Israelische Facebook-Kampagne "Iraner, wir lieben euch"

Schöne Fotos, klare Botschaft: Ein Designer aus Tel Aviv hat mit einem privaten Foto eine Facebook-Kampagne gestartet. Unter ein Porträt von sich und seiner Tochter schrieb er: "Iraner, wir werden euer Land nicht bombardieren. Wir lieben euch." Nun folgen Tausende seinem Beispiel.

Von Florian Mebes, Tel Aviv

Pushpin Medina

Es geht hektisch zu bei Michal und Ronny Edry, in ihrem Apartment in einem der ruhigen bürgerlichen Viertel Tel Avivs. Alle fünf Minuten klingelt das Handy, das zwischen zwei Laptops und einem Desktop-Computer auf dem großen Ess- und Arbeitstisch liegt. Ständig rufen Journalisten an, für den Nachmittag hat sich ein Team eines arabischen Fernsehsenders angekündigt. "Wir haben wirklich nicht damit gerechnet, dass die drei Worte 'Wir lieben euch' so viel Aufmerksamkeit erregen könnten", sagt die 35-jährige Michal Edry. Aufmerksamkeit erregte der Satz aber, denn das auf Facebook publizierte "Wir lieben euch" der Edrys gilt der iranischen Bevölkerung.

Wie es zu dem Medienrummel kam, erzählt Michal Edry, während sie ihren einjährigen Sohn im Arm hält. Vergangene Woche veröffentlichte ihr Mann Ronny, ein 41-jähriger Grafikdesigner und -lehrer, ein Foto auf der Facebook-Pinnwand ihrer gemeinsamen Grafikschule Pushpin Mehina.

Das Poster zeigt Ronny Edry mit der fünfjährigen Tochter auf dem Arm, darunter steht der Slogan: "Iraner - wir werden euer Land nicht bombardieren - wir lieben euch." Edrys Kommentar zum Bild beginnt mit den Worten: "An das iranische Volk, an die Väter, Mütter, Kinder, Brüder und Schwestern ... Bevor es zum Krieg kommt, müssen wir uns voreinander fürchten, müssen wir einander hassen. Ich habe keine Angst vor euch, ich hasse euch nicht. Ich kenne euch noch nicht einmal."

Edrys Poster wurde tausendfach auf Facebook geteilt. Innerhalb von 48 Stunden erhielt er Hunderte von Nachrichten. Facebook-Nutzer, die eigenen Angaben zufolge aus Israel stammen, sendeten Edry Fotos von sich, die er dann ebenfalls mit dem Slogan versah und veröffentlichte. Einige Facebook-Nutzer, die nach eigenen Angaben aus Iran stammen, veröffentlichten Fotos mit angepassten Botschaften wie dieser: "Meine israelischen Freunde - Ich hasse euch nicht - Ich möchte keinen Krieg - Liebe und Frieden".

"Israel loves Iran"

Über 4000 Freunde sammelten die Edrys mit ihrem alten Facebook-Profil. Da bei solchen Konten die Freundes-Grenze bei 5.000 liegt, richteten sie die Fanseite "Israel loves Iran" ein, auf Anhieb kamen Tausende weitere Unterstützer hinzu. Anfang dieser Woche registrierte jemand die Facebook-Seite "Iran loves Israel", der laut eigenen Angaben aus Teheran stammen soll.

Kritikern, die seine Aktion als naiv bezeichnen, hält Ronny Edry entgegen: "Wir haben den Menschen die Möglichkeit gegeben, sich einander mitzuteilen, dass sie sich wertschätzen. Sie scheinen darauf gewartet zu haben." Der exponentielle Anstieg an Unterstützern wird abflachen, darum nutzen die Macher die Gunst der Stunde. Ein Online-Spendenaufruf brachte den Edrys für ihre Aktion in nur zwei Tagen mehr als 6000 Euro ein. Damit soll die Kampagne auf die Straße getragen werden. Sie träumen von Postern auf Bussen und großflächigen Werbeanschlägen rund um den Globus. "Stellt euch vor, unsere Botschaft wäre am Times Square in New York zu sehen", wirft Ronny in die Runde - und schon wieder klingelt ein Telefon.

