2010, das kündigte sich bereits zur Jahreswende an, sollte zu einem Jahr der spektakulären IT-Sicherheitsverletzungen werden. Wie nie zuvor drängte das Thema auf die Titelseiten: Es begann mit dem sogenannten Google-Hack, einer bis heute nicht genau geklärten Attacke gegen über 100 meist amerikanische Unternehmen - wahrscheinlich ein Fall besonders ausgefuchster, IT-gestützter Industriespionage.
Dass diese Schnüffelaktion angeblich von chinesischem Boden ausging, rief das Thema Cyberwar auf den Plan: War es nicht so, dass der, der Systeme infiltrieren konnte, dort auch Sabotage hätte treiben können?
Die seit Jahren schwelende Diskussion darum, was Cyberwar überhaupt ist, wo Kriminalität endet und Kriegsführung beginnt; wie man auf virtuelle Attacken angemessen reagieren sollte und womit und gegen wen eigentlich? Denn nur selten gelingt es, eine Attacke tatsächlich ihren Urhebern zuzuordnen: Die Grenzen sind fließend - und Cyberwar vornehmlich das, was andere zu "unserem" Schaden tun.
Breite Diskussion
Kaum etwas zeigte das so deutlich, wie die breite Diskussion um zwei höchst unterschiedliche Ereignisse: WikiLeaks und Stuxnet.
Stuxnet gilt als erste öffentlich bekannt gewordene Software, die dafür entworfen wurde, eine ganz bestimmte Steueranlage in einer iranischen Atomanlage zu befallen und zu sabotieren. Ausgebracht wurde sie mit dem normalen Instrumentarium der Virenverteilung, wirksam wurde sie nur auf ihrem Zielobjekt: Wahrlich eine neue Dimension in der Cyberkriegsführung, als theoretische Möglichkeit seit langem gefürchtet.
Von Cyberwar sprach trotzdem kaum jemand - was mit Sicherheit anders gewesen wäre, wenn Stuxnet gegen eine deutsche, amerikanische, französische oder israelische Anlage gerichtet gewesen wäre.
Virtuelle Sitzblockaden
Noch einmal: Cyberwar ist immer das, was andere "gegen uns" unternehmen.
So, wie die Veröffentlichung der amerikanischen Kriegsdokumente aus den Afghanistan- und Irak-Konflikten oder die der Diplomatendepeschen am Ende des Jahres. Dies sei ein terroristischer Akt, schrien US-Konservative. Als dann noch Unterstützer der Enthüllungsseite mit Denial-of-Service-Attacken gegen Unternehmen protestierten, die sich gegen WikiLeaks gestellt hatten, fiel es wieder, das böse Wort: Cyberwar. Hier angewandt auf nicht mehr als ein paar ärgerliche virtuelle Sitzblockaden, von denen keine mehr als ein, zwei Tage durchgehalten wurde.
So ist der Begriff Cyberwar am Ende des Jahres so unklar wie zu seinem Anfang. Und doch hat sich viel getan: Regierungen, Militärs und politische Bündnisse sind so emsig wie nie, sich auf den virtuellen Ernstfall noch besser vorzubereiten. Die Instrumente sind auf allen Seiten dieselben, der Rest bleibt eine reine Frage der Perspektive. Was man selbst macht, heißt übrigens Abwehr oder "Gegenmaßnahme", nicht "Krieg". Ganz wie im richtigen Leben.
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