Iran Weblogs schaffen Freiheit

Vergeblich bemühen sich die iranischen Mullahs, der oppositionellen Studentenbewegung den Mund zu verbieten. Weblogs werden mehr und mehr zum Königsweg, staatliche Zensur zu umgehen: Sie bieten dem Leser Nachrichten aus erster Hand.


Studentenproteste in Teheran (am 16. Juni): Das Web ist nicht zum Schweigen zu bringen
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Studentenproteste in Teheran (am 16. Juni): Das Web ist nicht zum Schweigen zu bringen

Nach den Studentenprotesten in Iran Mitte Juni war "Iranian girl" geradezu euphorisch. "Von diesem Moment an habe ich keine Zweifel, dass die Freiheit bald kommt, viel früher als es selbst optimistische Politiker erwarten", steht unter dem Eintrag vom 14. Juni auf der Web-Site iraniangirl.blogspot.com. Eine von zahlreichen Internet-Seiten, auf denen Iraner anonym ein öffentliches Tagebuch führen - und Kritik an der Regierung üben, die sie sich sonst nicht erlauben könnten.

Die ihren eigenen Aussagen zufolge überwiegend jungen Autoren haben eine Nische zur freien Meinungsäußerung entdeckt: Die so genannten Weblogs, die sich auch in Deutschland zunehmender Beliebtheit erfreuen. Weblogs sind formlose Einträge auf einer privaten Web-Site, oft nur Notizen, die sich mit Erlebnissen und Gedanken des Schreibers oder mit anderen Internet-Angeboten befassen und so eine Art elektronisches Log- oder Tagebuch ergeben.

Die Blogger treten in der Regel anonym auf und können angesichts des geringen Aufwands für ihr Angebot rasch die Adresse wechseln. "Iranische Jugendliche sind wahre Experten auf diesem Gebiet", sagt der in Berlin lebende iranische Politologe Syrous Rusta.

Einige iranische Blogger schreiben auf englisch, bei amiroot.blogspot.com finden sich sogar Einträge auf deutsch. Ein Zeichen dafür, dass sich die Autoren auch gezielt ans Ausland wenden.

Offenbar mit Erfolg: Auf einen verzweifelten Tagebucheintrag von "Lady Sun", die Anfang Juli die Verhaftung von rund 4000 Menschen beklagte, antwortete "ein Amerikaner": "Haltet durch. Die iranische Regierung ist mit ihrer Atomtechnik auf einem gefährlichen Weg, und es würde mich nicht wundern, wenn wir dort innerhalb der kommenden 12 bis 20 Monate etwas gegen Atomwaffen unternehmen müssten."

Eine Einmischung der USA wird auf den Webseiten allerdings sehr kontrovers diskutiert. So kritisiert "Nonblogger Ali" den amerikanischen Journalisten Michael Ledeen, der in mehreren Artikeln für die "National Review Online" einen "Regimewechsel" in Iran gefordert hatte. "Mr Ledeen! Können Sie garantieren, dass wir unter einer anderen Regierung (mit Unterstützung ihres Landes) Demokratie bekommen werden?" fragt der Student, der auch die Demonstrationen seiner Kommilitonen kritisiert: "Diese Proteste sind zum Scheitern verurteilt, weil sie unorganisiert sind. Die einzige Folge sind verletzte und verhaftete Studenten, die immer die Kosten unnützer Bewegungen tragen."

Die staatliche Reaktion

Kämpfen müssen die Blogger derweil um ihren Freiraum: Die Regierung, heißt es bei hoder.com, habe alle iranischen Internet-Provider aufgefordert, diese und andere Seiten zu sperren. "Iranian girl" berichtete am Samstag, sie könne mehrere Weblogs nicht aufrufen.

Einen wahren Aufruhr gab es innerhalb der Blogger-Szene, als der US-Fernsehsender CNN unter dem Titel "Tagebuch einer Prostituierten erzielt in Iran höchste Trefferzahlen" über die Weblogs berichtete. Diese Form von Berichterstattung liefere der Regierung den perfekten Vorwand für eine verschärfte Zensur des Internet, schreibt "Lady Sun" und bittet um Unterstützung für eine Petition an CNN.

Das wiederum ärgert "Iranian girl". Natürlich sei Sex für viele Surfer attraktiv, schreibt sie: "Wir leben in einem Land mit wenig Freiheit und Straßen voller Wachleute, die Jungen und Mädchen verhaften, wenn sie gemeinsam auftreten. Warum sollten wir uns nicht die Freiheit nehmen, über etwas zu lesen, was in unserem Land so stark eingeschränkt wird?"

Auch nach den jüngsten Studentenprotesten ist die Debatte über den richtigen Weg zur Freiheit in Iran also in vollem Gange. Aber es wird wohl noch dauern, bis sich die Wünsche von "Lady Sun" erfüllen: "Ich will einfach, dass diese Massaker enden. Ich will, dass meine Sandkastenfreunde aus der Nachbarschaft wieder nach Hause kommen. Ich will, dass die Verletzungen heilen."

Barbara Schäder, ap



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