Sharehoster-Blockade Italiens Provider sperren 27 Filesharing-Websites

Drastisches Vorgehen gegen Sharehoster: Auf Anordnung eines römischen Richters blockieren Italiens Provider derzeit den Zugang zu mehr als zwei Dutzend Filesharing-Websites. Auslöser soll die Beschwerde eines italienischen Filmverleihs sein.

File Sharing (Symbolbild): Italienische Provider müssen Zugriff auf Sharehoster sperren
Corbis

File Sharing (Symbolbild): Italienische Provider müssen Zugriff auf Sharehoster sperren


Italienische Internet- Provider müssen Kunden den Zugang zu 27 Sharehostern und Streaming-Anbietern blockieren, berichten die italienischen Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano und das Blog "TorrentFreak" . Unter anderem wird der Zugriff auf die Portale "Uploaded" und "BitShare" gesperrt, das geht aus einer inoffiziellen Auflistung hervor. Deutschen Internetnutzern könnten letztere Hosting-Anbieter unter anderem dadurch bekannt sein, dass Film-Streaming-Portale wie Kinox.to auf dort gespeicherte Raubkopien verlinken.

Torrent-Technik: So funktioniert der Dateitausch
Es beginnt mit Torrent-Dateien, wie sie bei Pirate Bay angeboten werden. Diese Dateien beinhalten Links zu sogenannten Trackern, über die die BitTorrent-Software erfährt, welche Nutzer-Rechner (Clients) über die gesuchte Datei ganz oder in Teilen verfügen. Die Torrent-Datei ist also nur ein Verweis auf eine andere Datenquelle, die wiederum auf weitere Adressen verweist, an denen dann Daten zu holen sind.
Das Netzwerk zum Dateitausch entsteht nur zwischen den am Tausch beteiligten Rechnern, basierend auf den Informationen eines Tracker genannten Servers - der allerdings keine Daten verschiebt, sondern nur Verknüpfungen zwischen Rechnern mit vollständigen oder unvollständigen Kopien des jeweiligen Files herstellt.
Der eigentliche Dateiverteilungsvorgang läuft in diesem technischen Modell also nur über die Rechner der zu einem temporären Netzwerk miteinander verbundenen BitTorrent-Nutzer. Aus ihrer Sicht ist Pirate Bay keine Datenbank zum Abruf von Inhalten, sondern eher so etwas wie das Telefonbuch für Dateiquellen. Der Nachweis, dass eine Seite wie Pirate Bay direkt Anbieter urheberrechtlich geschützter Dateien sei, ist damit nicht möglich. Im bisherigen Prozess gelang noch nicht einmal der Nachweis, dass Pirate Bay selbst nicht nur Torrent-Dateianbieter sei, sondern auch Trackerfunktion im Netzwerk habe.
Einem Artikel des italienischen Anwalts Fulvio Sarzana zufolge sind die Sperren auf die Beschwerde eines Filmverleihs zurückzuführen. In der italienischen Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano" nennt Sarzana als Auslöser die Online-Verbreitung des Animationsfilms "Ein Monster in Paris", der Ende November in Italien veröffentlicht wurde: Im Februar, mehr als zwei Monate nach Kinostart, habe sich der italienische Verleih bei der römischen Staatsanwaltschaft über die mutmaßlichen Urheberrechtsverletzungen der Sharehoster beschwert. In Folge dieser Beschwerde soll ein Richter die Netzanbieter angewiesen haben, den Zugang zu den entsprechenden Websites zu blockieren.

"TorrentFreak" zufolge handelt es sich um Sperren auf DNS-Ebene, die Nutzer mit entsprechendem Hintergrundwissen relativ leicht umgehen können. Anwalt Sarzana, der unter anderem auf das Thema Internet spezialisiert ist, kritisiert das Sperren kompletter Websites angesichts der Beschwerde als unverhältnismäßig.

