Anschlag von Istanbul Facebooks neue Krisenpolitik

"Bist du in Sicherheit?", fragt Facebook Nutzer mittlerweile auch nach Terroranschlägen. Nach Kritik wird der "Safety Check" überarbeitet - und soll automatisch anspringen.

Screenshot von Facebooks "Safety Check" nach dem Anschlag von Istanbul

Screenshot von Facebooks "Safety Check" nach dem Anschlag von Istanbul


Zwei Stunden nach den Eilmeldungen ploppten die ersten Benachrichtigungen auf. Bekannte, die in Istanbul leben, wurden "als in Sicherheit markiert" - solche Mitteilungen im etwas schiefen Facebook-Deutsch bekommen Nutzer nach dem Anschlag von Istanbul auf ihre Smartphones gespielt.

Facebook sogenannter "Safety Check", eigentlich für Naturkatastrophen entworfen, kam auch beim Anschlag auf den Flughafen Atatürk zum Einsatz, wie auch bei anderen Terrorangriffen der vergangenen Monate.

Während sich die Nutzer gerade erst langsam an diese Funktion gewöhnen, ändert der Konzern hinter den Kulissen das Feature gerade grundlegend. Facebook will den "Safety Check" (in der deutschen Version recht ungelenk "Überprüfung des Sicherheitsstatus") in Zukunft deutlich öfter und auch bei vergleichsweise kleinen Krisen wie Bränden einsetzen, selbst bei Hausbränden. Doch die Entscheidung, wann man die Nutzer damit behelligt, fällt dem Netzwerk nicht leicht - bald soll dabei der Algorithmus helfen.

4,7 Millionen Nutzer markierten sich in Paris "in Sicherheit"

Die Funktion wird erst seit anderthalb Jahren eingesetzt, Premiere war nach einem Taifun auf den Philippinen im Dezember 2014. Seit den Anschlägen von Paris im November 2015 wird die Funktion auch für Terror aktiviert - damals markierten sich 4,7 Millionen Nutzer "in Sicherheit", 370 Millionen Nutzer bekamen die Meldungen zu Gesicht. Viele deutsche Nutzer kamen erstmals mit der Funktion in Kontakt.

Seitdem erntet Facebook auch Kritik für seine Entscheidungen, wann es die Funktion aktiviert und wann nicht. Wenige Tage nach Paris gab es einen Anschlag in Beirut mit 43 Toten. Der "Safety Check" blieb aus. Wenige Tage danach: Bombenanschlag in der nigerianischen Stadt Yola, Sicherheitsfunktion wieder aktiviert.

Im März 2016 wurde die Funktion auch bei den Anschlägen von Brüssel eingesetzt (890.000 Nutzer teilten ihren Facebook-Freunden hier mit, dass sie in Sicherheit sind), beim Attentat in Orlando Anfang Juni erstmals in den USA. Dabei wurden stets alle Nutzer, die Facebook in der Stadt des Vorfalls verortet aufgefordert, auf "in Sicherheit" zu klicken.

Das Vorgehen, das etwa bei mehreren Tatorten wie in Paris sinnvoll war, warf in Orlando neue Fragen auf. Die Tat konzentrierte sich auf einen bestimmten Club für Homosexuelle. Obwohl der Opferkreis also schnell recht eindeutig war, forderte Facebook alle in Orlando verorteten Nutzer zum "Safety Check" auf - also auch viele, bei denen es äußerst unwahrscheinlich war, dass sie die Nacht in einem Schwulenclub verbracht hatten.

Facebook und der Terror

Facebook hat ein Problem, wenn es unfreiwillig mit der Tat verbunden wird. Erst vor zwei Wochen streamte der Polizistenattentäter in Paris seine Morde beim neuen Dienst Facebook Live in Echtzeit. Solchen Dingen will Facebook eben auch mit dem Ausbau der "Safety Check"-Funktion etwas entgegensetzen.

Dass der Prozess verbessert werden muss, hat man selbst gemerkt. "In Zukunft soll nicht mehr Facebook, sondern die Community selbst entscheiden, wann sie 'Safety Check' einsetzen will", sagt die zuständige Teamleiterin des Netzwerks, Katherine Woo. In Orlando hatte ihr Team den neuen Ansatz schon einmal geprobt, am Ende aber doch alle Nutzer in der Stadt aufgefordert, sich zu ihrem Status zu erklären, so Woo kürzlich bei einem Berlin-Besuch.

