Studie Frauen geben bei IS-Propaganda den Ton an

Bei der Verbreitung von islamistischer Propaganda im Web sind Frauen besonders effektiv. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie über den "Islamischen Staat" und das russische Netz VKontakte.

Logo von VKontakte
REUTERS

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Nach einem Anschlag wie dem in Orlando schlagen die Wogen hoch in den Social Media - auf der einen Seite drücken Hunderttausende Menschen ihre Trauer und Solidarität mit den Opfern aus.

Aber es gibt natürlich auch ganz andere Reaktion im Netz: Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) preisen Tat und Täter als gerechtfertigt und nachahmenswert. Bei Facebook und Twitter werden islamistische Fan-Gruppen oder Accounts mittlerweile sehr schnell aufgespürt und gelöscht - anders dagegen beim russischen Netzwerk VKontakte: Auch hier gibt es zuweilen Eingriffe des Betreibers - insgesamt aber fällt die Kontrolle deutlich laxer aus.

Das Facebook-Pendant mit seinen über 350 Millionen Useraccounts ist also ein beliebter Hafen für IS-Unterstützergruppen; für die gezielte Ansprache eines russischsprachigen "Publikums" islamischen Glaubens etwa in Tschetschenien, aber auch für die internationale Zielgruppe in aller Welt.

Um sich ein Bild davon zu machen, wie aktiv der IS auf VKontakte ist, durchforstete ein Team von Informatikern, Psychologen und Kriminologen von verschiedenen US-Universitäten das Netzwerk zunächst nach Hashtags, die auf einen IS-freundlichen Hintergrund schließen ließen - also z.B. #isis oder #caliphate und deren Varianten auf Russisch oder in anderen Sprachen. Und anschließend verfolgten die Forscher zwei Monate lang Tag für Tag, wie die identifizierten Gruppen bzw. ihre Einzelmitglieder oder Follower kommunizierten und wie sie vernetzt waren.

Frauen-Botschaften sind besonders "viral"

Das Resultat: ein "Social Graph", ein Beziehungsgeflecht von insgesamt 41.880 Personen. Etwas, für das sich normalerweise Werbefachleute und Meinungsforscher interessieren, denn in jedem Netzwerk gibt es besonders "einflussreiche" und effektive Knotenpunkte. Bei den IS-Unterstützergruppen auf VKontakte entpuppten sich weibliche Mitglieder als besonders "viral": Sie waren überdurchschnittlich gut vernetzt und kommunizierten häufiger und offenbar "erfolgreicher".

Und das war keineswegs nur ein Indiz für einen besonders vertrauten Umgang mit moderner Technik, so sehen es die Wissenschaftler: Sie analysierten zum Vergleich ein "extremistisches Netzwerk unter Druck" aus analogen Zeiten. Und fanden eindeutige Parallelen - auch beim Untergrundkampf der PIRA (Provisional Irish Republican Army) in Nordirland in den Siebziger- und Achtzigerjahren spielten Frauen eine ähnlich zentrale Rolle bei der Kommunikation.

Ob der Blick in die Geschichte hier wirklich etwas taugt, ob die Ergebnisse wirklich signifikant sind - da bleiben leichte Zweifel angebracht. Zum Teil weisen die Studienautoren selbst darauf hin: Die Untersuchung bilde natürlich nur einen kleinen und zeitlich begrenzten Ausschnitt der IS-Aktivitäten im Netz ab.

Gegenstrategien müssen bei Frauen ansetzen

Der "Social Graph" sei zwar vermutlich repräsentativ, aber letztlich könne es "unzählige externe Faktoren" geben, die die Struktur eines konkreten Netzwerks bestimmen würden. Ganz ausdrücklich betonen die Forscher, ihre Arbeit sei nicht als Aufforderung an Geheimdienste oder Ermittlungsbehörden zu verstehen, die so wichtigen "weiblichen" Netzknoten gezielt "auszuschalten".

Im Gegenteil: Eine erfolgversprechende Strategie zur Bekämpfung der IS-Propaganda, also z.B. Netz-Initiativen zur Ent-Ideologisierung und De-Radikalisierung müsse dort ansetzen, wo sie sich am effektivsten verbreiten würde - bei den weiblichen Multiplikatorinnen also, schreiben die Autoren.

Vom reinen Netzwerkmodell her gedacht mag das stimmen - ob sich die Empfehlung auch in der Realität umsetzen lässt, ist eine ganz andere Frage.

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