Japan Blogging macht berühmt

Joichi Ito ist kein Unbekannter in Japan. Als Unternehmer berichteten die Medien über ihn, doch erst als "Blogger" wurde er zum Medienstar - und "süchtig" nach der neuen Form der Öffentlichkeit. Die, sagt Ito, wird die Welt der Medien, ja die Welt selbst verändern.


Joichi Ito: Star unter Japans Bloggern
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Joichi Ito: Star unter Japans Bloggern

"Es gibt drei Arten von roten Ampeln in Neapel", berichtet Joichi Ito von seiner Italien-Reise. "An manchen muss man anhalten, wenn man nicht zu Tode kommen will. Manche sind eine Empfehlung, vorsichtig zu sein. Und andere sind reine Dekoration." Mit der Verbindung von solchen Anekdoten sowie Gedanken über die Demokratie oder Fotos vom eigenen Hund ist der 37-Jährige in Japan zu einem Internet-Star geworden.

An einem durchschnittlichen Tag verbringt Ito fünf Stunden mit seinem Web-Tagebuch oder beim Lesen von anderen Blogs, wie die "Weblogs" abgekürzt genannt werden. "Weblogs bieten viel von dem, was die Leute am Internet seit den ersten Anfängen fasziniert - einfach die Tatsache, dass jeder etwas publizieren kann", erklärt Ito. Im Unterschied zu der überwiegend konservativen und oft nur auf die eigene Inselwelt konzentrierten Elite in Japan hat sich Ito von Anfang an als Kosmopolit, als Weltenbürger, ins Netz begeben und führt sein Internet-Tagebuch daher auf Englisch.

Vorzeitig von der Hochschule abgegangen, gründete Ito eine Venture-Capital-Firma zur finanziellen Unterstützung von Internet-Projekten. Dazu gehörten Infoseek Japan und Rakuten, das größte japanische Online-Shopping-Portal. Wenn Ito nicht gerade um die Welt fliegt, um etwa Vorlesungen in Frankreich zu halten, betätigt er sich in Tokio als Regierungsberater oder erscheint im japanischen Fernsehen in Talk-Shows. Sein aufmerksamstes Publikum aber hat er mit seinem Blog "joi.ito.com".

Blogging macht süchtig

Wenn sich Ito täglich auf etwa 190 Blogs umschaut, kommt er nicht umhin zuzugeben, dass Bloggen süchtig mache. Auf die Frage, wie er denn die Zeit zu seinen anderen Unternehmungen findet, antwortet er, dass er seine Zeit in drei Blöcke aufteile - für das eigentliche Arbeiten, fürs Bloggen und andere soziale Aktivitäten und für die ganz private Freizeit. Er schaut weniger Fernsehen, spielt kaum am Computer und trinkt keinen Alkohol mehr - damit er die früher in der Bar verbrachte Zeit dem Bloggen widmen kann. "Er ist halt ein bisschen anders verdrahtet", meint Itos Freund Justin Hall, der in den USA über Technik und Kultur schreibt.

Ito interessiert sich für eine breite Themenpalette - darunter die Menschenrechte, coole Web-Sites, Kochen und natürlich Blogging. Für letzteres hat er auch den Vorsitz der Japan-Niederlassung von Six Apart übernommen, einer kalifornischen Firma, die zwei verbreitete Blogging-Tools entwickelt hat: Movable Type und TypePad. Außerdem engagiert sich Ito bei technorati.com, einem Portal, das mehr als 2,6 Millionen Weblogs auswertet und nach aktuellen Themen-Trends durchsucht.

"Moblogging": das Bild ist die Botschaft

Das Bloggen ist im Fernen Osten so schnell populär geworden, dass die japanischen Weblogs gleich nach den USA kommen. Besonders aktuell ist der Trend des "Mobile Blogging", kurz "Moblogging" genannt: Hier werden die Postings für die Web-Sites mit dem Kamera-Handy ins Netz geschickt.

Ito ist sich sicher, dass Blogging eines Tages so einflussreich sein wird wie die Presse. "Bloggen wird die Art, wie man mit Medien und Politik umgeht, von Grund auf ändern", sagt Ito und verspricht sich davon "eine Erneuerung der überkommenen Demokratien".

Dies ist auch der wichtigste Beweggrund von Junjiro Hara, der als Redakteur von "Asahi Shimbun" seine Ansichten inzwischen lieber in den Blogs kundtut als in der eigenen Zeitung. Zur Begründung sagt Hara: "Die Dinge in Japan werden sich nicht zum Besseren entwickeln, wenn nicht alle mit dem Bloggen anfangen."

Yuri Kageyama, AP



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