BGH-Urteil zu Ärztebewertungsportal "Jameda ist eine Plattform für Patienten, denen man es nie recht machen kann"

Die Ärztin Astrid Eichhorn wollte nicht bei dem Bewertungsdienst Jameda gelistet sein, nun bekam sie vor dem Bundesgerichtshof recht. Im Interview spricht sie über verwöhnte Patienten und Online-Beleidigungen.

Dermatologin und Allergologin Astrid Eichhorn (in Karlsruhe im Januar 2018)
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Dermatologin und Allergologin Astrid Eichhorn (in Karlsruhe im Januar 2018)

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Das Ärzteportal Jameda muss die Daten der Kölner Hautärztin Astrid Eichhorn löschen. Das entschied am Dienstag der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe. Auf dem Portal können Nutzer anonym Ärzte in einem Schulnotensystem bewerten - auch Dermatologin Eichhorn war gelistet, unfreiwillig.

Weil Jameda laut BGH die für Bewertungsportale gebotene Neutralität verletzt habe, überwiege in diesem Fall das Grundrecht der Klägerin auf informationelle Selbstbestimmung. Jamedas Geschäftsmodell begünstige Ärzte, die für Werbung auf der Plattform bezahlten, so das Gericht.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Eichhorn, warum sie wegen der anonymen Arztbewertungen auf Jameda durch die Instanzen geklagt hat und warum sie die Bewertungsportale ablehnt.

SPIEGEL ONLINE: Frau Eichhorn, wie bewerten Sie den Spruch des Bundesgerichtshofs?

Eichhorn: Ich habe nicht mehr damit gerechnet, vor Gericht noch Recht zu bekommen. Schließlich war meine Klage in den Vorinstanzen nicht erfolgreich. Dass der Bundesgerichtshof nun in meinem Sinne entschieden hat, freut mich sehr.

SPIEGEL ONLINE: Was ändert sich für Sie nach dem Urteil?

Eichhorn: Es gab zum Zeitpunkt des Urteils gar kein Jameda-Profil mehr von mir, das nun hätte gelöscht werden müssen. Ich habe - unabhängig vom Gerichtsverfahren - vergangenes Jahr meine Praxis nach vielen Jahren als niedergelassene Ärztin verkauft. Ich arbeite immer noch als Dermatologin, aber auf Vertretungsbasis. Aus meiner Sicht stärkt der Spruch nichtsdestotrotz die Persönlichkeitsrechte von Ärzten in ganz Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie überhaupt gegen Jameda geklagt?

Eichhorn: Patienten von mir machten mich vor mehreren Jahren darauf aufmerksam, dass ich ein Profil auf Jameda habe, auf dem auch negative Kommentare über mich standen. Ich habe selbst im Netz recherchiert, mich in das System Jameda eingearbeitet - und war entsetzt über das, was da online stand über mich. In vielen Kommentaren ging es überhaupt nicht um meine Qualifikation als Ärztin. Die waren persönlich verletzend. Ich hätte besser Reisekauffrau werden sollen, hat einer geschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Derartige negative Kommentare haben Sie mithilfe eines Anwalts erfolgreich löschen lassen, Ihre Bewertungen verbesserten sich daraufhin deutlich. Warum sind Sie weiter gegen Jameda vorgegangen?

Eichhorn: Was Jameda macht, ist für mich eine Art Schutzgelderpressung. Jeder wird gelistet und man kann sich nicht dagegen wehren - aber wer Jameda bezahlt, der bekommt Vorteile. Das Profil der zahlenden Ärzte wird beworben, und nicht zahlende Kollegen wie ich waren sozusagen die Werbefläche für diese Anzeigen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hätten auch Jameda-Kundin werden können.

Eichhorn: Ja, aber das hätte gegen meine Prinzipien verstoßen. Das Portal leistet nichts Gutes für uns Ärzte, und auch nicht für die Patienten. Ich habe Kollegen, die stecken ihre ganze Lebensenergie in ihre Praxis, und jedes Wochenende ärgern sie sich über Jameda-Bewertungen und schreiben Widersprüche gegen unfaire Online-Kommentare. Man fühlt sich als Arzt richtig schlecht, wenn man auf Jameda schaut, das zieht einen runter.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn es für Ärzte unerfreulich ist: Für Patienten hat so ein Portal doch durchaus einen Mehrwert, oder?

