2020 - Die Zeitungsdebatte

Zeitungsdebatte Journalisten sind Dienstleister, keine Monopolisten

Die Menschen teilen heute im Internet selbst mit, was sie sehen, erleben und denken, sagt der Reporter und Blogger Jeff Jarvis. Darum haben sich die Aufgaben der Journalisten verändert, sie müssen ordnen, einordnen, Zusammenhänge deutlich machen. Und sie haben das Monopol verloren, die veröffentlichte Meinung zu dominieren.

Es war die großartige Maschine von Johannes Gutenberg, die einst Information und Kommunikation industrialisierte. Fast 600 Jahre dauerte dieser Zustand an, und jetzt zwingt uns das Internet, sämtliche Annahmen aus dem Industriezeitalter in jedem Bereich zu hinterfragen - auch in dem der Nachrichten.

Journalisten hatten die Funktion von Wächtern, die darüber entschieden, welche Nachricht das Tor zur Öffentlichkeit passieren durfte, die aus diesen Informationen Geschichten bastelten, über die sie die Kontrolle behielten. Ihre Arbeit wurde finanziert, indem diese Nachrichten zusammen mit Nicht-Nachrichten - Unterhaltung, Sport, Lifestyle - ausgeliefert wurden, die Leser und Anzeigenkunden lockten. Journalisten besaßen auf diese Weise ein herrliches Oligopol. Doch damit ist es nun vorbei. Die Satirezeitschrift "The Onion" hat bereits den Nachruf auf das Printmedium geschrieben.

Wer sagt denn überhaupt, Nachrichten müssten auf Papier erscheinen, in Form von Artikeln, einmal am Tag, und zwar für alle die gleichen, aus einer Nachrichtenredaktion, verfasst von Journalisten? Handeln wir denn mit Inhalten? Produzieren und schützen wir ein knappes Gut? Oder sollten wir nicht vielmehr dazu übergehen, Nachrichten als Dienstleistung zu verstehen, deren Ergebnis nicht Produkte auf Papier oder auf dem Bildschirm sind, sondern gut informierte Menschen und Gesellschaftsgruppen?

Das Internet bietet Journalisten die noch nie dagewesene Chance, einige Dinge ganz neu zu erfinden: unsere Beziehung zur Öffentlichkeit, der wir dienen; die Form, in der Nachrichten erscheinen; und Geschäftsmodelle, die diese finanzieren können.

Die Beziehung zur Öffentlichkeit

Die Öffentlichkeit kann heute selbst mitteilen, was sie mit eigenen Augen gesehen hat und was sie weiß, indem sie die Dienste des Internets nutzt - Google, Facebook, Twitter, YouTube, Instagram. Sie braucht die Medien nicht mehr als Vermittler. Trotzdem werden Journalisten weiterhin benötigt, vielleicht sogar mehr denn je. Journalisten müssen diesem Informationsfluss einen Mehrwert geben, sie müssen Fakten überprüfen, Gerüchte entlarven, Quellen aufstöbern, Zusammenhänge und Erklärungen hinzufügen und, was am wichtigsten ist, Fragen stellen und Antworten finden, die nicht in dem Fluss enthalten sind - also: berichten.

Nachrichtenunternehmen können darüber hinaus als Plattformen dienen, auf der Gesellschaftsgruppen Informationen austauschen können. Nehmen wir zum Beispiel die App "Waze", die Google gerade zu kaufen versucht. Sie ermöglicht unzähligen Pendlern, Verkehrsinformationen untereinander auszutauschen - überall, automatisch und kostengünstig - und bietet dem Einzelnen damit einen viel höheren Nutzen als die Massenmedien, etwa Radiomeldungen, es jemals könnten. "Waze" ist außerdem in der Lage, Zusatzinformationen zu verarbeiten - wo wir leben und wo wir arbeiten. Weiß Ihre Zeitung das auch von Ihnen?

