Netzpionier Jaron Lanier Social Media macht Politik unmöglich

Der einstige Tech-Guru Jaron Lanier plädiert in seinem neuen Buch dafür, sich von sozialen Netzwerken zu verabschieden: Die Webdienste füllten ihre Nutzer mit dem Zorn der Unsicherheit - mit drastischen Konsequenzen.

Protestler in Kairo, 2011
imago

Protestler in Kairo, 2011

Ein Buchauszug von Jaron Lanier


Der folgende Buchauszug stammt aus Laniers neuem Buch "Zehn Gründe, warum du deine Social-Media-Accounts sofort löschen musst" - aus Kapitel 9, "Social Media macht Politik unmöglich"

Zur Person
  • AFP
    Jaron Lanier, 1960 in New York geboren, ist aus der Digitalisierungsdebatte kaum wegzudenken. Der Netzvordenker begeisterte sich zum Beispiel als einer der Ersten für die virtuelle Realität, später veröffentlichte er internetkritische Bücher wie "Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht". 2014 wurde Lanier mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Früher einmal gab es einen moralischen Bogen, der sich durch die Geschichte zog: Im Laufe der Zeit gab es für immer mehr Menschen Gerechtigkeit, wie Martin Luther King ausgeführt hat. Zuerst wurden die Sklaven befreit, dann bekamen Frauen das Stimmrecht, dann erkämpften sich die LGBTQ-Communities ihre Rechte und ihre Würde. Die Demokratie verbreitete sich in immer mehr Ländern.

In jüngster Zeit jedoch, im BUMMER-Zeitalter (siehe Erklärkasten), scheint dieser Bogen einstürzen und brennend in Trümmer sinken zu wollen. Es gibt nicht nur Widerstand, während wir diesen Bogen erklettern, sondern auch für undenkbar gehaltene, katastrophale Rückschläge.

    Stichwort BUMMER

    In einem anderen Kapitel wird das Akronym BUMMER eingeführt. Es steht für "Behaviors of Users Modified, and Made into an Empire for Rent", also in etwa für: "Verhaltensweisen von Nutzern, die verändert und zu einem Imperium gemacht wurden, das jedermann mieten kann."

    Anmerkung des Übersetzers: "Bummer" ist ein umgangssprachlicher Ausdruck für etwas Unerfreuliches, ähnlich wie "Mist!" oder "blöd!".

In den vergangenen Jahren sind in der Türkei, in Österreich, in den USA, in Indien und anderen demokratischen Staaten autoritär angehauchte Führer gewählt worden, die ihre Macht auf Stammesdenken gründen. Der Wähler wählt sich selbst ab. In all diesen Fällen hat BUMMER eine wichtige Rolle gespielt. Ich hoffe sehr, dass unsere Zeit einmal als kurzer Rückfall im ansonsten kontinuierlichen Aufstieg hin zu einer demokratischeren Welt erscheinen wird.

Im Augenblick aber stehen wir einer erschreckenden, plötzlichen Krise gegenüber. Vor der BUMMER-Ära herrschte die allgemeine Ansicht, dass ein Staat, der einmal demokratisch wurde, nicht nur demokratisch bleiben, sondern auch immer demokratischer werden würde, weil das Volk es so verlangte.

Etwas entfremdet junge Menschen von der Demokratie

Leider ist das nicht mehr der Fall, und zwar erst seit Kurzem. Etwas entfremdet junge Menschen von der Demokratie. Trotz all des hoffnungsvollen Eigenlobs der Social-Media-Unternehmen scheint es so, als ob durch die Schwächung der Demokratie auch das Internet hässlich und betrügerisch geworden ist.

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Jaron Lanier:
Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst

übersetzt von Karsten Petersen und Martin Bayer

Hoffmann und Campe Verlag; 208 Seiten, 14 Euro

Die Korrelation zeigt sich in Entwicklungsländern womöglich noch stärker. Der einfachere Zugang zu technischen Informationsmedien, zum Beispiel die Möglichkeit, SMS per Telefon zu verschicken, hat wahrscheinlich mit zum wunderbaren und historischen Rückgang schwerer Armut überall auf der Welt in den letzten Jahrzehnten beigetragen. Dann aber kamen die sozialen Netzwerke, und die Mobiltelefone verwandelten sich in Propagandawerkzeuge irrsinniger gesellschaftlicher Gewalt.

