Israel und Palästina: Friedensbemühungen auf Facebook

Von Florian Mebes, Tel Aviv

YaLa Young Leaders - Die Jungen im Nahen Osten organisieren ihr Engagement für Frieden online. Wenn schon persönliche Besuche durch die Politik unmöglich gemacht werden, kann dann wenigstens die Generation Facebook zusammenfinden?

Naher Osten: Frieden via Facebook? Fotos
AP

"Wir kommunizieren", sagt Mohammad al-Hadsch, und benennt damit gleich den Kern dessen, worum es ihm geht. Der 31-jährige Palästinenser sitzt an einem sonnigen, kalten Februarnachmittag im Obergeschoss eines Cafés in Ramallah. Unten die Alten mit Wasserpfeife und Kaffee. Oben die Jungen mit W-Lan und Laptop. Al-Hadsch ist freiberuflicher Fotograf und mitverantwortlich für das Fotografenportal der Facebook-Bewegung YaLa Young Leaders, die mittlerweile fast 53.000 Unterstützer hat. Er ist ein Friedensaktivist der neuen Generation. "Ich habe Freunde auf der ganzen Welt, doch liegt es nicht nahe, sich intensiver um seine Nachbarn zu kümmern?" Und damit meint Al-Hadsch nicht nur seine arabischen Nachbarn - ihm geht es um Versöhnung mit jungen Israelis.

Dazu braucht es Geduld und die Bereitschaft, ständige Rückschläge zu ertragen. Die Friedensgespräche zwischen israelischen und palästinensischen Unterhändlern sind gerade wieder einmal gescheitert. Ägyptensteht am Scheideweg: Die Muslimbrüder gewannen die Wahlen nach der Revolution und warten auf die Machtübergabe durch die Militärregierung. Immerhin: Der Friedensvertrag mit Israel soll weiterhin gelten. In Syrienschlägt Assad einen Aufstand blutig nieder. Im Libanon sitzt die Terrororganisation Hisbollahin der Regierung und hat ihre Raketen auf Israel gerichtet.

Das Internet als einzige Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch

Al-Hadsch und seine Mitstreiter aus Israel aber sind überzeugt, dass der persönliche Kontakt, das persönliche Engagement der Jungen etwas verändern kann an der verfahrenen Situation. Die Onlinebewegung YaLa Young Leaders wurde im Mai 2011 mit Unterstützung des israelischen Peres Center for Peace ins Leben gerufen. Ein Verwaltungskomitee aus zwölf jungen Frauen und Männern, darunter vier Israelis und vier Palästinenser, ist verantwortlich. Das Internet bietet für viele in der Region die einzige Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch. Israelis können nur nach Jordanien oder Ägypten reisen, in die übrigen Nachbarländer nicht. Und Araber nicht nach Israel. Was die politische Situation verbietet, ermöglicht das Internet: Die Seite verzeichnet 17.000 Unterstützer aus Ägypten, 4.000 Israelis und 4.000 Palästinenser. Bürger arabischer Staaten machen 75 Prozent aller Mitglieder aus - vom Irak über Saudi-Arabien bis hin zu Libyen.

Es ist einfach, vor dem Bildschirm zu sitzen und mit dem Anklicken des "Gefällt mir"-Buttons sein Wohlwollen zu bekunden, dessen sind sich die israelischen Administratoren Tom Dolev, 26, und Naama Shamgar, 31, bewusst: "Letztendlich müssen wir die Nutzer vom Platz vor dem Bildschirm auf die Straße bringen, sie zum aktiven Handeln bewegen, um etwas zu erreichen." Gleich mehrere Projekte sind dazu auserkoren: die Art Gallery, ein Musik- und Spieleportal, ein Ausbildungsprogramm für Programmierer und ein Bildungsportal namens Academy.

"Die jungen Menschen hier sind sehr engagiert und möchten etwas verändern. Und sie verlangen Mittel und Wege, um das herbeizuführen", fügt Dolev hinzu. Die Acadamy soll zu einer gebührenfreien Online-Universität heranwachsen. Bildung ist besonders in den arabischen Ländern eine Frage des Geldes, abhängig vom Einkommen der Eltern oder der Regimekonformität der Bewerber für staatliche Unterstützung. Internationale Dozenten sollen den Studierenden die Werkzeuge zum konkreten Handeln in die Hand geben. Verhandlungen mit namhaften US-Universitäten wie Harvard und dem MIT sind erfolgversprechend. Deutsche Universitäten sind auf dem Wunschzettel der Organisatoren direkt darunter aufgeführt.

In Vorlesungen und Workshops zu den Schwerpunkten Regierungsführung, Management, Kommunikation und soziale Medien sollen die Studenten ihre Kenntnisse vertiefen, um dann gezielt aktiv zu werden und später Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen.

Vorurteile abbauen

Doch erst müssen Vorurteile abgebaut werden, auf beiden Seiten. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die erste virtuelle Nahost-Friedenskonferenz im Januar diesen Jahres. Die Präsidenten Shimon Peres und Mahmud Abbas, die US-Außenministerin Hillary Clinton und die Vizepräsidenten von Microsoft und Facebook schickten per Video Grußbotschaften. Mithilfe einer Facebook-Applikation kamen an zwei Tagen über 40.000 Menschen zusammen. Resultat der Konferenz ist die durch die Administratoren verfasste "Agenda für die Zukunft", die eine Grundsatzerklärung und einen Aufruf zum Handeln umfasst.

