Irakkrieg Anonymous leakt Akten zum Haditha-Massaker

Gerichtsakten, Protokolle, Absprachen: Anonymous-Aktivisten haben E-Mails einer Anwaltskanzlei veröffentlicht, die einen US-Soldaten wegen eines schweren Kriegsverbrechens vertreten hatte. Aus Rache hatten Marines 24 irakische Zivilisten ermordet, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen.

Gehackter Puckett, angeklagter Wuterich (Archivbild): Anonymous übt Vergeltung
REUTERS

Gehackter Puckett, angeklagter Wuterich (Archivbild): Anonymous übt Vergeltung


Hamburg - Es sind rund 2,6 Gigabyte Daten, zunächst veröffentlicht im anonymen Tor-Netzwerk, dann über das Torrent-Verzeichnis The Pirate Bay: Anhänger des Web-Kollektivs Anonymous haben sich offenbar Zugang zu E-Mails der Anwaltskanzlei Puckett & Faraj verschafft und diese ins Netz gestellt.

Die Kanzlei hatte den US-Soldaten Frank Wuterich vertreten, der an einem Massaker an irakischen Zivilisten vor sieben Jahren beteiligt war. Stundenlang waren US-Soldaten am 19. November 2005 unter Wuterichs Kommando durch die irakische Stadt Haditha gezogen und hatten auf unbewaffnete Bewohner gefeuert. 24 Menschen starben, darunter zehn Frauen und Kinder. Allen acht beschuldigten Soldaten blieb eine Gefängnisstrafe letztlich erspart - Wuterich wurde lediglich degradiert, nachdem er sich schuldig bekannt hatte.

Nun sind die Gerichtsakten, Protokolle von Vernehmungen und persönliche Informationen über Wuterich öffentlich. Die Anonymous-Anhänger nennen ihn einen "kaltblütigen Killer" und wollen mit der Veröffentlichung auf das "korrupte Gerichtswesen" und die "Brutalität des US-Imperialismus" aufmerksam machen. Um diese Nachricht zu verbreiten, hatten sie die Website der Kanzlei am Freitagnachmittag gehackt. Sie beklagten außerdem, dass der mutmaßliche WikiLeaks-Informant Bradley Manning ein weitaus harscheres Urteil erwarte.

Wie Gawker berichtet, sind in den nun veröffentlichen E-Mails auch allerhand persönliche Daten von Personen, die mit dem Haditha-Fall nichts zu tun haben. Unter anderem seien nun Akten aus einem Vergewaltigungsprozess öffentlich, in dem die Aussagen von Opfern, deren Identität bisher geschützt wurde, mit vollem Namen gekennzeichnet werden. Auch die E-Mails eines Anwalts, der einen Guantanamo-Insassen verteidigt hatte, und dessen Telefonverbindungsdaten seien darunter.

In einer der E-Mails soll sich der Anwalt Neal Puckett bewundernd über seinen Klienten Wuterich äußern. Dieser sei ein Held, weil er die Verantwortung für seine Kameraden übernehme. Die Website der Kanzlei Puckett & Faraj war noch am Dienstag nicht erreichbar. In einer von Anonymous veröffentlichen E-Mail äußerte ein mutmaßlicher Mitarbeiter, dass die angekündigte Veröffentlichung der E-Mails die Kanzlei zerstören"könne.

Am Freitag hatten Anonymous-Aktivisten außerdem einen Coup gelandet: Sie konnten sich offenbar in eine Telefonkonferenz der US-Bundespolizei FBI und Scotland Yard einklinken, in der es um Anonymous ging. Der Mitschnitt landete auf YouTube, das FBI bestätigte die Echtheit der Aufnahme.

ore



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infoseek 07.02.2012
1. Schade
Dass die Vorgänge um Haditha und den Prozess (der offenbar eine Farce war) öffentlich werden, kann man moralisch absolut rechtfertigen. Nicht zu rechtfertigen ist hingegen, dass Anonymous das Material nicht gesichtet hat und so auch Namen von Vergewaltigungsopfern öffentlich werden (so denn diese Information stimmt und es sich nicht um gezielte Desinformation zum Zweck der Diskreditierung von Anonymous handelt - da muss man mittlerweile durchaus genauer hinsehen).
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