Eine der größten humanitären Katastrophen weltweit - die noch andauert, während ich dies schreibe - ist das Los der Rohingya in Myanmar. Diese Krise fällt zeitlich mit der Ankunft von Facebook vor Ort zusammen, das rasch mit Shitposts über die Rohingya überschwemmt wurde. Gleichzeitig verbreiteten sich im Internet virale Lügen über Kindesentführungen, meist auf WhatsApp, einem Facebook-Dienst, und destabilisierten Teile Indiens. Laut einem UN-Bericht sind die sozialen Netzwerke im Südsudan durch Shitposts zu einer tödlichen Waffe geworden.

Meme, die zum Völkermord anstiften sollen

Anonyme Urheber überfluten die sozialen Netzwerke mit bizarren Behauptungen über Unrecht, das eine Blutrache nach sich zieht, und angeblich von Angehörigen der feindlichen Gruppe begangen wurde. Meme, die zum Völkermord anstiften sollen, behaupten oft schreckliche Gewalttaten an Kindern. Wie immer bei BUMMER bekommen die abstoßendsten, paranoidesten Nachrichten die größte Aufmerksamkeit, die Emotionen verselbständigen sich, weil auch die Betroffenheit außer Kontrolle gerät.

Nun hatten die Regionen, in denen dies geschieht, schon immer ihre Probleme. Ihre Geschichte ist voller seltsamer, böser und verrückter Politiker, Massenhysterien und gewalttätiger Ausschreitungen aufgrund zahlreicher Gerüchte. Und voller gescheiterter Staaten. Leben wir wirklich in einer so ungewöhnlichen Zeit?

Das müssen die Historiker der Zukunft entscheiden. Mir scheint jedenfalls, dass in unserer Welt etwas schrecklich schiefläuft, und zwar erst seit wenigen Jahren, seit dem Aufkommen von BUMMER. Wir erleben keine nie da gewesenen Gräuel - sie sind alle schon da gewesen -, aber der kostbare Bogen des Fortschritts entgleitet uns. Auf einmal rutschen wir ihn auf schreckliche Weise wieder hinunter.

Ein typischer Fall von Social-Media-Einfluss auf die Politik sieht so aus: Eine Gruppe hipper, junger Gebildeter entdeckt eine Social-Media-Plattform für sich, weil solche Plattformen von anderen hippen, jungen Gebildeten gegründet werden. Sie sind Idealisten. Vielleicht sind sie Liberale, vielleicht Konservative, was auch immer. Sie wollen ernsthaft die Welt verbessern. Das gilt sowohl für die IT-Leute, die eine BUMMER-Plattform ins Netz stellen, wie für die Nutzer draußen am Rechner.

Idealisten werden mit Shitposts bombardiert

Zuerst funktioniert das wunderbar, oft mit spektakulärem Erfolg, mit ekstatischem Erfolg, aber dann wird wie durch einen Zauber alles kaputt gemacht. BUMMER zieht letztlich eher großmäulige Arschlöcher und Betrüger an als hippe, junge, gebildete Idealisten, weil BUMMER langfristig mehr der versteckten, böswilligen Manipulation dient als jedem anderen Zweck.

Von seinem Wesen her, ganz ohne bösen Plan, studiert BUMMER die frühen Idealisten und katalogisiert ihre Eigenheiten. Das Ergebnis hat den ungewollten Effekt, dass die angelockten Idealisten mit Shitposts bombardiert werden, die sie, statistisch gesehen, ein wenig verärgerter und ein wenig unfähiger machen, mit Menschen zu kommunizieren, die eine andere Ansicht vertreten. In der Konsequenz sind sie nun ein wenig isolierter und ein wenig unfähiger, gemäßigte oder pragmatische Politik zu tolerieren.

BUMMER untergräbt die politische Entwicklung und schädigt Millionen Menschen, aber viele dieser Geschädigten sind gleichzeitig so süchtig, dass sie nicht anders können, als BUMMER zu loben, weil sie sich darin über die Katastrophen beklagen können, die BUMMER ihnen eingebrockt hat. Das ist wie das Stockholm-Syndrom oder Hörigkeit in einer gewalttätigen Zweierbeziehung. Die ehrlichen Idealisten der Anfangszeit sind die Verlierer, doch sie danken BUMMER noch dafür, was es ihnen geschenkt hat und wie es sie zusammengebracht hat.

