"Jackass" online Ekelhafter Blödsinn

Ist "Jackass" die gefährlichste Sendung, die je im Fernsehen zu sehen war? Im Internet finden sich viele Stellen Beispiele dafür, dass Jugendliche die gefährlichen Stunts aus der MTV-Show nachspielen - und sich damit in Lebensgefahr bringen.

Von Thomas Veitinger


Kultserie "Jackass": Immer wieder steht das Spiel mit Schmerz und Ekel im Mittelpunkt

Kultserie "Jackass": Immer wieder steht das Spiel mit Schmerz und Ekel im Mittelpunkt

Die Serie "Jackass" des Musik-Senders MTV ist eine Mischung aus jugendlichem Blödsinn, Ekel erregenden Selbstversuchen und gefährlichen Stunts. Das Motto heißt: Beteiligte und Zuschauer schocken und amüsieren - um jeden Preis. Viele Jugendliche sehen sich die Serie Uhr aber nicht nur an, sondern lassen sich von Bergabfahrten mit einem Dreirad oder Loopingversuchen mit Skateboards inspirieren.

Auch im Internet findet an vielen Stellen ein wahrer "Jackass"-Kult statt. Homepage-Betreiber schwärmen nicht nur von den Darstellern und beschreiben einzelne Folgen ausführlich, sie berichten auch von ihren eigenen Selbstversuchen.

Ein Fan beschreibt etwa ein menschliches Barbecue. Dazu wird ein großer Grill aufgebaut und ein Kinderplanschbecken mit Rotwein und Fleischstücken gefüllt. "Jackass"-Darsteller Johnny Knoxville zieht sich einen feuerfesten Anzug an und lässt außen das Fleisch befestigen. Dann setzt er sich auf den Grill. Für einige Fans offenbar ein nachahmenswerter Spaß - mit allerdings fataler Vorbildfunktion.

Was auf der Internetseite nicht zu lesen ist: In den USA wiederholte ein 13-Jähriger den Versuch - allerdings ohne Schutzkleidung. Er konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden. Etwas Ähnliches passierte im schwäbischen Esslingen, als ein Jugendlicher sich selbst zur lebenden Fackel anzündete. Auch er entkam dem Tod nur knapp.

Hoch in der Gunst stehen im Internet die "Jackass"-Ekelattacken aus dem Fernsehen. Etwa die Sache mit dem Klohäuschen. Gezeigt wird ein Mann, der sich in einer portablen Toilette filmen lässt, die auf den Kopf gestellt wird. Nach der Dusche mit der braunen Soße rennt er nackt in eine Autowaschanlage und lässt sich abschrubben. Immer wieder zu finden sind auch Filme, in denen sich die Darsteller übergeben. Etwa, nachdem 37 rohe Eier gegessen wurden. Fragwürdiger Höhepunkt: Ein Schauspieler verzehrt alle Zutaten für Pfannkuchen, erbricht, brät sich aus dem Brei ein Omelett - und isst dieses.

Viele Jugendliche amüsiert dies. Bilder der Serie werden im Internet gezeigt. Stunts wie das Hinabrasen von Treppen mit Skateboards oder rasante Wettfahrten mit Einkaufswagen finden ihre Nachahmer. Immer wieder bezeichnen Jugendliche das Nachspielen von "Jackass"-Szenen sogar als Hobby.

Sich mit Fahrrädern gegenseitig zu bewerfen, ist dabei noch harmlos. Dabei kommt es zu Verletzungen. "Wir sind zehn kleine Vollidioten, denen es einen Adrenalin-Kick gibt", heißt es etwa bei den "Jackass"-Imitatoren von "HirtenTV". Natürlich habe man sich dabei "schon einiges gebrochen". Auch "Mölli" hat sich "beim Versuch "Jackass" nachzumachen, die Pfote gebrochen". Doch es mache einfach "riesen Spaß".

MTV hat auf die Selbstgefährdungen der Jugendlichen reagiert. Vor der Sendung wird eine Warnung ausgestrahlt, in der es unter anderem heißt: Die Stunts "wurden entweder von Profis oder unter der Aufsicht von Profis ausgeführt". "MTV und die Produzenten warnen ausdrücklich davor, Stunts oder andere Aktivitäten der Sendung nachzuspielen."

Gebracht haben die warnenden Worte bislang jedoch wenig. "Das ist typisch für das Jugendalter", urteilt der Wissenschaftler Michael Schulte-Markwort. "Grenzen auszutesten und Mutproben gehören zur grandiosen pubertären Selbstüberschätzung", sagt der stellvertretende Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf. "Das gab es schon zu James Deans Zeiten, als bei Autorennen möglichst spät vor dem Abgrund gebremst werden durfte."

Dennoch oder gerade deshalb sollte so eine Sendung im Internet nicht gezeigt werden, sagt Schulte-Markwort.

MTV-Chef Van Toffler ist anderer Meinung - schon allein wegen des großen Erfolgs "featured" MTV.com "Jackass" auch im Web - mit News, Videoclips und Fotogalerien. Die auch in den USA zum Teil vehemente Kritik perlt weitgehend an Toffler ab: "Obwohl wir jede Verantwortung ablehnen, entsetzt es uns natürlich, wenn sich junge Menschen Schaden zufügen."

Was nicht heißt, dass MTV gar nicht auf öffentliche Kritik reagiert: Auch für "Jackass" gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Seit Knoxville einen lebenden Goldfisch verschluckte, um ihn anschließend wieder auszuspucken, darf er nur noch mit toten Tieren Schabernack treiben.



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