Die Form der Nachrichten

Genau wie ganze Publikationen derzeit auseinandergenommen werden, so geschieht das auch mit einzelnen Nachrichtenartikeln. Die einzelne Erzählung wird in verschiedene Posten aufgeteilt: Das Neueste kommt zum Beispiel von Twitter, Hintergründe von Wikipedia, Einzelheiten aus einer Datenbank, Zitate von YouTube, Erklärungen aus einer Grafik. So kann jeder ein Ereignis auf seine eigene Art erleben. Sind Journalisten weiterhin Geschichtenerzähler? Nur wenn das noch die beste Art ist, Informationen zu vermitteln.

Neue Geschäftsmodelle

Tja, das ist die wirklich schwierige Frage. Wir können die alten Modelle nicht in eine neue Realität hinüberretten. Nur weil wir den Zugang zu Inhalten früher kostenpflichtig zur Verfügung gestellt haben und die Anzeigenpreise bestimmen konnten, heißt das nicht, wir hätten ein Recht, weiterhin so zu verfahren.

Die neue Bilanz sagt, das Internet ist effizienter in der Wirkung und bringt erhebliche Kosteneinsparungen: Herstellungs- und Vertriebskosten fallen weg, dafür wird Spezialisierung und kollektive Zusammenarbeit einfacher. Ich sage immer: Tue das, was du am besten kannst, und verlinke den Rest.

Ich denke, unser neuer Wert wird sich ergeben, indem wir zu Menschen als Individuen eine Beziehung aufbauen - nicht mehr als eine Masse. Das ist zum Beispiel auch das Geschäftsmodell von Google: Google bietet Relevanz und erkennt Werte, weil Google weiß, wonach jeder von uns sucht, wo wir uns aufhalten und was wir wollen. Diese Daten zu sammeln, auszuwerten und auf sie zu reagieren, darauf ist Google ausgerichtet. Medieninhalte erzeugen Daten über Interessen und Bedürfnisse. Auch wir, die wir in den Medien arbeiten, müssen lernen, diese Daten als Basis zu verwenden, um neue Beziehungen aufzubauen und mehr Wert aus ihnen herauszuholen.

Es ist meine größte Hoffnung, dass Amazon-Gründer Jeff Bezos durch seine Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, dem Kauf der "Washington Post" Bedeutung verleiht. Dass er sie von einer Content-Fabrik in eine Plattform mit Informationsservice verwandelt und Washington damit ein Stück klüger macht.

Ich habe Zeitungen geliebt. Mein Keller ist voll von Zeitungsausschnitten, weil ich immer noch stolz bin, unter ihnen meinen eigenen Namen zu lesen. Ich habe Zeitschriften geliebt. Ich habe das Magazin "Entertainment Weekly" ins Leben gerufen und es jede Woche stapelweise gekauft. Wenn ich heute den Untergang der Printmedien voraussage, sagt immer jemand, "die Menschen lieben aber Papier". Ja, erwidere ich dann, so wie die Menschen früher Pferde geliebt haben. Aber Pferde waren ökonomisch (und ökologisch) nicht mehr vertretbar, und wir sind weitergezogen.

Ziehen wir also weiter. Was zählt, sind nicht Zeitungen. Was zählt, sind Nachrichten und der Journalismus. Und wie sie der Gesellschaft dabei helfen können, ihr Wissen zu organisieren, um sich selber besser zu organisieren. So würde ich Journalismus definieren.

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4 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
PeterStraffrei 06.08.2013
wolle0601 06.08.2013
prefec2 06.08.2013
kiba80 07.08.2013
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Zum Autor
  • John Smock
    Jeff Jarvis, 59, ist Autor der Bestseller "Mehr Transparenz wagen!", "What would Google do?", "Gutenberg der Nerd". Er leitet das Tow-Knight Center für Entrepreneurial Journalismus an der City University of New York. Er moderiert den Podcast "This Week in Google" und betreibt den einflussreichen Medienblog
  • buzzmachine.com
2020 - Die Zeitungsdebatte
  • Illustration: Carsten Raffel/ USOTA.COM
    Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Dieser Frage gehen auf dieser Seite Leser, Journalisten, Fotografen und Grafiker nach. Seit Jahren verlieren die Tageszeitungen an Auflage. Dass sich der Springer-Verlag von seinen Regionalzeitungen getrennt hat, war für viele ein gefährliches Signal.
  • Übersicht: 2020 - Die Zeitungsdebatte

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