierten Bauernketten langfristig umzulegen. Wenn es keine offenen Linien gibt, dann ist Fritz wie ein wilder Tiger, der in einem Käfig eingesperrt ist. Doch dann hat Fritz mit einem mutigen Bauernzug (f2-f4) dagegen gehalten und Kramnik aus seinen Träumen gerissen. Der hat auch nicht mehr sehr glücklich geguckt danach.

SPIEGEL ONLINE: Nach dem Schachkrimi vom Dienstag waren die Erwartungen enorm hochgeschraubt. Wie würden Sie die heutige Partie bewerten?

André Schulz: Wie ein 0:0 zwischen Bayern München und Borussia Dortmund. Ein Leckerbissen für Kenner, aber eher etwas langweilig für das breite Publikum.

SPIEGEL ONLINE: Die Ausgangslage heute war nicht ohne Tücken: Ein Sieg hätte das gesamte Match entscheiden können. Jetzt ist wieder alles offen, alles entscheidet sich im letzten Spiel, das so zum echten Finale wird. Was heißt das für Kramnik?

André Schulz: Das ist eine sehr zweischneidige Ausgangsposition für Kramnik. Wenn ihm in der nächsten Partie an irgendeiner Stelle die Nerven versagen, ist er geliefert. Er muss aber etwas riskieren, wenn er gewinnen will. Deep Fritz ist das alles egal. Der weiß ja nicht einmal, wie es steht, und auch nicht, dass es die letzte Partie ist. Ich bin gespannt, ob Kramnik aufs Ganze geht oder ein Remis ansteuert.

SPIEGEL ONLINE: Das Aufeinandertreffen von Mensch und Maschine ist nicht nur in schachlicher Hinsicht interessant. Kramnik bezeichnete manche Züge in den letzten Partien als "unmenschlich": Wo liegen die Unterschiede und Eigenarten der beiden Kontrahenten?

André Schulz: Mensch und Maschine finden ganz unterschiedliche Lösungen für die gleichen Probleme. Schachprogramme errechnen Schach immer konkret anhand bestimmter Varianten, Menschen fassen abstrakte Pläne. Menschen wollen gewinnen. Menschen wollen schön spielen, so wie Kramnik in der sechsten Partie. Computer wollen nur den besten Zug spielen und ihre Stellung verbessern. Das Computerschach ist eine echte Bereicherung. Manchmal haben die "Fischdosen" wirklich hübsche Ideen.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das alles für Sie als Entwicklerfirma von Fritz? Wo geht es noch hin mit dem Computerschach?

André Schulz: In der Leistungsspitze werden die Rechner irgendwann unschlagbar werden. Noch dauert das aber noch einige Zeit. Wir wollen nicht vergessen, dass Kramnik Deep Fritz am Anfang ordentlich im Schwitzkasten hatte und ja immer noch gewinnen kann.
Auf einer anderen Ebene hilft Computerschach, das Spiel noch populärer zu machen. Computerschach ist nicht nur in der Leistungsspitze interessant. Der Computer bietet auch tolle Möglichkeiten beim Schach lernen oder beim Verbinden von Schachspielern überall auf der Welt über das Internet. Wir haben gerade zusammen mit Terzio eine Schachlernsoftware für Kinder veröffentlicht…

SPIEGEL ONLINE: …die letzten Freitag auf der Frankfurter Buchmesse mit dem ersten Deutschen Kindersoftwarepreis ausgezeichnet wurde…

André Schulz: …und arbeiten intensiv an unserem Schachserver im Internet: schach.de. Schach ist ein ganz tolles Spiel, das Menschen überall auf der Welt verbindet und zwischen ihnen eine Gemeinschaft erzeugt. Schachspieler aus aller Welt treffen sich ständig auf Turnieren. Nie gibt es Konflikte auf Grunde von Herkunft, Religion oder was sonst auf der Welt üblich ist. Alle wissen, dass ihnen die Freude am Schach und damit an der spielerischen, intellektuellen Beschäftigung gemeinsam ist. Wir freuen uns, dass Schach derzeit ein spannendes Thema ist und hoffen, dass viele angespornt werden, sich mit Schach zu beschäftigen. Das nützt uns natürlich auch als Hersteller von Schachsoftware.

SPIEGEL ONLINE: Bevor es am Samstag ins Finale geht: Welche Züge der siebten Partie sollte man sich noch einmal in Ruhe ansehen?

André Schulz: Die Schlussposition ist eigentlich noch sehr interessant. Nach 29.f4 wird es eigentlich spannend und man könnte noch lange spielen.

Die Fragen stellte Frank Patalong

Der Flash-Ticker als Spielaufzeichnung:

Bis zum Beginn der jeweils neuesten Partie lässt sich das Fenster dazu nutzen, die letzte Partie noch einmal in Ruhe anzusehen. Die Vor- und Zurück-"Knöpfe" rechts unter der Tabelle funktionieren wie die Bedientasten eines Recorders.

Wichtig: Während der Live-Übertragung lässt sich das Fenster durch Drücken von "Strg" und "R" aktualisieren.

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Die Kommentatoren der Live-Ebene:

Anna Dergatscheva, russische Schachmeisterin
Julian Hodgson, Schach-Großmeister, Großbritannien
Daniel King, Schach-Großmeister, Großbritannien
Nigel Short, Großmeister und ehemaliger Kasparov-Herausforderer
Frederic Friedel, ChessBase (Deep-Fritz-Entwickler)
und andere...

Die Match-Termine:

Freitag, 4. Oktober
Sonntag, 6. Oktober
Dienstag, 8. Okober
Donnerstag, 10. Oktober
Sonntag, 13. Oktober
Dienstag, 15. Oktober
Donnerstag, 17. Oktober
Finale: Samstag, 19. Oktober

Die Partien beginnen jeweils um 14 Uhr MESZ

Ort der Veranstaltung: Manama, Bahrain



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