"Das hat die letzten 30 Jahre gefehlt"

Eine junge Iranerin, die seit acht Jahren in Deutschland lebt, ruft im Auftrag eines Fernsehsenders an. Sie stellt ihre Fragen und dankt den Edrys für ihr Engagement, da sie zu dem Thema eine sehr persönliche Verbindung hat: Sharzad Hosseini wurde während des Iran-Irak-Krieges geboren und musste aus Teheran fliehen, als der Irak die iranische Hauptstadt bombardierte. Sie erlebte, was Krieg bedeutet und hat jetzt Angst um ihre Familie in Iran.

Sharzad Hosseini sagt: "Es ist toll, dass Israelis diese Aktion gestartet haben. Endlich gibt es eine Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren und die Israelis lernen uns kennen. Das hat die letzten 30 Jahre gefehlt." Hosseini veröffentlichte als Antwort ein mit einer freundlichen Botschaft an die Bevölkerung Israels versehenes Selbstporträt auf Facebook. Ihr israelischer Lebensgefährte, den sie in Deutschland kennenlernte, teilt es auf seiner Pinnwand.

Ronny Edry erzählt, er habe viele solcher Reaktionen beobachtet: "Ich erhalte Sympathiebekundungen von Iranern aller Altersgruppen, von jung bis alt. Wir haben einen Dialog auf zwischenmenschlicher Ebene begonnen, den es vorher einfach nicht gab."

Iran setzt Internetfilter ein, um Facebook, Twitter und YouTube zu blockieren. Viele Iraner umgehen die Blockade aber mit Hilfe von Anti-Filter-Software oder Proxy-Servern im Ausland. Viele iranische Nutzer sind auf Facebook unter Pseudonym aktiv, weil sie Repressionen vom Regime fürchten, sollte jemand ihre vom Kurs der Machthaber abweichenden Meinungsäußerungen entdecken. Facebook verbietet solche Alias-Profile - ungeachtet der drohenden Konsequenzen für Nutzer in Staaten wie Iran.



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Seite 1
rvdf11974 22.03.2012
1. Daumen hoch!
Zitat von sysopPushpin MedinaSchöne Fotos, klare Botschaft: Ein Designer aus Tel Aviv hat mit einem privaten Foto eine Facebook-Kampagne gestartet. Unter ein Porträt von sich und seiner Tochter schrieb er: "Iraner, wir werden euer Land nicht bombardieren. Wir lieben euch." Nun folgen Tausende seinem Beispiel. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,822807,00.html
Genau so ist das richtig! Wehrt euch gegen die machtverliebten 1% die euch sagen wen ihr lieben und hassen dürft! Sehr schöne Aktion :).
senfdazu 22.03.2012
2. Dies zeigt mal wieder,....
Zitat von sysopPushpin MedinaSchöne Fotos, klare Botschaft: Ein Designer aus Tel Aviv hat mit einem privaten Foto eine Facebook-Kampagne gestartet. Unter ein Porträt von sich und seiner Tochter schrieb er: "Iraner, wir werden euer Land nicht bombardieren. Wir lieben euch." Nun folgen Tausende seinem Beispiel. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,822807,00.html
...wie Politik über die Köpfe der Bevölkerung gemacht wird. Sollen sich doch die Radikalen beider Seiten treffen und sich, wie bei einer gepflegten Fußballrandale, den Schädel einschlagen ! - Aber laast doch bitte die normalen Bürger in Frieden......
WI-Student 22.03.2012
3. Beispielhaft!
Da kann man sich nur noch viel mehr solcher Aktionen wünschen, in der Hoffnung, dass sich die Regierungen dies zu Herzen nehmen!
machtauchnix 22.03.2012
4. Na also
Zitat von sysopPushpin MedinaSchöne Fotos, klare Botschaft: Ein Designer aus Tel Aviv hat mit einem privaten Foto eine Facebook-Kampagne gestartet. Unter ein Porträt von sich und seiner Tochter schrieb er: "Iraner, wir werden euer Land nicht bombardieren. Wir lieben euch." Nun folgen Tausende seinem Beispiel. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,822807,00.html
Die Moral von der Geschicht...Menschlein, sprecht miteinander!!
rechtschreibreformreform 22.03.2012
5.
NAIV? JA! (Ich habe der Vollständigkeit halber das Wörterbuch benutzt.) Einfach. Echt. (vor allem wahrscheinlich) Ungekünstelt. Unverfälscht. Unkritisch. – auch das. Urteilslos. Doch es ist der einzige Extrakt, der Menschenherzen zueinander bringt. Somit ist es: KLUG! - die Herzen der Masse anzusprechen, auf daß die Masse spreche.
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