Der Arabische Frühling als Beispiel

Den Arabischen Frühling nahm das Silicon Valley zum Anlass, sich von ganzem Herzen selbst zu beglückwünschen. Wir nahmen ihn damals für uns als Ruhmesblatt in Anspruch. Die Begriffe "Facebook-Revolution" und "Twitter-Revolution" hörte man ziemlich oft.

Wir versammelten uns vor Großbildschirmen, um den jungen Leuten auf dem Tahrir-Platz in Kairo zuzuschauen, wie sie es mit einer despotischen Regierung aufnahmen, und wir liebten sie. Wir feierten, wie ganz gewöhnliche Bürger mithilfe der sozialen Netzwerke der Nato Ziele für Luftangriffe angaben. Social Media stellte den normalen Social-Media-Nutzern eine moderne Armee zur Verfügung.

Revolutionen hat es schon immer gegeben, aber diesmal war etwas anders. Es gab zum Beispiel keine charismatische Führergestalt, keinen George Washington oder Wladimir Iljitsch Lenin. Das, dachten wir, ist wirklich eine Revolution des Volkes. Es gab keine Guerillaführer, die sich, umschwärmt von Untergebenen, über große Tische mit Landkarten beugten. Es gab kein grundlegendes Manifest, keine allgemeine Vereinbarung oder auch nur eine unverbindliche Absprache, wie es nach der Revolution weitergehen sollte.

Der Begriff "Demokratie" fiel immer wieder, aber es gab keine Einigkeit, was darunter zu verstehen sei. Hier wurde die Demokratie als vager Glaube an die weltverbessernde Kraft der kollektiven Dynamik des Internets missverstanden. Eine sich selbst organisierende Revolution konnte ja nichts falsch machen. Damit, so glaubten wir, erfüllte sich unser Glaube an Social Media.

Keine Arbeit für Revolutionäre

Ich war mir da nicht so sicher und verärgerte einige meiner Freunde mit Fragen wie: "Und wo bekommen diese jungen Leute nachher einen Arbeitsplatz?" Oder, noch schlimmer: "Vielleicht bei Twitter oder Facebook?" Außerdem fand ich, dass eine Revolution denen gehörte, die sie machten, und dass es falsch war, ihr die Markennamen von Silicon-Valley-Unternehmen anzukleben.

Tatsächlich fanden die Revolutionäre später keine Arbeit, und tatsächlich gab es niemanden, der Ägypten nachher politisch kohärent organisieren konnte - außer theokratischen Extremisten, die dann wieder durch einen Militärputsch entmachtet wurden. Noch immer hatte kaum einer der inspirierenden jungen Revolutionäre einen anständigen Job.

Wie immer bestand die Leistung von Social Media auch damals darin, dass sie Illusionen schufen: Dass man die Gesellschaft durch bloßes Wünschen verbessern könne, dass in harten Machtkämpfen immer die Vernünftigsten siegen und sich materieller Wohlstand dann schon ganz von selbst einstellen würde. Solche Illusionen platzen grundsätzlich erst dann, wenn es zu spät ist, und die Brutalsten, Selbstsüchtigsten und Uninformiertesten erben die Welt. Wer kein Arschloch ist, wird zum Opfer.

Ich war also der zynische Spielverderber, aber wie sich herausstellte, war ich noch lange nicht zynisch genug. Den folgenden Geschehnissen wollte kein IT-Unternehmer mehr seinen Markennamen anhängen.

Gegenbewegungen zur Revolutionen gab es schon immer, genauso wie Versuche, eine Revolution an sich zu reißen, sie zu korrumpieren, sie in eine Terrorherrschaft zu verwandeln, und was derlei Perversionen mehr sind. Diesmal aber war etwas anders.

Junge Leute wurden zu Gräuelsüchtigen

Es kam zu einer Explosion nihilistischen Terrors im Internet. Junge Leute schauten sich die schrecklichsten, sadistischsten Videos an, die ihnen über Silicon-Valley-Unternehmen geliefert wurden, und es entstand eine Dynamik ähnlich wie bei Pornografie: Die jungen Leuten wurden zu Gräuelsüchtigen. Auch das hat es leider schon immer gegeben, aber früher waren das organisierte Gräuel. Die vielen Schlachtfelder der Geschichte haben wir organisierten Banden zu verdanken, aber jetzt waren es Einzelgänger am Rechner, die sich selbst radikalisierten.

