IT-LandFrauen Mastschweine und Megabytes

Gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und vom Europäischen Sozialfonds wurden 44 Frauen aus dem ländlichen Raum zu "IT-Landfrauen" ausgebildet. Jetzt vernetzen sie die Strukturen ihrer Organisation, des Deutschen LandFrauen-Verbands, und bringen die Nachbarn im Dorf ins World Wide Web.

Von Meike Fries


Initiative IT-Landfrauen: Internet-Multiplikatoren für das "platte Land"

Initiative IT-Landfrauen: Internet-Multiplikatoren für das "platte Land"

"LandFrauen sind ganz normale Frauen, nur dass sie eben im ländlichen Raum leben", beschreibt Heike Troue, Hauptgeschäftsführerin des Deutschen LandFrauenverbandes die über 550.000 Mitglieder ihrer Organisation. Zu dieser Normalität gehört es bislang allerdings auch, Internet und neue Medien nur selten oder gar nicht zu nutzen. Mangelnde PC-Erfahrung, zu hohe Anschaffungskosten und nicht zuletzt die im ländlichen Raum oft schwierigen Zugangsbedingungen (fehlender öffentlicher und breitbandiger Zugang) sind dafür die Hauptgründe.

Bereits seit Anfang 2002 wird allerdings ein Modellprojekt gefördert, das diesen Zustand ändern soll: Die IT-LandFrauen.

Was sich zunächst nach einem Treppenwitz aus der Subventionsküche anhört, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Projekt mit durchaus sinnigem Ansatz: 44 Mitglieder des traditionsreichen LandFrauenverbands, alle mit Grundkenntnissen im Umgang mit PC und neuen Medien ausgestattet, wurden auf sechs Veranstaltungen über den Zeitraum eines Jahres so geschult, dass sie nach Abschluss der Ausbildung in der Lage waren, einfache Webseiten zu erstellen, PC-Schulungen anzubieten und Vorträge über Computer und Internet zu halten.

Initiative gegen die digitale Kluft

So soll auch die Verbandsarbeit stärker vernetzt werden, beispielsweise über E-Mail-Verteiler und Webpräsenzen der einzelnen Landes-, Kreis- und Ortsvereine. Diese werden von den IT-LandFrauen erstellt.

Als dritter Schwerpunkt des Projekts wurde mit dem "Landportal" ein virtueller Marktplatz geschaffen, auf dem LandFrauen ihre Produkte und Dienstleistungen anbieten können.

Dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und dem Europäischen Sozialfonds sind diese Bestrebungen nicht weniger als 1,3 Millionen Euro Fördergelder wert. Eine stattliche Summe. Allerdings finanziert der Verband von diesen Geldern nicht nur die Ausbildung der Frauen, sondern über den Zeitraum von drei Jahren auch drei Projektmitarbeiter, die technische Ausstattung, Verwaltungs- und Öffentlichkeitsarbeit, Präsenzen auf Messen und eine wissenschaftliche Projektbegleitung.

Den 44 IT-Landfrauen ist gemein, dass sie allesamt umtriebige Verbandsmitglieder sind mit vielen Kontakten in Dorf und Region. Diese Eigenschaft war Voraussetzung für die Aufnahme in die Ausbildung. Denn die jetzt IT-geschulten Damen sollen als Multiplikatoren dienen und ihre Kenntnisse weitertragen, möglichst als selbständige Unternehmerinnen.

Websites für die Feuerwehr

Und dies scheint zu funktionieren, wenn meist auch nur als zusätzliche Tätigkeit zur Haus- und Hofbewirtschaftung, Kindererziehung oder schon vorher bestehender Selbständigkeit. So schulen die IT-Frauen nicht nur Kinder, Senioren und andere Einsteiger im Umgang mit dem Internet, sondern haben seit Abschluss ihrer Ausbildung im Frühjahr 2003 bereits beinahe 200 Webseiten erstellt - meist für befreundete Bauernhöfe, die örtliche Feuerwehr oder den Kindergarten.

An den in jüngerer Zeit umgesetzten Projekten ist auch eine Steigerung der Qualität ablesbar: In Sachen Design und Benutzerfreundlichkeit erinnern die persönlichen Webpräsenzen der IT-Landfrauen mit Frames und animierten Gifs nämlich in den meisten Fällen noch stark an die Qualität privater Homepages der Internet-Anfänge in Deutschland. Aber der LandFrauenverband glaubt an das "große Unternehmerinnenpotenzial" der eigenen Mitglieder, auch oder vor allem in Bezug auf traditionellere Produkte und Dienstleistungen, die nach wie vor über Mund-zu-Mund-Propaganda in der Region vermarktet werden: Urlaub auf dem Bauernhof, Hofläden und -cafés, Geschenkideen und Partyservice, aber auch Gesundheitsberatung und Tagesmutter-Dienste. Der virtuelle Marktplatz www.landportal.de soll nun ermöglichen, diese Angebote auch überregional zu vermarkten und die Anbieter stärker untereinander zu vernetzen.

Professionalisierung

Landfrauen-Logo: Im Zeichen der fleißigen Biene

Landfrauen-Logo: Im Zeichen der fleißigen Biene

Von zehn- bis zwölftausend potentiellen Einträgen ins Landportal geht der LandFrauenverband aus. Bislang sind es nur rund 670 Einträge von Anbietern, die eigene Produkte wie Wurst und Schinken, Kartoffeln oder Kräuterliköre verkaufen, aber auch Urlauber für Ferienwohnungen gewinnen wollen. Die Zahl der bisherigen Einträge wird dennoch als Erfolg gewertet: "Für viele Frauen ist es ein ganz großer Schritt, mit ihrem Produkt oder ihrer Dienstleistung an eine potentiell unbegrenzte Öffentlichkeit zu treten. Vieles fand vorher halb im Verborgenen statt, viel Werbung machen musste man eigentlich auch nicht", erklärt Dr. Monika Michael, die das Projekt IT-Landfrauen koordiniert.

Rund die Hälfte der Einträge verweist übrigens auf eine eigene Homepage - wird dort auch noch der Versand von Waren angeboten, eröffnet dies tatsächlich den Verkauf über die Region hinaus.

So ambitioniert das Projekt IT-Landfrauen ist, exemplarisch deutlich wird daran auch, was in Bezug auf die Internetnutzung in Deutschlands ländlichen Gebieten Stand der Dinge ist. Die Zahl der Internetnutzer in den ländlichen und strukturschwachen Regionen liegt noch immer deutlich unter dem Bundesdurchschnitt, die digitale Kluft zwischen Stadt und Land ist weiterhin real. In Bezug auf das Internet wird man in vielen Regionen wohl noch lange von einem "neuen" Medium sprechen.



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