Ein Brand in Berlin - relevant genug für den "Safety Check"?

In Zukunft wolle man bei kleinen Krisen die Funktion einsetzen. Ein Beispiel: In Berlin brennt ein Haus. Wenn viele Nutzer in einem bestimmten Viertel dazu Beiträge verfassen, sollen sie gefragt werden: Ob sie sich als "in Sicherheit markieren" und ob sie von Freunden diese Info bekommen wollen. So soll die Funktion sich "organisch entwicklen", anstatt dass alle direkt von Facebook aufgefordert werden. Nutzer selbst legten dann fest, was relevant ist und was nicht.

Ob Facebook nun in Istanbul wirklich schon nach dem neuen Modell vorgegangen ist, können die Konzernsprecher in Europa am Mittwoch auf Anfrage noch nicht sagen. Man wisse das erst in ein paar Tagen, heißt es.

Woo, die bei Facebook ein Team namens "Social Good Product" leitet, stellt sich ohnehin vor, dass künftig der Algorithmus diese Übergabe übernimmt. Anhand vermehrter Statusmeldungen der Nutzer sollen Programme erkennen, dass etwas passiert und Nutzern automatisch die Sicherheitsfrage stellen.

Mitarbeiter, die momentan noch nach Nachrichtenlage manuell die Funktion aktivieren, müssten dann nur noch aktiv werden, wenn sich der Algorithmus irrt - also etwa hinter vermehrten Beiträgen zu einem vermeintlichen Brand nur ein Feuerwerk steckt und ein Sicherheitscheck die Nutzer nur irritieren würde.



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
cih 29.06.2016
1. langsam
wird es Zeit das ich mich bei fb lösche, der Kontrollwahn und die Ortsrechtfertigungsmassnahme "mir gehts gut" geht mir gehörig gegen den Strich. Wenn es mir nicht gut geht rufe ich jemanden der mir hilft, das sollte reichen
Bürger Icks 29.06.2016
2. Und wer kümmert sich um meine Sicherheit???
Bin nämlich bewusst kein Facebook User, habe keine Daten zu verschenken! Jetzt bin ich wohl aufgeschmissen und dem Tode geweiht, kann mich nie wieder sicher fühlen, nirgends... Nebenbei, die Daten eines jeden Einzelnen von uns sind ca. 25.000 Euro wert, warum sollte man diese Kohle an Facebook, Twitter, Google und Co verschenken, statt selber Profit daraus zu schlagen? Ach so ja, wegen der Sicherheit und dem Sicherheitsgefühl. Weil nämlich jemand aus dem Facebook herausspringt und mir hilft, wenn ich irgendwie bedroht bin... ;)
peter_kraus 29.06.2016
3.
aber sorry, was geht fb das an, ob's mir gut geht ? GEHT's noch ? Die geht das nämlich gar nichts an. Bin zum Glück schon lange weg - wozu ? um dumme Fragen zu beantworten ? Um schon mal darauf getrimmt zu werden, sich als kleine Kinder zu verstehen, für die ja ach so arg gesorgt werden muss...Nicht mit mir ! Ich bin gegen fb.
xineohp 29.06.2016
4. Die persönliche Sicherheit ...
... ist Sache des/der Staates/en und nicht irgendeines internationalen profitgeilen Privatkonzerns. Soweit kommt es noch. Dann kann man ja gleich seine Sicherheit in die willkürlich-agierenden Hände feudaler Großmogule legen ... und dann hackt sich noch einer ein, suggeriert Sicherheit und Bumm ... nee - Sicherheit geht, wenn überhaupt, nur unvernetzstückt und untotalüberwacht.
crypto 29.06.2016
5. Könnt ihr eigentlich 1+1 zusammenzählen?
Das Durchschnittsalter hier im SPON Forum MUSS >70 sein, die Beiträge in diesem Thread sind ja wohl der Beweis. Mein Fresse, die "mir geht's gut" Funktion ist dafür gedacht seinen Freunden mitzuteilen, dass man eben nicht von einem Terroristen tot geschossen wurde und es einem gut geht. Wie bitte kann man das denn nicht kapieren?
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