Filtertechnik: So können Provider Websites blockieren
Das britische "Cleanfeed"-System
Bei einer von der Web-Branche in Selbstverwaltung begründeten Organisation namens Internet Watch Foundation (IWF) kann man Web-Seiten melden, wenn man der Meinung ist, dort Material entdeckt zu haben, bei dessen Entstehung Kinder sexuell missbraucht wurden. Ähnliche Hinweisgeber-Systeme gibt es in Norwegen und anderen europäischen Ländern. Die IWF prüft die Seite und setzt sie dann gegebenenfalls auf eine schwarze Liste - in vielen anderen europäischen Ländern tut das die Polizei. Die IP-Adressbereiche, in denen Adressen auf diesen Listen auftauchen, werden in Großbritannien über spezielle Server umgeleitet - das regeln die Provider selbst. Auf diesen Servern werden aus dem IP-Adressbereich ganz konkret und spezifisch die URLs herausgefiltert, unter denen man das beanstandete Material findet. Dieses System ist anderen, etwa der sogenannten DNS-Filterung oder dem Sperren ganzer IP-Adressbereiche (siehe unten), aus verschiedenen Gründen überlegen - nicht zuletzt deshalb, weil es etwas schwieriger zu umgehen ist und spezifischere Blockaden erlaubt.
Name-Server-Sperre
Prinzip: Die als Buchstabenfolge im Browser eingetippten Web-Adressen (URL) müssen in eine bestimmte Zahlenfolge, die sogenannte IP-Adresse, umgewandelt werden, um über das Internet Inhalte von den entsprechenden Angeboten zu empfangen. Welche IP-Adressen aktuell zu welchen URLs gehören, speichern sogenannte Name-Server - IP-Adressverzeichnisse, vergleichbar mit einem Telefonbuch. In der Regel hat jeder Internetprovider eigene Name-Server für seine Kunden. Hier könnte er eine falsche IP-Adresse zuordnen, die zum Beispiel auf eine Website mit Informationen über die Sperre verweist.
Problem: "Diese Sperre ist sehr einfach zu umgehen", sagt der Informatiker Stefan Köpsell, Entwickler des Anonymisierungsdienstes JAP. Denn die Nutzer können selbst einstellen, welche Name-Server ihr Computer nutzt. Außerdem gibt es kostenlose Web-Angebote, die eine URL in eine IP-Adresse umwandeln. Um effektiv zu sperren, müsste der Provider also auch den Datenverkehr seiner Kunden zu anderen Name-Servern und entsprechenden Aufschlüsselungs-Internet-Seiten blockieren.
Sperre auf IP-Ebene
Prinzip: Der Provider kann auch direkt die jeweils gültige IP-Adresse hinter der zu blockierenden URL sperren.
Problem: Hinter einer IP-Adresse können mehrere tausend URLs liegen. In solchen Fällen führt die IP-Adresse zu dem Server eines großen Anbieters von Web-Speicherplatz. Der Anbieter verteilt den gesamten Verkehr selbst auf die Angebote, die er bereithält. Wenn der Provider solch eine Massen-IP-Adresse sperrt, ist der Kollateralschaden unter Umständen enorm. "Neben dem eigentlichen Ziel könnten viele völlig harmlose Angebote gesperrt sein", erklärt der Dresdner Informatiker Stefan Köpsell. Außerdem lässt sich auch diese Sperre auf Transportebene umgehen: Das ermöglichen offene Proxys, über die man Datenverkehr leiten kann, oder auch Anonymisierungs-Dienste wie TOR oder JAP.
Sperre auf URL-Ebene
Prinzip: Um auf dieser Ebene zu filtern, muss der Provider den Datenverkehr seiner Nutzer tiefgehend analysieren. Mit viel Aufwand lässt sich herausfinden, an welche Web-Adresse eine Anfrage geht. So könnten Kollateralschäden vermieden werden: Selbst bei identischen IP-Adressen kann der Provider bei diesem Ansatz unterscheiden, welche Angebote aufgerufen werden.
Probleme: Diese Filtermethode benötigt sehr hohe Rechenkapazitäten zur Analyse des Datenverkehrs. Die Folge laut Stefan Köpsell: hohe Kosten, bisweilen langsamere Verbindungen. Abgesehen davon könnten solche Analysen in Deutschland auch juristisch heikel sein: Das Fernmeldegeheimnis könnte eine solch intensive Analyse der Internetnutzung verbieten.
Hybrid-Filter
Prinzip: Dieses System kombiniert Filter auf IP- und URL-Ebene. Ein verdächtiger IP-Bereich ist vorab definiert. Erst wenn Nutzer Daten aus diesem Adressbereich abrufen, läuft die aufwendige Analyse des Datenverkehrs an. Sie durchsucht die Anfragen auf blockierte URLs. Folge: Der Rechenaufwand ist geringer als bei der Sperre auf URL-Ebene, die Kollateralschäden nicht so groß wie bei der Blockade von IP-Adressen.
Probleme: Das Verfahren ist recht aufwendig, außerdem könnte die Detailanalyse des Datenverkehrs deutschen Datenschutz-Grundsätzen widersprechen. Ein vergleichbares System soll in Deutschland nun aber installiert werden - die beteiligten Ministerien sind sich sicher, alle juristischen Probleme ausräumen zu können.

mbö



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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
cor 16.04.2013
1. Schreibfehler
Zitat von sysopCorbisDrastisches Vorgehen gegen Sharehoster: Auf Anordnung eines römischen Richters blockieren Italiens Provider derzeit den Zugang zu mehr als zwei Dutzend Filesharing-Websites. Auslöser soll die Beschwerde eines italienischen Filmverleihs sein. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/italien-provider-blockieren-filesharing-websites-a-894575.html
Es sollte wahrscheinlich "Intranet-Provider" heissen.
matokla 16.04.2013
2. .
---Zitat von Infokasten--- Probleme: Das Verfahren ist recht aufwendig, außerdem könnte die Detailanalyse des Datenverkehrs deutschen Datenschutz-Grundsätzen widersprechen. Ein vergleichbares System soll in Deutschland nun aber installiert werden - die beteiligten Ministerien sind sich sicher, alle juristischen Probleme ausräumen zu können. ---Zitatende--- Wenn das die selben Ministerien sind, die glaubten, Email neu erfinden zu müssen - dann gute Nacht. Szenario: Jemand schickt seinen Request an eine IP in diesem "Pösen" IP-Range über einen VPN-Tunnel. Durch die Verschlüsselung kann jetzt das Intrusion Detection System, dass die "Pösen" URLs erkennen soll, diese gar nicht mehr sehen. Die einzige Möglichkeit, das abzufangen, ist, alles, was nicht gelesen werden kann, zu filtern. Solch ein "Generalverdacht" kann aber nicht im Sinne vom GG sein, schon gar nicht, wenn es lediglich um Urheberrechtsverletzungen geht.
hanfiey 16.04.2013
3. hmmm
Alle Inhalte dieser Seiten können nun nicht erreicht werden?. Das ist natürlich nicht verhältnismäßig und wird nicht lange gutgehen. Man könnte auch klagen gegen den Richter (Amtsmissbrauch) gegen die Sharehoster, da legale Inhalte gegen Geld nicht erreichbar sind, usw.
swnf 16.04.2013
4. Wieso?
Zitat von corEs sollte wahrscheinlich "Intranet-Provider" heissen.
Wieso sollte es das?? Es geht hier doch um's Internet und nicht um ein Firmennetz (Intranet)!
Spielsystem 16.04.2013
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