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IPTV gegen Web-TV: Die Raubritter des Codec

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Das Internet-TV in Deutschland kommt nicht vom Fleck: Die Telekommunikationsriesen stehen sich selbst auf den Füßen, kleine und schnelle Web-TV-Angebote drohen zur ernsthaften Konkurrenz zu werden. Echten Erfolg haben bisher vor allem die Illegalen.

Andrew Baron, der Gründer von Rocketboom, der wohl weltweit populärsten TV-Show im Netz, weiß gar nicht, worüber sich alle die Köpfe heiß reden. Für ihn ist alles klar, alles spannend, alles easy.

Telekom-Angebot T-Home: Sollte als erster IPTV-Dienst in Deutschland noch 2007 sechsstellige Kundenzahlen erreichen. Das Ziel gilt in der Branche längst als Science Fiction

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All diese großen Nummern werden Federn lassen, glaubt er, denn alles ist im Wandel. Und er wird einer derjenigen sein, die auf der Gewinnerseite stehen, wenn in der neuen Medienwelt nicht mehr nur das große Kapital, sondern auch das pfiffige Startup eine Chance bekommt. Kaum einer mehr wird den ganz großen Deal machen, aber alle haben eine Chance, ihre Brötchen zu verdienen in einer Medienwelt, in der die Zuschauer sich ihr Programm selbst zusammenpuzzeln. Alle, das sind die Teilnehmer des Fachkongresses "IPTV Outlook 2008: IPTV vs. WebTV" Anfang Juni in München. Ein Branchentreff der medialen Avantgarde.

Telekom-Manager treffen da auf Pay-TV-Experten, Web-Start-Up-Yuppies auf steife Managergestalten. Sie alle treibt letztlich eine Frage um: Wer macht das Rennen um das Fernsehen der Zukunft? Die großen Provider aus Medien- und Telekommunikationswelt mit ihrer "Telko-Speed" oder die kleinen flexiblen Startups mit ihrer "Web-Speed"?

Baron lächelt leise. Er ist ein kleiner, quirliger Mann mit einem freundlichen, immer ein wenig staunenden Blick. "Es wird beides geben", sagt er diplomatisch. Denkt kurz nach und wird deutlicher: "Aber Größe ist kein Vorteil."

Inkompatibel: Weltweiter versus Regionalvertrieb

Das ist kein visionäres Statement, sondern eine treffende Analyse der beobachtbaren Tatsachen. Rocketboom, die Mikro-Produktion aus New York, wird weltweit gesehen und inzwischen an mehrere Partner lizenziert. Vor zehn Jahren wäre Baron mit so etwas allenfalls im Lokalfernsehen gelandet. Die etablierten Riesen der TV-Landschaft hingegen tun sich schwer.

So erwähnt Daniel Bouhs in einem Artikel zum kommenden Boom des "Abruffernsehens" in der "Frankfurter Rundschau" fast beiläufig, dass sich das so heiß erwartete On-demand-Angebot der ARD wohl verzögern wird. Inkompatibilitäten zwischen den ach so verschiedenen Web-Services und Streaming-Angeboten der Länder-Sender im ARD-Netz sorgten für technische Probleme, größer noch aber seien die mit Recht und Lizenz.

"Ach was?" ist man da versucht zu fragen, denn alles andere wäre eine Überraschung gewesen. Dass die ARD-Sender sich schwer tun mit der Abklärung der rechtlichen Seite des Internet-TV, davon kann man auch beim Schweizer IPTV-Dienst Zattoo ein Liedchen singen. Der hätte bereits im Juni in Deutschland verfügbar sein sollen, ist es aber nicht - aus oben geschilderten Grund. Dass die ambitionierten Online-Pläne der ARD aus vertragsrechtlichen Gründen so schnell nicht würden umgesetzt werden können, das prophezeite die Fachzeitschrift "sat und kabel" bereits im Mai.

Ähnliche Probleme hat Joost, die zeitweilig so heiß gehandelte Internet-TV-Plattform des Kazaa- und Skype-Gründers Niklas Zennström. Zwar läuft die Software, wenn nur Rechner und Grafikkarte fit genug sind (was allerdings nur bei neueren Geräten der Fall ist), doch bei den Programmen hapert es gewaltig: Wirklich große, populäre Inhalte sind nicht zu finden.

Auch das ist nicht verwunderlich. Dienste wie Joost oder Zattoo konkurrieren direkt mit regionalen (hier im Gegensatz zu "weltweit" gemeint) IPTV-Diensten wie der einst als Würze im Triple-Play bejubelten T-Home-Plattform der Telekom. Die Inhalte-Produzenten stehen also vor der Wahl, ob sie ihre Ware weltweit lizenzieren wollen oder selbst innerhalb kleiner Regionen mehrfach abkassieren. Der gewachsene Inhalte-Markt ist ganz auf die Vermarktung innerhalb regionaler Strukturen eingestellt. Daran hängen ganze Branchen, die mitkassieren wollen. Joost und Co. sind da noch echte Fremdkörper.

Inkompatibel: Deutschlands TV-Landschaft und Gebühren

Doch das garantiert den regionalen Diensten den Erfolg ganz und gar nicht. Beim rosa Riesen, bei Alice, Arcor und anderen Net-on-demand-Diensten dürften inzwischen Kirch-hafte Gefühle herrschen: Wie der einst größte Medien-Tycoon Deutschlands machen nun die Telkos die Erfahrung, dass der deutsche Markt nicht unbedingt auf Pay-TV-Angebote wartet.

Der Markt ist nämlich besetzt: Das kostenpflichtige Bezahlfernseh-Marktsegment wird hierzulande von ARD und ZDF okkupiert – in der Wahrnehmung der Zuschauer ein gefühltes Pay-TV.

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So steht sich bei der Einführung von IPTV-Angeboten sowohl die Providerbranche, als auch die hiesige TV-Landschaft selbst auf den Füßen. Es sind die Inkompatibilitäten der Technik, Lizenz-, vor allem aber strategische Probleme, die ausgerechnet die großen, legal operierenden Player behindern: Sie setzen auf groß, schön und gründlich und stehen gegen schnell, klein und beweglich. In der zweifellos kommenden Internet- und On-demand-TV-Welt konkurrieren letztlich nur zwei große Modelle, die sich auch an der Verbreitungstechnik festmachen.

Auf der einen Seite stehen große, kommerzielle Anbieter aus der Medien- und Telekommunikationswelt, die an die dicke Leitung glauben. Sie gehen davon aus, dass man Kunden gewinnen kann mit Services, die per Breitband qualitativ hochwertige, am besten noch Programme in HD übertragen. Dafür, so glaubt man bei Telekom, maxdome, Kabelfirmen und zahlreichen on-demand-Anbietern, werden Kunden auch Geld bezahlen.

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