Das Bild des einsamen männlichen Nutzers, der sich in einer imaginären Welt ergeht, wurde geboren, eines Nutzers, der von den kleinlichsten Illusionen heimgesucht wird, erfüllt von dem Zorn der Unsicherheit.

Aber der Glaube des Silicon Valleys, dass Social Media sozialen Fortschritt bewirken würde, blieb unerschütterlich. In mir lebt er immer noch. Während ich dies schreibe, am 1. Januar 2018, blockiert das iranische Regime soziale Netzwerke, um Proteste zu unterdrücken, die im ganzen Land ausgebrochen sind. Eine innere Stimme erhebt sich in mir: "Ja! Doch, Internettechnologie hilft den Menschen, sich zu organisieren, und sie sind schlau genug, die Versuche, sie auszusperren, zu umgehen."

Ich will diese Hoffnung einfach nicht aufgeben. Keiner von uns will sie aufgeben. Aber bis jetzt ist die Lage nicht sehr ermutigend.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
barstow 31.05.2018
1. Schon spannnend
Schon spannend, wie die die meinen, besonders liberal, weltoffen, aufgeschlossen und tolerant zu sein, die Freiheiten abschaffen wollen, weil sie andere Aussagen ausser ihrem Elfenbeinturndenken nicht ertragen koennen. Uerzeugen nicht verbieten heisst die Devise.
vox veritas 31.05.2018
2. Zu allererst mal ...
... muß ich gar nichts! Schon gar nicht muß ich mir vor Gurus irgendetwas vorschreiben lassen. Zweitens, in Demokratien muß man miteinander sprechen, eine politische Lage ehrlich bewerten, verschiedene Wege zur eine möglichen Lösung aufzeigen und pro und contra Argumente austauschen dürfen. Anschließend bewerten die Wähler die jeweiligen Vorschläge und stimmen darüber ab. Wenn es einzelne Idioten gibt, die das nicht können, dann darf man nicht die Mehrheit dafür bestrafen. Also: Ganz schlechter Vorschlag
diorder 31.05.2018
3. Noch spannender
wie ein Superbesserwisser das bestätigt,was L. beschreibt: Jede Idee, die zu positiv wird untergebracht...
specialsymbol 31.05.2018
4. Die Korrelation mag da sein, aber sie ist irreführend
Ich denke, die Politikverdrossenheit hat tatsächlich etwas mit dem Aufkommen der Informationstechnik zu tun. Aber weniger aufgrund der kommunikativen Probleme, die Lanier anspricht, als wegen der informationellen: es fällt heute einfach schwer, den Politikern zu glauben. Man kann sich in Minuten (manchmal auch Stunden) besser informieren als es jeder Entscheidungsträger jemals täte. Anschließend sieht man die Entscheidung des besagten Entscheidungsträgers und stellt fest, es war keine rationale Entscheidung sondern eine egoistische, häufig orientiert an Lobbyinteressen. Das Muster wiederholt sich, es gibt Aufdeckungen und Studien über das Fehlverhalten (auch das war früher seltener möglich, als die großen Zeitungen gnädig über vieles hinwegsahen). Am Ende glaubt man den Geschichten der Politik insgesamt nicht mehr. Man stellt in Frage, warum Umverteilung immer nur von vielen zu wenigen erfolgen muß. Warum die Armen sich nicht wehren dürfen, warum immer die ohnehin Besitzarmen enteignet werden (in der Regel die jüngeren Bevölkerungsanteile). Das sind viel eher die Ursache als die Unfähigkeit mit Kritik umzugehen.
diorder 31.05.2018
5. Vox Veritas
schon der Name verbürgt für die Wahrheit. Das Idealbild von Demokratie heute in allen Ehren. Die Realität sieht leider anders aus. Und da ist das Netz sicher nicht unbeteiligt. Vor allem wenn man bedenkt, dass es im Netz mehr professionelle Meinungsmacher als Journalisten auf der Welt gibt. Wie weit wir Normalos zu dieser Situation der Demokratien beitragen, ist einer Diskussion durchaus wert: Inwieweit provoziere ich selbst andere wozu auch immer. Unbeabsichtigte Blasenverstärkung
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