Iraqiscope Bagdads YouTube zeigt den echten Irak

Im Irak blüht eine neue Medienszene: Mit Filmen, die die Kriegswirklichkeit überwinden, mischt die Videoplattform Iraqiscope kräftig mit. Hinter der Seite steckt ein Deutscher.

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Zum Beispiel dieses: Ein älterer Herr mit Schnauzer erklärt, wie man Falafel zubereitet, seine Stimme wird vom Rattern der Küchengeräte begleitet. Oder dieses hier: Ein junger Kerl, schick gekleidet, trinkt in seinem geparkten Jeep heimlich Alkohol. Oder auch dieses: Ein Jugendlicher raspelt auf seiner Gitarre, ein verblichenes Poster von den Beatles klebt an der Wand. Alles Videos auf der Internetseite Iraqiscope.org - ein irakisches YouTube aus einem Land, das für gewöhnlich nur Bilder voller Gewalt und Greuel zu bieten hat.

Die Filme sind Arbeiten von jungen Regisseuren, Hobbyfilmern oder Laien. Mal kunstvoll in Szene gesetzt, mal mit wackelnder Handkamera gedreht, zeigen sie das Zweistromland aus einem Blickwinkel, der westlichen Medien verborgen bleibt.

Hinter der Internetseite steckt Klaas Glenewinkel. In Berlin leitet der 37-Jährige gemeinsam mit seiner Kollegin Anja Wollenberg MICT International. MICT bildet Journalisten in Krisengebieten aus und installiert dort verschiedenste Medienprojekte.

Seit 2004 leistet Glenewinkel ideelle Aufbauhilfe im Irak, viermal hat er bereits das Land bereist: "Wir erleben dort in den letzten Jahren eine wahre Medienexplosion." Mit dem Fall des Saddam-Regimes seien auch die Hemmungen gefallen. Radiostationen, Zeitungen und TV-Sender schießen wie Pilze aus dem Boden. "Die Iraker", so Glenewinkel, "entdecken ihre eigene Meinung und wollen sie kundtun." Und während westliche Medien ihren Blick nicht über die Green Zone Bagdads herausbekommen, filmen die jungen irakischen Medienmacher mitten aus dem Herzen eines uns unbekannten Landes.

"Die Welt da draußen muss unsere Perspektive kennenlernen, sie muss den Irak durch unsere Augen betrachten" - Hadi Mahoods Stimme klingt flehend und fordernd zugleich. Mahood, 47, ist eifriges Mitglied von Iraqiscope. Der Regisseur stammt aus Samawa, einer Stadt im Süden des Landes, etwa so groß wie Potsdam, durchschlängelt vom Euphrat. Filme macht Hadi Mahood, seit er 19 ist, seit 1979. Damals kam Saddam an die Macht. Mahood lernte am Institute of Fine Arts in Bagdad, eine Kamera zu bedienen. Und er studierte Kunst an der University of Bagdad. Dann schickte Saddam Truppen in den benachbarten Iran, der erste Golfkrieg begann. Mahood floh nach Saudi-Arabien und betrieb von dort mit anderen Oppositionellen einen Saddam-kritischen Radiosender.

"Jeder Augenschlag eine Geschichte"

Und immer drehte er: "Meine Kamera habe ich immer im Auto bei mir - jeder Augenblick erzählt mir eine Geschichte, alles kann später Material für eine Dokumentation sein." Seine Filme gewinnen mittlerweile Preise auf internationalen Festivals. Seit dem Ende von Saddam lebt Mahood wieder im Land, zusammen mit seiner Frau und vier Kindern. Und wieder dreht er. Im vergangenen Jahr wurde sein Werk "Iraq, My Country" beim Arab Film Festival in Rotterdam ausgezeichnet.

Trotz der Versuche von Hadi Mahood und seiner Kollegen steckt die Medienwelt Iraks noch in den Kinderschuhen. Der Presse fehlt die nötige Unabhängigkeit und der Bevölkerung vielerorts der Zugang; ein "enormes Medienmisstrauen" muss laut Klaas Glenewinkel überwunden werden. MICT International packt daher möglichst früh an. Vor allem an den Hochschulen des Landes schaut sich die Organisation um: "Die Überlegung war: Wie wird die Medienszene nach Saddam aussehen? Amerikanisch? Iranisch?" Die Studenten und Filmemacher entschieden sich für irakisch.

Finanziert wird MICT unter anderem vom Auswärtigen Amt. Im Irak hat die Organisation mittlerweile ein Korrespondentennetzwerk, das die Möglichkeiten der lokalen Medien übersteigt. Texte, Dokumentarfilme und Radiosendungen werden für die eigenen Websites produziert, aber auch in irakischen Medien plaziert. Bei aller Euphorie bleibt für Initiator Glenewinkel dennoch ein Manko: "Den einfachen Iraker erreichen wir nur indirekt."

Kritik hinter Mickey-Mouse-Masken

Iraqiscope solle daher nicht nur Videoplattform für eine heile Welt sein - Probleme thematisiert die Website ebenso. In der Rubrik "masked films" schützen sich Iraker hinter hässlichen Masken oder im Halbdunkel und sprechen offen über Vergewaltigung, Korruption und Religionsverfolgung. "Wer sich nicht hinter einer Mickey-Mouse-Maske versteckt", so Glenewinkel, "muss damit rechnen, für das, was er sagt, getötet zu werden".

Doch Glenewinkel ist überzeugt, dass die Plattform Erfolg haben wird. Nach zwei Monaten haben sich bereits über 50 Mitglieder angemeldet. In Web-2.0-Größenordnungen nichts Beeindruckendes, doch für irakische Verhältnisse eine kleine Sensation.

In ihren Beiträgen zeigen sich die Iraker höchst unterschiedlich, doch tragen sie alle die gleiche Hoffnung in sich. Zum Beispiel hier: Ein 15-jähriges Mädchen, unverschleiert, ihre Finger proben erste Schritte auf einem Keyboard. Es klingt nicht besonders schmeichelnd. Doch sie hat einen Traum, der wohl in vielen Kinderzimmern dieser Welt zu finden ist: Sie will eine berühmte Musikerin werden.

Ein erster Gästebucheintrag unter dem Video lautet: "Ich wünsche ihr, dass ihr eine wunderbare Zukunft bevorsteht." Er könnte das Mädchen meinen, oder aber das ganze Land.



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