Eichhorn: Eine Arztpraxis ist kein Servicebetrieb, viele Patienten wissen das. Es schreibt nur ein kleiner Teil der Patienten Bewertungen bei solchen Bewertungsportalen. Jameda ist eine Plattform für Patienten, denen man es nie recht machen kann.

SPIEGEL ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Eichhorn: Viele der Bewertungen kommen etwa von Leuten, die nie einen Fuß in die betreffende Arztpraxis gesetzt haben. Aber die haben dann vielleicht nicht schnell genug einen Termin bekommen und das hat sie geärgert. Ein Kollege von mir wurde auch mal wegen seines unzureichenden Zeitschriftenangebots schlecht bewertet. Auch auf Facebook bleibt mittlerweile nicht mehr jede problematische Äußerung stehen. Warum sollten wir Ärzte uns anonyme Beleidigungen weiter bieten lassen müssen?

SPIEGEL ONLINE: Plattformen wie Jameda sind immer noch erlaubt. Werden Sie weiter klagen?

Eichhorn: Nein. Ich habe den Prozess privat finanziert, ohne Unterstützung irgendwelcher Interessenvertretungen. Wenn es da draußen noch Ärzte gibt, die sagen, dass das Bewertungssystem auf Jameda ein Unding ist, müssen die nun selbst tätig werden.

Anmerkung: Im Interviewtext wurde nachträglich mit dem Einverständnis der Interviewten ein Satz getilgt.