Ein weiterer elementarer Punkt ist der alltägliche Erfahrungsaustausch auf der Pinnwand, auf der auch Kritik geübt werden soll. Hasstiraden, die immer wieder auftauchen, da der Zugang öffentlich ist, werden von den Administratoren gelöscht. Besonders erwünscht sind Bilder, die den Alltag der Beteiligten dokumentieren.

"Wir sind nicht interessiert an blutiger Propaganda. Ich kann zum Beispiel nicht nach Tel Aviv fahren, obwohl es nur 60 km entfernt liegt und bin daher immer wieder von den Fotos der Israelis begeistert", berichtet al-Hadsch, der in der Art Gallery Ambitionen entwickelt. Fotografen aus der Region können sich um eine Aufnahme bewerben. Seine zwei israelischen Partner und er wählen dann nach Talent und Motivgestaltung aus.

So nahmen sie eine junge Fotografin aus Beirut auf, die sich in ihren Arbeiten auf die Suche nach Spuren jüdischen Lebens im Libanon begibt. Für eine Fotoserie setzte sie jüdische Artefakte ins Licht: Eine Muslimin, die aus deutschen Beständen erworbene jüdische religiöse Gegenstände ins Zentrum ihrer Fotografien stellt.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. frommer wunsch
ziegenzuechter 26.02.2012
ein frommer wunsch. aber nur von denen fuer die facebook eine aehnlich wichtige rolle als religion einnimmt wie ihr glaube. die religioesen hardliner auf beiden seiten interessiert das nicht die bohne und die werden auf absehbare zeit die politik bestimmen. man sollte die moeglichkeiten die facebook hat nicht unter- aber sicher auch nicht ueberschaetzen.
2. Veränderung beginnt in den Köpfen
manschu 26.02.2012
Zitat von ziegenzuechterein frommer wunsch. aber nur von denen fuer die facebook eine aehnlich wichtige rolle als religion einnimmt wie ihr glaube. die religioesen hardliner auf beiden seiten interessiert das nicht die bohne und die werden auf absehbare zeit die politik bestimmen. man sollte die moeglichkeiten die facebook hat nicht unter- aber sicher auch nicht ueberschaetzen.
Natürlich kann so eine Seite nichts ausrichten. Aber sie wirkt vielleicht bei Einigen gegen die Mauern in den Köpfen. Und sei es nur, dass die nicht so schnell wachsen. Wie unfassbar massiv diese Mauern bei den meisten Menschen in der Region sind, ist für uns kaum vorstellbar.
3. Der richtige Weg!
Martin2 26.02.2012
Man kann den Organisatoren nur viel Glück und Durchhaltevermögen für diese absolut ehrenwerte und zukunftsträchtige Ansinnen wünschen!
4. Generation Facebook
Heinz-und-Kunz 26.02.2012
Wo habe ich das nur gehört? Ach ja, richtig! Das waren die tollen, liberalen Freiheitskämpfer, die den 'arabischen Frühling' in Ägypten ins Rollen gebracht haben. Das gleiche Ägypten, dessen Bürger den Islamisten eine 70% Mehrheit im Parlament beschert haben. Wer immer noch glaubt, ein wenig Internet könnte in der Gegen was ändern, hat wohl das letzte Jahr verschlafen.
5. Chancen
joachim_m. 26.02.2012
Zitat von Heinz-und-KunzWo habe ich das nur gehört? Ach ja, richtig! Das waren die tollen, liberalen Freiheitskämpfer, die den 'arabischen Frühling' in Ägypten ins Rollen gebracht haben. Das gleiche Ägypten, dessen Bürger den Islamisten eine 70% Mehrheit im Parlament beschert haben. Wer immer noch glaubt, ein wenig Internet könnte in der Gegen was ändern, hat wohl das letzte Jahr verschlafen.
Also lieber gleich Diktatoren? Was glauben Sie denn, wer die Islamisten stark gemacht hat? Eben, die diktatorischen Lieblinge von Washington und Moskau sowie deren Gefolge, was Deutschland einschließt, die ihre Völker ausgeplündert und in Unbildung gehalten haben. Und im übrigen, soweit es die jungen Palästinenser und Israelis betrifft, ist es noch eine ganz andere Situation. Hier geht es weniger um die Frage der Demokratie sondern vorrangig um die Frage von Krieg oder Frieden. Ich sehe es jedenfalls sehr positiv, wenn die jungen Leute, die aus sehr durchsichtigen Gründen von beiden Seiten daran gehindert werden, sich zu begegnen, über das Internet miteinander kommunizieren können. Ob sie es schaffen werden, etwas zu ändern, ist mehr als fraglich, zumal die Hardliner auf beiden Seiten alle Mittel nutzen, die jungen Menschen von klein auf gegen die jeweilige andere Seite aufzuhetzen. Aber es ist eine Chance und ich hoffe, dass möglichst viele diese nutzen, denn mit jedem Einzelnen, der sich der Kriegspropaganda verweigert, steigt die Chance, die Kriegstreiber von beiden Seiten aus ihren Ämtern zu jagen.
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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.

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