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Seite 1
kraftmeier2000 21.02.2018
1. Die Überschrift
ist schon als Arrogant zu bezeichnen, ich gebe auch Kommentare ab zu Restaurants, Bars, und auch Ärzten ob positiv oder negativ kommt immer auf das erlebte an. Selbstverständlich sollten solche Bewertungen aber auch den Tatsachen entsprechen, denn es gibt aber auch Ärzte/Ärztinnen, die halten sich für den Nabel der Welt, von wegen Götter in Weis. Allerdings kann ich auch verstehen wenn man gegen unbegründete Kritik vorgeht, und diese Plattform ist ja wohl in dieser Form wenig glaubwürdig, was nicht unbedingt auch für die Kommentare gelten muss.
chuckal 21.02.2018
2. Zeitungen im Wartezimmer
Das ist allerdings wahr, dass das ein Problem ist. Da findet sich ja so manches, was uralt ist. Es ist immerhin ein Indikator dafür, wie sehr der Praxisinhaber seine Patienten wertschätzt.
olli08 21.02.2018
3. Doch, eine Arztpraxis IST ein Servicebetrieb!
... und zwar zur Erkennung und Behandlung von Krankheiten. Der Unterschied zu z.B. einer Autowerkstatt ist nur der, dass "Fehler" in dem einen Fall zu einem wirtschaftlichen Totalschaden am Fahrzeug führen können, in dem anderen Fall zum Tode! Und genau so, wie man dem Werkstattmeister vertrauen muss/kann/will, wenn er "nur" ein defektes Zündkabel diagnostiziert, hofft man der ärztlichen Diagnose ("ach, das ist Nichts") vertrauen zu können, damit nicht 6 Monate später ein anderer Arzt sagt: "Ach, wären sie mal 6 Monate früher zu mir gekommen ...". Insofern ist der Wunsch der Patienten nach Informationen über den benötigten Arzt nachvollziehbar. Oder würden sie ihr Auto in eine miese Werkstatt geben? Dass Portale wie "Jameda" auch Kriterien zulassen, die mit der medizinischen Qualität eines Arztes nichts zu tun haben (Ausstattung des Wartezimmers), steht auf einem anderen Blatt. Auch dass die unvermeidlichen Hassprediger ihren geistigen Unrat über Ärzte ausgießen können, die sie nicht mal gesehen haben, ist ein unschöner Nebeneffekt von "Jameda" & Co. Aber solange keine besseren Informationen zur Verfügung stehen, werden auch diese Portale weiter existieren ...
hup 21.02.2018
4. Tja in Deutschland kann man alles bewerten
Ausser Lehrern und Ärzten - und vermutlich auch Anwälten. Die sind sakrosankt und die Bewerter dann plötzlich alle inkompetent. Ich hab bisher auf Jameda zwei Bewertungen abgegeben, für einen Zahnarzt und eine Allgemeinarzt - beide male weil ich so sehr von deren Service überzeugt war, dass ich *positive* Werbung für diese machen wollte - obwohl ein guter Arzt das ohnehin wenig nötig hat, aber Mundpropaganda allein ist diskriminierend, ich will auch, dass Menschen die ohne Empfehlung einen Arzt suchen sich über dessen Qualität erkundigen können. Viele Ärzte haben auf Jameda tadellose Bewertungen von glücklichen Patienten - und das sind auch keine Fakes, dafür sind viele viel zu spezifisch. Wenn ich auf Jameda schlechte Bewertungen lese, dann sind schlecht bewertete Ärzte nie kreuz und quer schlecht bewertet worden, es sind immer eine ganze Reihe von Patienten die immer das gleiche bemängeln: In der Hauptsache entweder schlechte Praxisorganisation (unnötige Wartezeiten), fachliche klar erkennbare Inkompetenz des Arztes - aber vor allem sehr unfreundliches und patientenabweisendes oder schlicht unverschämtes Verhalten (oft mit Beispielen die man nachvollziehen kann). Nie würde ich einen Arzt insgesamt beurteilen wegen einer oder zwei schlechten Bewertungen, aber wenn einschlägig immer das selbe bemängelt wird, dann ist das einfach ein höchstwahrscheinlich valider Kritikpunkt. Das sollte dem Arzt die Möglichkeit geben genau diese Probleme anzugehen - aber die meisten sind so selbstherrlich, dass sie lieber davon schwadronieren dass ihre Kunden ihre Leistung ja gar nicht einschätzen können. Genau diese Äzte haben ihre schlechten Bewertungen zu recht und sollten gemieden werden - leider ist unser System so überlaufen, dass selbst schlechte Ärzte genug Patienten abbekommen - viele haben keine Wahl, gerade die mittelmäßigen schlechten haben eher Termine frei. Ich bin sehr froh, dass es Online überhaupt einen (aber nicht den einzigen) Wegweiser gibt, wenn man einen Arzt sucht. Die Ärzte haben über lange Zeit verhindert, dass Patienten eine Chance haben etwas über deren Qualität zu erfahren - und das macht die Arztsuche zu einer reinen Glücksache. Das kann nicht sein und darf nicht so bleiben. Am liebsten wäre es mir, wenn die Krankenkassen die Bewertungsportale betreiben würden als unparteiische Mittler zwischen Arzt und Patient. Und Bewertungen sollten Folgen haben für die Kasse - gute Ärzte sollten langfrisitg mehr Abrechnungsmöglichkeiten bekommen, schlechte weniger. Auch Ärzte brauchen Kontrolle und ein Anreizssystem um wie jeder andere Serviceanbieter ständig besser zu werden.
jj2005 21.02.2018
5. Neutrale Informationen statt Werbung
Grundsätzlich finde ich es toll, dass es Institutionen wie die Stiftung Warentest gibt, die neutrale Informationen statt Lügen genannt "Werbung" liefern. Aber wenn die Bewerteten sich besser stellen können, wenn sie dafür löhnen, dann ist das nicht neutrale Information, sondern Erpressung. Man sollte übrigens auch mal prüfen, wie gewisse Onlinehändler ihre "Rezensionen" generieren. Immer wenn ich eine negative Bewertung an das grosse "A" poste, kommt kurze Zeit später eine Mail, die mir mitteilt, dass ich gegen die Etikette verstossen habe. Auch das ist kriminelles Verhalten, denn Verbraucher werden absichtlich getäuscht.
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